Jobprogramm für Flüchtlinge Der Lokführer aus Syrien

Basem Karabash fährt seit vier Monaten für das Nahverkehrsunternehmen Abellio. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Basem Karabash fährt Passagiere von A nach B. Er ist einer von 15 Geflüchteten, die erfolgreich die Qualifizierung zum Triebwagenführer abgeschlossen haben. Eine Zugfahrt von Stuttgart nach Tübingen.

Stuttgart - Wenn das seine Mutter sehen könnte! Sie wäre stolz, da ist er sicher. Ihr Sohn im Führerstand einer Hightech-Bahn in Deutschland. Gekleidet in eine schicke dunkle Weste, das wellige Haar ordentlich nach hinten gegelt. Verantwortung auf den Schultern. Ein fester, gut bezahlter Job. Basem Karabashs Finger bewegen routiniert die Knöpfe und Hebel des Elektrotriebzuges, in dem er sitzt. An jedem Bahnhof steckt er den Kopf aus dem Fenster, scannt den Bahnsteig ab. Alle Passagiere drin? Ein Knopfdruck. Türen schließen. Gas geben, beschleunigen auf maximal 160.

 

Basem Karabash schweigt, während er den 173 Tonnen schweren Koloss steuert. Der Regen klatscht gegen die große Frontscheibe, die Schienen sind nass und glatt. Er weiß, dass er jetzt besonders achtsam sein muss, vor allem beim Bremsen. Alle 30 Sekunden drückt er ein Fußpedal, das der Leitstelle signalisiert: Ich bin noch da, alles in Ordnung. Würde er das nicht tun, der Zug würde abrupt zum Stehen kommen – eine von mehreren Sicherheitsmaßnahmen.

Seit vier Monaten fährt Basem Karabash für das Nahverkehrsunternehmen Abellio, an diesem Tag von Stuttgart nach Tübingen. Die Landschaft, durch die der Zug sich schlängelt, wäre die perfekte Modelleisenbahnkulisse: charmante Häuser, alte Kirchtürme, sattgrüne Täler. Ein Panorama wie aus einem Kitschfilm. Die gelb-schwarze Bahn hält in vielen kleinen Ortschaften. Wannweil. Bempflingen. Oberboihingen. Basem Karabash kennt sie nur aus Lokführer-Perspektive. Er mag die Aussicht beim Fahren, sagt er. Oft sieht er Füchse und Rehe. Er mag es, wie sich bei Sonnenaufgang der Himmel verfärbt. Und er mag die Ruhe hier vorne. Fünf Quadratmeter, die ihm gehören. Nur selten klopft jemand ans Fenster, um eine Frage zu stellen. Läuft etwas nicht rund, dann wird schon mal gegen die verschlossene Tür gehämmert, hinter der Karabash sitzt, und jemand lässt seinem Ärger freien Lauf. Damit kommt der 29-Jährige klar. Vor Abellio hatte er einen Job im Güterverkehr, fuhr vor allem nachts. „Das wollte ich nicht mehr.“

Modellprojekt des Landes

In Baden-Württemberg fehlen Hunderte, bundesweit Tausende Triebwagenführer. Basem Karabash ist einer von 15 Geflüchteten, die 2019 erfolgreich an einem Modellprojekt des Landes und der Bundesagentur für Arbeit teilgenommen haben. In anderthalb Jahren wurde er in Mannheim zum Lokführer ausgebildet. Vier Eisenbahnverkehrsunternehmen beteiligten sich, Männer aus Tunesien, Syrien, Marokko und Sri Lanka wurden fit gemacht für die Gleise.

Basem Karabash stammt aus Syrien. Dass er die Ausbildung geschafft hat, bringt ihn seinem Ziel näher: In Deutschland eine berufliche Perspektive entwickeln. Sich ein gutes Leben aufbauen. Karabash war ohne seine Familie nach Europa aufgebrochen, seit 2014 hat er seine Eltern und seine vier Geschwister nicht mehr gesehen.

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Bis zu zwölf Stunden täglich büffelte er für die Prüfungen, prägte sich Eisenbahn-Fachbegriffe ein, für die es in seiner Muttersprache keine Worte gibt. Immer an seiner Seite: ein Integrationscoach, der ihm über sprachliche Stolpersteine hinweghalf. Erst erwarb Karabash einen Führerschein zum Rangieren, anschließend den Führerschein für das Fahren von Bahnen im Regelbetrieb. Der Lehrlokführer Ralph Scheffler, der an diesem Tag auf der Strecke Stuttgart-Tübingen dabei ist, sagt: „Ich zieh’ vor jedem meinen Hut, der die Ausbildung gemacht hat. Die eisenbahnspezifischen Begriffe sind auch für Deutsche nicht ohne.“

Dunkle Erinnerungen

Eigentlich hatte Basem Karabash andere Pläne gehabt. Er wuchs in Damaskus auf, der Hauptstadt Syriens, und schloss dort ein BWL-Studium ab. Zum Arbeiten kam er nicht mehr, das Militär wartete. „Ich hätte kämpfen müssen. Vielleicht wäre ich gestorben. Oder ich hätte jemanden töten müssen. Ich wollte nicht ein Teil von diesem Krieg werden.“ Er schüttelt den Kopf, in dem die Bilder seiner zerstörten Heimat noch sehr präsent sind. Und er erzählt, wie die Familie aus dem vertrauten palästinensischen Stadtteil Yarmouk flüchten musste, weil immer mehr Bomben einschlugen. Wie er nachts wach lag und dem Splittern von Glas lauschte. In Jaramana, zehn Kilometer südöstlich von Damaskus, fand die Familie eine neue Wohnung. 2013 war das. Sie hatten nur das Nötigste mitgenommen. Karabash sagt, dass zwei Onkel und ein Cousin in diesem Krieg ihr Leben verloren haben. Dass zwei weitere Onkel verschollen sind. Und dass Syrer es gewohnt sind, Menschen zu verlieren. „Wir wissen nicht, ob sie noch leben oder im Gefängnis sind.“

Karabashs Eltern kommen aus Palästina. Als er geboren wird, leben und arbeiten sie als Grundschullehrer in Saudi-Arabien. Basem hat drei ältere Brüder und eine ältere Schwester. Er ist fünf Jahre alt, als die Familie nach Syrien zurückkehrt. Seine Mutter Sausen und sein Vater Tawfiq verwöhnen ihn. Auch die Geschwister kümmern sich gut um den Kleinen. Er geht gerne in die Schule. Er ist gut in Mathe und in Fremdsprachen. Fußball ist seine größte Leidenschaft. Er macht Abitur, schließt 2014 sein BWL-Studium ab. Buchhalter wäre er gerne geworden. Er mag es, mit Zahlen zu hantieren. Das Rechnungswesen, das ist seine Welt. Und: Er mag es ruhig bei der Arbeit. Am 15. März 2014 hätte er mit dem Militärdienst beginnen müssen. Am 5. März 2014 verlässt er Syrien. Die Eltern schicken ihn weg, schweren Herzens. „Kümmere dich gut um dich“, sagt seine Mutter.

Basem Karabash fliegt nach Algerien zu einem Onkel. Anderthalb Jahre lang arbeitet er als Kellner in einem Restaurant. Er hat Heimweh, vermisst seine Familie, die Ausflüge in den Park. Ihm fehlt das Essen, das seine Mutter so gut kochen kann. Kibbeh, Bulgur-Klöße mit Hackfleisch, Zwiebeln und Nüssen. Er sagt, es habe ein Jahr gedauert, bis der Schmerz nachließ. „Dann gewöhnt man sich daran.“ In Algerien sieht Karabash keine Perspektive, er ist illegal hier. „Ich hätte dort keine Familie gründen können, da war keine Zukunft.“

Flucht nach Deutschland

In ihm reift der Entschluss, nach Europa zu gehen. Er nimmt mit einem Schleuser Kontakt auf, bezahlt ihm 300 US-Dollar, um nach Marokko zu kommen. Er bezahlt mehr Geld, um in die spanische Exklave Melilla zu gelangen. Einen Monat bleibt er im Flüchtlingscamp, bevor er mit einem Schiff nach Spanien gebracht wird. In Córdoba schmiedet er Pläne für die Weiterfahrt nach Deutschland. „Viele, die ich aus dem Camp kannte, sind nach Deutschland gegangen, weil es dort die Möglichkeit gab, eine Arbeit zu finden.“ Mit vier jungen Männern, die er in Melilla kennengelernt hat, fährt er nach Madrid. Von dort aus sind sie 24 Stunden mit dem Bus unterwegs. Am 30. September 2015 erreichen sie Saarbrücken.„Ich war zufrieden“, sagt Basem Karabash, „aber ich wusste, dass ich erst ganz am Anfang stand“.

Die Männer werden getrennt. Karabash beantragt Asyl und landet in einer Flüchtlingsunterkunft in Mannheim. Zwei Monate bleibt er dort, bevor es weitergeht nach Leimen. Mit 480 anderen Männern wird der Syrer in einer Halle untergebracht. Die unterschiedlichsten Nationalitäten treffen aufeinander. Es gibt keine Privatsphäre. Die Monotonie des Alltags macht ihm zu schaffen. „Wir saßen einfach nur rum, warteten auf die Aufenthaltstitel“, sagt Karabash. Die Polizei sei jeden Tag vor Ort gewesen, um Streit zu schlichten und Prügeleien zu beenden. „Aber die kamen nicht dagegen an.“ Er fragt die Beamten: „Wie lange bleiben wir hier?“ Antwort: „Ein bis zwei Jahre.“

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Karabash fühlt sich ohnmächtig, weil er sich noch nicht äußern kann, die Sprache nicht versteht. „Die erste Zeit war schwierig in Deutschland“, sagt er. Nach zehn Monaten, im Juli 2016, bekommt er das ersehnte Dokument, das ihm erlaubt, zu arbeiten, nach einer Wohnung zu suchen, Sprachkurse zu machen.

Die Angst um den Job

Er lernt schnell Deutsch. Ehrenamtliche Flüchtlingshelfer unterstützen ihn. „Wir haben bis heute einen guten Kontakt“, sagt er. Auch deshalb will er unbedingt in Leimen bleiben. Er hat arabische und deutsche Freunde und eine Wohnung. Ein Zimmer im Kellergeschoss, mit kleinen Fenstern und Schimmel an den Wänden. Zwar könnte er sich mittlerweile eine bessere Bleibe leisten, doch fehlte ihm bisher Energie, um sich etwas Neues zu suchen. Trotzdem: Basem Karabash sagt, dass er angekommen sei. Er mag Deutschland. Die Menschen seien ernster, aber auch ehrlicher und zuverlässiger als viele in seiner Heimat. „In Syrien sind alle sehr offen, machen Komplimente, auch wenn die nicht immer ernst gemeint sind.“ Ihm gefällt, dass in Deutschland „jeder die gleichen Rechte hat, keiner besser als der andere ist“.

Jeden Tag fährt Karabash 45 Minuten nach Heilbronn zur Arbeit. Hier beginnen seine Schichten als Lokführer. Er steuert Regionalbahnen zwischen Heilbronn und Mannheim, Heilbronn und Tübingen, Stuttgart und Heidelberg, Stuttgart und Pforzheim. Er hofft, dass er den Job noch lange machen kann. Doch sein Arbeitgeber kämpft aktuell gegen die Insolvenz. Seit Kurzem steckt Abellio im Schutzschirmverfahren. Um den Druck zu lindern, zahlt die Bundesagentur für Arbeit für drei Monate die Löhne und Gehälter der Mitarbeiter. Danach will Abellio wieder übernehmen. Basem Karabash sorgt sich nicht um seinen Arbeitsplatz. „Meine Vorgesetzten haben mir erklärt, dass sich für uns Mitarbeiter nichts ändert. Wir fahren ganz normal weiter und bekommen auch weiter unser Gehalt. Sie haben gesagt, dass dieser Schritt nötig ist, damit Abellio auch in Zukunft erfolgreich ist.“

Der Syrer weiß, dass er nicht mehr in sein Heimatland zurückkehren kann. Er telefoniert oft mit seiner Familie, erzählt vom neuen Leben, von dem seine Eltern nur eine vage Vorstellung haben. „Sie kämpfen mit der Inflation“, sagt Basem Karabash. Auch wer arbeite, könne sich in Syrien kaum noch etwas leisten. Er unterstützt sie finanziell. Sein größter Wunsch ist, seine Eltern wiederzusehen, sie für ein paar Wochen nach Deutschland zu holen. Er würde sie mit der Bahn durch die Landschaften fahren. Und seiner Mutter zeigen: Der Junge hat auf sich aufgepasst. Es geht ihm gut.

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