Madrid - In João Félix steckt noch mehr Klasse als die eines hochbegabten Fußballers, das wurde auch seiner neuen Heimat schnell bewusst. Bei seiner Vorstellung als Spieler von Atlético Madrid zeigte der Teenager zu Wochenbeginn die richtige Mischung aus Souveränität und Demut, ein charmantes Lächeln und diesen tiefen Blick, der direkt in die Seele seiner portugiesischen Heimat zu führen scheint. Félix ist einer für die Romantiker, er trägt nicht mal Tattoos. Nur mit seinen Plateau-Turnschuhen leistete sich der schmächtige Angreifer ein Zugeständnis an den Zeitgeist.
Wenn sich der „Goldjunge“, wie ihn Landsmann und Atlético-Heros Paulo Futre während der Zeremonie ansprach, damit noch etwas größer machen wollte, wäre das nur zu verständlich – im Alter von 19 Jahren und nach gerade mal 2866 Spielminuten für die erste Mannschaft von Benfica Lissabon hat er 126 Millionen Euro Ablöse gekostet. Sein Erwerb beflügelt dermaßen die Inspiration, dass ihn Atlético gleich als neues Meisterwerk der Stadt zwischen den Goyas und Velázquez’ im berühmten Madrider Prado ablichten ließ. Wenig überraschend lautete die häufigste Frage an Félix bei seiner Vorstellung, wie er mit diesem ganzen Druck umzugehen gedenke. Da kann man jeden Zentimeter zusätzliches Selbstbewusstsein gut gebrauchen.
Der teuerste Transfer des Sommers
Félix ist bisher der teuerste Transfer eines Sommers, in dem der Jugendkult des Fußballer-Marktes eine neue Dimension zu erreichen scheint. Im Kostenranking folgen auf Félix und den Belgier Eden Hazard (100 Millionen Euro von Chelsea zu Real Madrid) neun Spieler zwischen 18 und 23 Jahren, die insgesamt 545 Millionen Euro bewegt haben, aber zusammen nur auf 50 Länderspiele kommen. Neben international (teil-)erprobten Kräften wie Lucas Hernández (23 Jahre, Atlético zu Bayern, 80 Mio. Euro Ablöse, 15 Länderspiele), Frenkie de Jong (22, Ajax zu Barcelona, 75 Mio, neun) oder Rodri Hernández (23, Atlético zu Manchester City, 70 Mio, sieben) befinden sich darunter auch Nobodys wie Aaron Wan-Bissaka (21, Crystal Palace zu Manchester United, 55 Mio) oder Rodrygo Goes (18, Santos zu Real Madrid, 45 Mio).
João Félix hat einmal das portugiesische Trikot getragen, im Nations-League-Halbfinale gegen die Schweiz stürmte er bis zu seiner Auswechslung neben Cristiano Ronaldo. Natürlich wurde er auch nach dem gefragt bei der Vorstellung in Madrid, als wohl größtes Talent seines Landes seit dem fünffachen Weltfußballer. „Ich will meine eigene Geschichte schreiben“, antwortete Félix. Und auch wenn er jetzt dieselbe Nummer Sieben vom abtrünnigen Antoine Griezmann übernimmt wie Ronaldo bei seinem Wechsel 2003 von Sporting Lissabon zu Manchester United von David Beckham, könnte diese Geschichte kaum unterschiedlicher beginnen.
Ronaldo kostete damals rund 18 Millionen Euro
Ronaldo kostete damals rund 18 Millionen Euro: ein Siebtel. Dennoch handelte es sich in jenem Jahr 2003 um eine neue Rekordablöse für einen Teenager. Diese liegt inzwischen bei den bis zu 180 Millionen Euro, zu denen sich Paris St. Germain beim Transfer des vor zwei Jahren gekauften Kylian Mbappé verpflichtete: gar das Zehnfache also wie bei Ronaldo. Zwar sind die Fußballerpreise seither allgemein gestiegen, aber nicht im selben Maße. Teuerster Spieler der Welt war damals Zinédine Zidane, der 2001 für 77 Millionen Euro von Juventus Turin zu Real Madrid gewechselt war. Heute ist es Neymar mit 222 Millionen (Barcelona nach Paris). „Nur“ knapp das Dreifache.
Unter Experten ist unumstritten, dass auch die Qualität der jungen Spieler exponentiell gewachsen ist. Durch eine immer bessere Ausbildung von immer früher entdeckten Talenten besitzen heutzutage schon Teenager die Reife, um wie Matthijs de Ligt (19) bei Ajax Amsterdam einen Champions-League-Halbfinalisten als Kapitän auf den Platz zu führen (der Niederländer steht seinerseits vor einem hochpreisigen Transfer, wohl zu Juventus). Gleichwohl verblüfft, wie schnell die Clubs ihre Konten für den Einkauf von Spielern plündern, über deren Konstanz, Verletzungsresistenz oder Lebenswandel allenfalls Prognosen möglich sind. Qualifizierte sich früher ein Profi mit jahrelang stabilen Leistungen für einen teuren Wechsel zu einem internationalen Topverein, reichen inzwischen schon kurze Abschnitte: eine gute Saison, ein starkes Turnier. Der Erfolg von Mbappé in Paris samt weiterer Wertsteigerung hat diese Tendenz noch weiter beflügelt.
Ob sie wirklich Erfolg bringt, ist eine andere Frage. Das Beispiel des aktuellen Champions-League-Siegers Liverpool legt eher das Gegenteil nahe. Er basierte nicht zuletzt auf den Zukäufen von Torwart Allison oder Abwehrchef Virgil van Dijk. Klassische Transfers gestandener Profis im Alter von Mitte 20.
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