Keine Ahnung, was die Zukunft bringt: Zeitenwenden, Brüche, Katastrophen. Alles beschleunigt sich, die Polkappen schmelzen im Zeitraffer, wir rasen auf den Klimakollaps zu, Diktatoren fuchteln mit Waffen, die in fünffacher Schallgeschwindigkeit Tod und Verderben über die Menschheit bringen. Einen Ort aber gibt es, an dem scheint die Zeit still zu stehen, und man kann ihr dabei zuhören.
Das ist die am Nordrand des Harz gelegene St. Burchardi-Kirche in Halberstadt. Seit über 800 Jahren trotzt sie den Launen der Zeit. Erst beteten in dem romanischen Bau Mönche, später Nonnen, nach der Säkularisation kamen die Schweine – die Abflussrinnen für die Gülle sind auf dem Boden noch deutlich zu sehen. Zuletzt zog der amerikanische Komponist John Cage ein beziehungsweise eines seiner Werke.
Künstlich erzeugter Tinnitus
Und daran soll sich erst einmal nichts mehr ändern. Das Stück, das hier realisiert wird, heißt „ORGAN2/ASLP“, und die Buchstabenfolge hinter dem Querstrich lässt sich in ein Akronym der Spielanweisung auflösen: as slow as possible – so langsam wie möglich. Und das nimmt man hier so wörtlich wie möglich. Insgesamt 639 Jahre soll die Aufführung dauern, 21 davon sind bereits verstrichen. Man steckt also noch ziemlich am Anfang.
Aber am besten hört man erst einmal herein. Bereits vor der Kirche, auf dem ehemaligen Klosterareal, mischt sich, wenn man genau hinhört in das allgemeine Treiben der Geräusche, ein Klang, der alles unmerklich grundiert. Je näher man kommt, desto deutlicher setzt er sich von allem anderen ab. Im Inneren dann je nach Standort ein leises Wummern oder ruhiges Strömen. Und abhängig von Gestimmtheit, Erwartungshaltung oder Vorwissen wird der Besucher den schwebenden, im Moment aus sieben Tönen zusammengesetzten Akkord als mystisches Hochamt der Entschleunigung, avantgardistischen Hokuspokus oder künstlich erzeugten Tinnitus wahrnehmen. Und vielleicht hat jeder auf seine Weise recht.
Vorstöße ins Ungewisse
Es entspräche zumindest dem ästhetischen Selbstverständnis des Komponisten, der Musik nicht als Reproduktion des bereits Bekannten versteht, sondern als abenteuerlichen Vorstoß ins Unerhörte. Manchmal dauert dieser vier Minuten und 33 Sekunden, wie in dem berühmten Stück „4‘33“, dessen Interpreten auf der Klaviatur der Stille spielen, um hörbar zu machen, was uns sonst entgeht. Manchmal muss man sich ein paar Jahrhunderte gedulden wie in Halberstadt.
Der am 5. September vor 110 Jahren in Los Angeles geborene Komponist hat den Begriff der Musik entgrenzt. Der Zufall, der Alltag, die Natur sind so wichtige Bestandteile seiner Kompositionen wie präparierte Klaviere und Tonbänder. Oder eben jene kleine Orgel, die im Inneren des bis auf den Klang entleerten Raums der Burchardi-Kirche an der Stelle steht, wo sich einmal der Altar befunden haben mag. Sie braucht keinen Spieler, ihre Tasten sind fixiert. Auf der anderen Seite des Kirchenschiffs wird sie von einem leise schnaufenden Blasebalg mit Luft versorgt. Als die Realisation am 5. September 2001 begann, war für eineinhalb Jahre nur sein leiser Atem zu hören: Das Stück fängt mit einer Generalpause an.
Grundton der Geschichte
Kurz darauf krachten zwei Flugzeuge in die New Yorker Zwillingstürme, und kaum waren vier Jahre später die ersten Töne gis‘-h‘ verklungen, wurde eine Ostdeutsche zur ersten Kanzlerin der Bundesrepublik gewählt. Ein Jahr nachdem Rechtsextreme das Theater in Halberstadt überfallen hatten, traten c‘-as hinzu, zu Zeiten der Finanzkrise im Herbst 2008 verstummte das eingestrichene c . 2011, als die Soulsängerin Amy Winehouse starb und die Tsunamiapokalypse über das japanische Kernkraftwerk Fukushima hereinbrach, kam es in der Burchardi-Kirche gleich zu zwei Klangwechseln.
Das letzte jeweils mit zeremoniellem Ernst zelebrierte Ereignis dieser Art, bei dem in die Orgel Pfeifen der entsprechenden Klänge eingesetzt oder andere entfernt werden, fand am 5. Februar dieses Jahres statt, nicht lange vor Putins Überfall auf die Ukraine. Seither steht der Klang wie ein metaphorischer Grundton der Geschichte im Raum. Und so wie alte Bauwerke die Vergangenheit bezeugen, könnte die Erstreckung dieses Stückes die Zukunft verbürgen. Es wäre zumindest eine schöne Vorstellung.
Radikale Auslegung einer Spielanweisung
Ursprünglich hat Cage, der nie in Halberstadt war, das Stück 1987 für Klavier geschrieben. Nur wenn man alle Möglichkeiten des Verklingens einer Saite bis aufs Äußerste ausreizt, schafft man es, die vier Seiten lange Partitur auf 80 Minuten zu strecken. Anders sieht es bei der Orgelversion aus: Eine Orgelpfeife klingt, solange Luft durch sie fährt, was dem „as long as possible“ völlig neue Horizonte erschließt. Aber warum 639 Jahre?
Der, der diese Frage beantworten kann, trägt einen langen Bart im schmalen Gesicht, auf der Nase wie ein verschmitztes Lächeln eine schmale Lesebrille. Rainer Neugebauer ist Professor am Fachbereich Verwaltungswissenschaften der Hochschule Harz und der Spiritus Rector des Projekts. Er wohnt nahe dem Dom, der die Zerstörung des Stadtbilds durch die Bomben des Zweiten Weltkriegs und den Plattenwiederaufbau in der DDR überstanden hat. Im Fenster hängt ein Zettel mit Ratschlägen, wie man im Fall eines gewalttätigen Angriffs Zivilcourage beweisen kann: „Ich nehme Blickkontakt auf, ich sage den Angreifern, dass sie das Opfer in Ruhe lassen sollen.“
Für die Vögel, nicht für den Käfig
Drinnen befindet man sich mutmaßlich in einer der größten Privatbibliotheken Deutschlands, aber das wäre eine andere Geschichte. Wie es nun zu den 639 Jahren kommt, erzählt Neugebauer in seiner Küche mit Blick auf den ehrwürdigen Kirchenbau. In dessen Innerem soll sich einmal eine berühmte Orgel befunden haben. Die sogenannte Faber-Orgel aus dem Jahr 1361 gilt als eines der ersten Instrumente, in dem sich die Aufteilung der Oktave in zwölf Halbtönen materialisiert hat, und das die Tastatur so anordnet, wie wir sie heute kennen.
Daran knüpften Neugebauer und seine Mitstreiter an, als sie einen Anhaltspunkt für das so Lang-wie-möglich suchten. Sie nahmen das Millennium als Spiegelachse und verlängerten die 639 Jahre Faber-Orgel einfach um das entsprechende Zeitintervall in die Zukunft. So lange soll nun das Stück eines Komponisten dauern, von dem mit Anspielung auf die englische Bedeutung seines Namen der Satz überliefert ist: „Ich bin für die Vögel, nicht für den Käfig“.
Zwischen Avantgarde und Eventgarde
„Er sah die Aufgabe des Künstlers darin, die Schönheit zu verbergen“, erklärt Rainer Neugebauer. „Was wir als schön empfinden, erscheint uns nur so, weil wir es schon kennen.“ Cage aber habe sich für das Unbekannte interessiert. „Er war einer der wenigen, deren Neugier auch vor der Sinnlosigkeit nicht Halt machte.“ Bei Sätzen wie diesen blitzt die Lesebrille wie ein vergnügtes Augenzwinkern.
Viele Halberstädter finden das verrückt, andere haben den Marketingeffekt entdeckt. Geschickt laviert Rainer Neugebauer zwischen Avantgarde und Eventgarde. Statt an das Guinness Buch der Rekorde erinnernde Formulierungen bevorzugt er die Wendung: eine der langsamsten Realisierungen eines Orgelstücks. Andererseits versteht er geschickt, dem Projekt weltweite Resonanz zu verschaffen. Wenn es wieder einmal soweit ist, stoßen die raren, aber umso effektvoller inszenierten Klangwechsel auf ein Presseecho, das zwischen Taipeh und Buenos Aires widerhallt.
Abonnieren Sie hier unseren kostenlosen Literatur-Newsletter „Lesezeichen“
Doch die Finanzierung steht in umgekehrtem Verhältnis zur angestrebten historischen Dimension. „Wir leben von der Hand in den Mund.“ Die Fördermittel, die die das Projekt tragende Stiftung erhält, decken kaum die laufenden Kosten. Im Moment soll der Verkauf einer von der Cage-Partitur inspirierten Bilderserie des Künstlers Olaf Wegewitz neue Geldquellen erschließen.
Vielleicht gehört all dies ja dazu: die Ungewissheit, die Geschäftigkeit, die Zweifel und - warum nicht – das Gedankenspiel, wie lang Rainer Neugebauers Bart wohl im Jahr 2639 sein würde. Unbeirrt vom Schaum der Tage hält das Om dieser zukunftsmusikalischen Yogaübung den Raum der Jahrhunderte offen – vorausgesetzt, der Orgel geht nicht irgendwann die Luft aus. Aber auch dann hätte sich das Ganze auf jeden Fall gelohnt.