Stuttgart - Sein Kinderzimmer ist noch immer fast unverändert. Wenn er seine Eltern zu Hause am Neckartor besucht, dann sieht er dort die Poster und Bilder von früher hängen. Alles vom VfB.
Schon damals drehte sich alles um den VfB Stuttgart für Jens Grahl. Als Vierjähriger hat er bei den Bambinis des Bundesligisten mit Fußball angefangen und einst in VfB-Bettwäsche und mit einem Fritzle-Plüschtier an der Seite geschlafen, heute ist er Profi des Clubs aus Cannstatt, wo er geboren ist. „Für mich ist das einfach das Geilste auf der Welt, bei dem Verein hier zu spielen“, sagt der 30-Jährige.
Wobei er gar nicht viel spielt. Nie, um genau zu sein. Denn Grahl ist der Ersatztorwart des Abstiegskandidaten, der am Sonntag (18 Uhr/Liveticker) bei Eintracht Frankfurt antritt.
Er ist die Nummer zwei. Es ist die vielleicht diffizilste Rolle, die es im Fußball gibt. Denn das bedeutet einerseits, nie zum Einsatz zu kommen, und andererseits, für den Fall der Fälle trotzdem immer für einen Einsatz bereit sein zu müssen. „Er ist sehr vorbildlich. Er identifiziert sich voll mit der Mannschaft und dem Verein und gibt täglich Vollgas“, sagt VfB-Trainer Markus Weinzierl.
Der Ex-Nationalspieler Ron-Robert Zieler ist im Stuttgarter Tor gesetzt. Grahl geht mit der Sache sportlich-kameradschaftlich um, unterstützt seinen Konkurrenten, anders als etwa einst die erbitterten Rivalen Oliver Kahn und Jens Lehmann im Nationalteam. „Wenn du einen vor dir hast, der vielleicht ein paar Prozent besser ist als du, musst du das anerkennen“, sagt Grahl. Zwölf Einsätze in der Bundesliga stehen für ihn zu Buche aus seinen sieben Jahren bei der TSG 1899 Hoffenheim, seit dem Wechsel zum VfB im Sommer 2016 ist keine Pflichtspielminute mehr hinzugekommen.
Kurz nach der Heimkehr ließ er sich ein eindrucksvolles Tattoo auf den linken Arm stechen. Stolz krempelt er den Ärmel seines olivgrünen Pullovers zurück und präsentiert es. Es zeigt einen Jungen, der im Trikot mit der Nummer 13 neben einem Ball sitzt und auf das Stuttgarter Stadion blickt. Es ist der junge Jens. Die Tätowierung ist ein sichtbares Zeichen von Grahls tiefer Identifikation mit dem Club. Als Teenager stand er selbst in der Kurve und fuhr auch zu Auswärtsspielen mit. Mit dem Engagement beim VfB lebt er den Traum, den er damals hatte. „Wenn’s nach mir geht, würde ich für den Rest meiner Karriere hier bleiben“, sagt Grahl, dessen Vertrag bis Sommer 2020 läuft. „Ich könnte mir auch vorstellen, hier nach der Karriere weiterzuarbeiten.“
Schlagzeilen machte Grahl in seiner VfB-Zeit bisher nur, als er im Januar 2017 einen Einbrecher verjagte oder als seine Frau Natalie wenig später bei der TV-Sendung „Shopping Queen“ gewann. „Ich brauche das Rampenlicht nicht“, sagt er mit einem augenzwinkernden Verweis auf Leroy Sanés aufsehenerregende Jacke oder anderen Fußballerprotz und fügt an: „Ich komme auch manchmal mit dem Roller ins Training.“ Vergangenes Jahr hat er eine hellblaue Vespa zum Geburtstag geschenkt bekommen, mit der er immer wieder die sieben Kilometer von seinem Zuhause am Frauenkopf runter in den Neckarpark tuckert.
Er bleibt gerne im Hintergrund, hilft mit seiner offenen Art bei der Integration von Neuzugängen wie im Sommer Gonzalo Castro und Marc Oliver Kempf („Sie sind richtig gute Freunde von mir geworden“) und ist ein beliebter Kummerkasten für geknickte Mitspieler. Zudem ist er Kassenwart, jeden Monat treibt er die Strafen ein. „Da bin ich manchmal vielleicht ein bisschen zu nett“, sagt er und lacht. „Mit den Einnahmen finanzieren wir Mannschaftsabende oder kaufen Geschenke für die Zeugwarte und Physiotherapeuten – die machen das ganze Jahr einen Riesenjob.“
Es sagt viel über seinen Stellenwert, dass er zu den ersten Spielern zählte, mit denen Thomas Hitzlsperger nach der Beförderung zum Sportvorstand Mitte Februar gesprochen hat. „Er ist ein super Typ. Solche Spieler kann man sich nur wünschen“, sagt Hitzlsperger. „Er ist jemand, der den VfB im Herzen trägt, jeden Tag Vollgas gibt und seine Rolle akzeptiert – das ist ja nicht immer selbstverständlich, eine Nummer zwei zu haben, die sich so verhält.“
Grahl ist einer derer, die auf der Ersatzbank immer voll mitgehen, wie etwa jüngst im Heimspiel gegen die TSG 1899 Hoffenheim (1:1) bei einer starken Grätsche von Santiago Ascacibar an der Außenlinie zu sehen war. Grahl bejubelte den Argentinier dafür – und die Fans feierten wiederum den leidenschaftlichen Ersatztorwart für sein Herzblut. Immer wieder meckert er auch Schieds- und Linienrichter oder Gegenspieler an und treibt emsig seine Mitspieler an. „Ich bin voll im Spiel drin und fühle mich danach, als ob ich 90 Minuten gespielt hätte, weil ich immer voll unter Hochspannung bin“, sagt Grahl. Ein echter Cannstatter Junge halt.
In unserer Bildergalerie zeigen wir die Torhüter des VfB Stuttgart von den Profis bis zu den B-Junioren.