Jörg Widmanns Abschiedskonzert Blick zurück in Liebe

Jörg Widmann Foto: www.marcoborggreve.com/Marco Borggreve

Beim Stuttgarter Kammerorchester hat sich Jörg Widmann fulminant als künstlerischer Partner verabschiedet.

Was machen Sie am liebsten, Herr Widmann: komponieren, Klarinette spielen oder dirigieren? Im Stuttgarter Mozartsaal haben vor dem Konzert des Stuttgarter Kammerorchesters am Samstagabend vier Schüler eine etwas andere Konzerteinführung vorbereitet. Sie bitten den Mann auf die Bühne, der das Ensemble drei Spielzeiten lang als „künstlerischer Partner“ begleitet hat. Die Frage der Schüler beantwortet der 50-Jährige erwartungsgemäß mir der Aussage, dass sich für ihn alle künstlerischen Tätigkeiten ergänzen. Im Konzert danach erlebt man, dass dies keineswegs ein Gemeinplatz ist. Und dass Widmann außerdem auch ein exzellenter Programmdramaturg ist.

 

Widmann will immer kommunizieren

Widmanns Bearbeitung des Andante-Satzes aus Mendelssohns Klarinettensonate beginnt mit einem Klarinettensolo, das der Komponist selbst wie eine Beschwörung spielt. Zu erleben ist ein Blick zurück in Liebe. Und eine Hommage an die Zeit der Romantik und an die Schönheit. Beides sind Säulen von Widmanns Künstlerkosmos – weshalb kleine Kitscheckchen (Harfe! Celesta!) verzeihlich und authentisch wirken. Bis hin zum letzten tiefen Klarinettenton, der in genießerischem Pianissimo unter gezupften Streichtönen liegenbleibt.

Jörg Widmanns Werke verneigen sich nach zwei Seiten: zum musikalischen Gestern und zur Gegenwart des Musizierens. Die Interpreten sollen die Musik spielen können, das Publikum soll sie verstehen. Widmann will immer kommunizieren. So scheinen bei seiner Paraphrase über Mendelssohns Hochzeitsmarsch (für Violine solo) immer wieder kleine melodische und rhythmische Momente der berühmten Vorlage durch. Die Konzertmeisterin Susanne von Gutzeit wirft sich, beginnend bei Mendelssohns hiermit großer Unbedingtheit fingerflink hinein in eine herausfordernde Musik der fortgesponnenen stilistischen Mimikry (die sogar Bach-Momente einschließt). Hinreißend!

Jubel als ein dickes Dankeschön

Nicht weniger virtuos spielt danach Denis Kozhukhin am Flügel das zweite Solostück des Abends, Widmanns „Zirkustänze“. Da geht es um Erinnerungen, mit denen hier selbstvergessen gespielt oder gegen die auch mal lautstark (mit wild eingeworfenen Diskant-Tönen) opponiert wird. Am Ende steppen sogar die lustigen „Holzhauerbuam“ durch den Raum, und nirgends kann man wirklich wissen, was davon nun ernst gemeint ist und was witzig: ein fetziger Schwebezustand.

Nach Prokofjews Ouvertüre über hebräische Themen, die Widmann, Kozhukhin und ein Streichquartett des Orchesters geradezu zärtlich interpretieren, und nach der „Kleinen Serenade“ des 22-jährigen György Ligeti sorgt Korngolds Sinfonische Serenade für ein brillantes Finale. Mühelos bewältigt das Kammerorchester die heikle Koordination der schnellen Figuren, webt im Intermezzo einen feinen Pizzikato-Klangteppich, lässt den langsamen Satz fließen wie ein Mahler-Adagietto, zelebriert präzise die zahlreichen Beleuchtungswechsel. Der Jubel danach ist ein dickes Dankeschön, das auch eine Aufforderung ist: Herr Widmann, kommen sie bald zu uns zurück!

Weitere Themen