Johannespassion in der Esslinger Stadtkirche Aus der Dunkelheit ins Licht

Bachs Johannespassion in der voll besetzten Stadtkirche St. Dionys Foto: Hans-Günther Driess Foto:  

Musikalisch spannend und mitreißend gestalteten Vokalsolisten, Jugendkantorei, Kantorei der Stadtkirche und das Ensemble musica viva Stuttgart unter Leitung von Uwe Schüssler die Johannespassion von Johann Sebastian Bach

Die vor 300 Jahren komponierte Johannespassion von Johann Sebastian Bach ist zeitlos und passt mit ihrer beklemmenden Intensität gleichermaßen zur dunklen Stimmung der Gegenwart mit den Kriegen in Gaza und in der Ukraine. Bach bringt uns die menschlichen Emotionen – Schmerz, Bosheit, Traurigkeit, Mitleid und Hoffnung – so nahe, dass auch Menschen, die nicht gläubig sind, sich kaum dem Einfluss des großen Barockkomponisten entziehen können.

 

Die Orchester-Einleitung zeichnet eine düstere Atmosphäre mit dem vorwärtsdrängenden Brodeln der Streicher, den pochenden Achtelrepetitionen der Violoncelli und Fagotte und dem Klagen der Oboen. Sie kündet vom unermesslichen Leiden Jesu, ehe der monumentale Eingangschor mit einem dreimaligen Ruf einsetzt: „Herr! Herr! Herr, unser Herrscher, dessen Ruhm in allen Landen herrlich ist!“ Kirchenmusikdirektor Uwe Schüssler führt mit dramatischem Spannungsbogen und souveränem Dirigat durch das gesamte Werk und treibt die Mitwirkenden zu Höchstleistungen an.

Anspruchsvoller Chorpart

Bestens vorbereitet präsentieren sich Jugendkantorei und Kantorei mit ausgewogenem Klang, guter Intonation, vorbildlichem Vokalausgleich und deutlicher Artikulation. Im anspruchsvollen Chorpart wird ihnen viel abverlangt. Mit großer Leidenschaft gestalten die Choristen die Momente, in denen sich das Volk einmischt, wild durcheinanderredet und hetzt: „Nicht diesen, sondern Barrabam!“, „Kreuzige ihn!“, „Weg, weg mit dem“. Den ruhigen Kontrast zu den bewegten Abschnitten der Passion bilden die zwölf Choräle, in denen die Sängerinnen und Sänger Gebete und Anteilnahme der Gemeinde mit innigem Ausdruck und differenzierter Dynamik wiedergeben.

Das Rückgrat der gesamten Passion bildet die Erzählung des Evangelisten (Tenor), dem Bach eine höchst expressive und ergreifende Tonsprache gegeben hat. Christoph Rösel bemüht sich, diesem Anspruch zu genügen, doch die Intonation lässt gelegentlich Wünsche offen. Johannes Mooser überzeugt dagegen als Jesus mit sauberer voluminöser Bassstimme und würdevollem Ausdruck. Im Gerichtsverfahren steht ihm als Pilatus der Bassist Thomas Scharr gegenüber, der seine zwiespältige Rolle kraftvoll und resolut, aber auch sanft und mitfühlend meistert.

Instrumentalisten bilden ein sicheres Klangfundament

Brillante Stimmtechnik zeigen die beiden Frauenstimmen in eingestreuten Arien: Die Sopranistin Fanie Antonelou verbreitet mit ihrem kristallklaren leuchtkräftigen Gesang Trost und Zuversicht. Die Altistin Sarah Hudarew gefällt mit weich timbrierten sauberen Tönen und intensivem Ausdruck in der Arie „Von den Stricken meiner Sünden“ und bei der Verkündigung „Es ist vollbracht“. Alexander Yudenkov gestaltet in seinen Tenor-Arien schwierige Koloraturen mühelos, die forcierte Tongebung mindert ab und zu die sangliche Geschmeidigkeit. Die hervorragenden Instrumentalisten des Ensemble musica viva Stuttgart zeigen ihr Können in zahlreichen Solopassagen und bereiten zusammen mit Hanna Schüssler an der Truhen-Orgel den Vokalsolisten und Choristen ein sicheres Klangfundament.

Ergreifend intoniert der Chor den schlichten Grabgesang „Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine“. Und im prachtvollen Choral „Ach, Herr, lass dein lieb Engelein“ geht der Weg aus dem Dunkel ins Licht der Auferstehung zu Ende. Das Publikum ist angehalten, auf Beifall zu verzichten. Es verharrt lange voll Ehrfurcht und Bewunderung der hervorragenden Aufführung in St. Dionys.

Die Stunde der Kirchenmusik in der Esslinger Stadtkirche wird sechzig

Werk
 Johann Sebastian Bach komponierte die Johannespassion für die Karwoche des Jahres 1724 in Leipzig. Sie ist neben der Matthäuspassion die einzige vollständig erhaltene authentische Passion von Johann Sebastian Bach und zudem sein dramatischstes Werk. Die Besetzung besteht aus einem vierstimmigen Chor, Gesangssolisten und Orchester. Die Handlung setzt ein mit der Gefangennahme Jesu im Garten Gethsemane und endet mit der Grablegung des Gekreuzigten. Im Zentrum steht das Verhör Jesu durch Pontius Pilatus, der keine Schuld an ihm findet und ihn daher nicht verurteilen möchte. Doch aus Furcht vor der aufgebrachten Menge beugt sich Pilatus dem Willen des Volkes. Das Werk gemahnt bei allem Schmerz an die versöhnende Eigenschaft der Liebe und entfaltet eine eigentümlich tröstende Wirkung.

Jubiläum
Die erste Stunde der Kirchenmusik fand im April 1964 unter der Leitung des damaligen Kantors Hans-Arnold Metzger statt. Werner Schrade und Hans Georg Bertram, beide Kirchenmusiker an der Stadtkirche sowie Professoren an der Esslinger Hochschule für Kirchenmusik, führten die Konzertreihe in den 70er- und 80er-Jahren weiter. Seit 35 Jahren wird die Stunde der Kirchenmusik von Uwe Schüssler verantwortet.

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