John-F.-Kennedy-Schule in Esslingen Demokratie ist harte Arbeit

Mitglieder von „InsideOut“ wollen Schüler gegen Extremismus und Radikalisierung wappnen: Janine Thoma, Micha Bröckling und Sophia Thoenes (von links). Foto: Roberto Bulgrin

Schüler sollen gegen Extremismus und Radikalisierung gewappnet werden. Der Verein „InsideOut“ hat dafür ein das Präventionsspiel „XGames“ entwickelt, das er in der John-F.-Kennedy-Schule in Esslingen vorstellte.

Esslingen - Ein Mann kommt blutend in die Zahnarztpraxis. Seine Frau, so erzählt er, habe ihm zwei Zähne ausgeschlagen: „Dafür bringe ich sie um.“ Was soll das Team in der Praxis tun? Die Chefin nennt zwei Alternativen: „Wir können ihn zusammenflicken, seine Blutung stoppen und ihn zu seiner Frau nach Hause schicken. Oder wir verpassen ihm ein Medikament, das ihn außer Gefecht setzt und rufen die Polizei. Das Medikament kann ihn aber auch töten.“ Das Team entscheidet sich für die medizinische Erstversorgung. Kein optimaler Entschluss. Der Mann wird sich an seiner Frau rächen.

 

Gegen Extremismus jeder Art

Diese gespielte Szene ist mehr als ein Rollenspiel, betont Micha Bröckling. Der Politikwissenschaftler vom Verein „InsideOut“ aus Stuttgart ist an diesem Dienstagmorgen mit drei Kolleginnen an die John-F.-Kennedy-Schule nach Esslingen gekommen. Mit Hilfe des von ihrem Verein entwickelten Spiels „XGames“ möchten sie 14 Schüler des Vorqualifizierungsjahres Arbeit/Beruf (VAB) gegen Mechanismen, Methoden und Arbeitsweisen extremistischer Gruppen wappnen: „Es geht allgemein um radikale Tendenzen – egal, ob sie von links, von rechts oder von religiöser Seite kommen.“

500 Euro als Belohnung

Dazu werden die Schüler in zwei Gruppen eingeteilt. Die jungen Erwachsenen bekommen Nummern zugeteilt, müssen schwarz-graue Leibchen tragen und einen Luftballon als Symbol für ihr Leben in der Hand halten. Angeführt, angestiftet und angeleitet wird jede Gruppe von einem Mitarbeitenden von „InsideOut“. Sie sind die Chefs, tragen weiße Arztkittel, geben Kommandos und sagen, wo es lang geht. Sie loben und mahnen, treiben an und ziehen sich zurück, schmeicheln und manipulieren. Für Wohlverhalten erhalten die Teams Punkte, die Gruppe mit den meisten Punkten soll 500 Euro bekommen.

Tötung auf Anstiftung

Die Strategie geht auf, die Befehlskette funktioniert, die Gruppen gehorchen. Am Ende des Szenarios hat ein Team das andere umzingelt: „Ihr werdet alle umgebracht“, werden die Eingeschlossenen bedroht. „Ihr könnt dem Tod nur entgehen, wenn ihr einen aus eurer Gruppe tötet.“ Die Umzingelten denken nicht lange nach. Mit einem Kugelschreiber als symbolischer Waffe bringen sie den Luftballon, das Lebenssymbol, eines ihrer Gruppenmitglieder zum Platzen.

Nur einer sagte „Nein“

Das ist im Rollenspiel Tötung auf Anstiftung. „InsideOut“ arbeitet mit einer niederschwelligen Symbolik. Arztkittel, Imponiergehabe und das resolute Auftreten seiner Kolleginnen als Gruppenchefs, erläutert Micha Bröckling, stehen für die Arbeitsweisen extremistischer Gruppierungen mit Autoritätsausübung, Einschüchterung, Führerkult und strikten Befehlsketten. Die Schüler werden durch die Leibchen und die Nummern uniformiert, entmenschlicht, untergeordnet. Dieses Programm sei schon über 500 Mal vor Gruppen von Schülern, Jugendlichen oder Führungskräften angewandt worden. Doch er habe nur ein einziges Mal erlebt, dass eine Person „Nein“ gesagt habe.

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Das System gewinnt immer

Das Lernprogramm geht weiter. Jede Gruppe stellt sich auf einer Seite des Klassenraums auf. Jetzt wird es spannend. Wer bekommt die 500 Euro Belohnung? Ein Team hat 2200 Punkte, das andere 2300 Punkte erreicht. Micha Bröckling öffnet langsam den kleinen Metallkoffer und holt Geldscheine heraus: „Wer soll sie haben?“. „Wir natürlich“, meint das Team mit der höheren Punktzahl. „Nein. Das Geld behalten wir, die Chefs, die Oberen, die Führer“, erklärt Micha Bröckling. Die Botschaft ist klar: Das System gewinnt. Mitläufer gehen leer aus. Das ist ein Grund, warum Florian Leyrer, Lehrer für Gemeinschaftskunde und Demokratiebeauftragter der Schule, die Mitarbeitenden von „InsideOut“ an diesem Vormittag an die Schule geholt hat: „Die Schüler sollen erfahren, dass Demokratie nicht vom Himmel fällt. Man muss sie sich erarbeiten.“

Teamgeist wurde gestärkt

Das soll das Lernprogramm verdeutlichen. Im zweiten Teil, der Nachbesprechung, Aufarbeitung und Erklärung, liefern die Mitarbeitenden von „InsideOut“ Rezepte gegen Extremismus. Im Spiel sind die Schüler den Befehlen der Chefs gefolgt und haben sich für drastische Maßnahmen entschieden: „Ihr hättet aber halt sagen, nachfragen und euch informieren können. Wichtig ist auch, dass ihr euch Verbündete sucht. Sonst gewinnt das System – wie hier – die 500 Euro.“ Schade, meint ein Schüler. Von dem Geld hätte er sich die Haare schneiden lassen können. Doch er und seine Mitschüler betonen, dass ihnen die Lerneinheit viel gebracht habe: „Unser Teamgeist wurde gestärkt.“ – „Es hat Spaß gemacht.“ – „Das hat uns zum Nachdenken angeregt.“ – „Die Methode war sehr kreativ.“

Das Projekt „XGames“ des Vereins InsideOut

Der Verein
 InsideOut entwickelt nach eigenen Angaben unter dem Slogan „Prävention durch Bildung. Forschung. Kunst“ Programme und Workshops zur politischen Bildung. Ein weiteres Ziel ist die Prävention von Extremismus, Radikalisierung und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

Die Schule
 Die John-F.-Kennedy-Schule ist eine kaufmännische Schule in der Trägerschaft des Landkreises Esslingen. Kaufmännische Berufsschule, Wirtschaftsgymnasium, Berufskolleg, das Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf (VAB) und Wirtschaftsschule gehören zu den Lehrangeboten.  

Das Projekt
 InsideOut hat nach eigenen Angaben „XGames“ zur Extremismus- und Radikalisierungsprävention entwickelt. Grundidee sei es, Jugendliche mit Methoden von extremistischen Gruppen zu konfrontieren und sie in der Nachbereitungsphase über diese Methoden aufzuklären.

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