Johnny Cashs „neues“ Album Lust am Experiment

Kultur: Jan Ulrich Welke (juw)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Nur ein Schelm würde jetzt argwöhnend die Augenbrauen heben angesichts des total glaubhaften Umstands, dass die Nachlasssichtung erst eine Dekade nach dem Tod des Maestros angegangen wurde. Weswegen hier artig die Mitteilung des Unterhaltungsmusikkonzerns wiedergegeben werden soll, dass es sich mitnichten „um Outtakes, Demos oder alternative Fassungen“ handele. Sondern um reinrassiges „bisher in keinerlei Form veröffentlichtes“ Material, weswegen wir uns selbstredend auch die bei solchen „Ausgrabungen“ stets denkbare Skepsis verkneifen wollen, dass es sich vermutlich um Stücke handeln dürfte, von denen Cash zu Lebzeiten nie gewollt hätte, dass sie das Licht der Welt erblicken.

Hinein folglich in das Vergnügen mit jenen Songs, die Cash laut Booklet zwischen 1981 in Nashville und 1984 in Los Angeles aufgenommen hat, also in jenem eingangs nicht grundlos umrissenen Zeitraum, in dem von Cashs Lust am Experiment, der Innovation und dem Wandlungswillen die Rede war. Ein paar korrekte Nummern sind auf dem aktuellen Album dabei, Hank Snows „I’m moving on“ zum Beispiel. Ein paar illustere Gäste auch, von Waylon Jennings bis zu Cashs Schwiegersohn Kris Kristoffersen. Und natürlich zehrt dieses Album von Cashs unglaublich präsentem und eindringlichem Gesang, das es so gesehen zu einer heiß erwarteten Rarität machen könnte. Mit dabei ist auf diesem Album jedoch zum Beispiel auch der reichlich frömmelnde Song „I came to believe“, der schon – in einer freilich gänzlich anders tönenden Variante – auf dem fünften Teil der „American Recordings“ zu finden war. Zu hören ist ebenfalls „Baby ride easy“, eine maue Sparflammenvariante seines Hits „Jackson“. Diese beiden Songs kommen immerhin nahezu unverfälscht daher. Beim Rest der Stücke wurde nämlich mehr oder minder fleißig bei der Aufbereitung nachgeholfen.

„Zu rund 85 Prozent“ seien die Songs fertig gewesen, erzählt Steve Berkowitz vom Plattenlabel Sony freimütig in der aktuellen Ausgabe des Musikmagazins „Rolling Stones“. Der Rest wurde jetzt im Studio nachträglich zurechtgedengelt, im Stück „She used to love me a lot“ wurde sogar die Gitarrenspur komplett neu eingespielt, weil, so die haarsträubende Begründung von Sony, „damals Soundeffekte angesagt waren, die man heute nicht mehr so gerne hört“. Das ist grotesk.

Eher was für Hardcoreverehrer

Und damit wie versprochen, zurück zu Nick Lowe. Der hat sich seinerzeit nicht nur in Cashs Musik, sondern auch in dessen Stieftochter Carlene Carter verliebt, die er prompt heiratete. Zuvor hat er sich als Produzent von Elvis Costello einen Namen gemacht. Und wie es der Zufall will: Costello singt den Bonustrack auf „Out of the Stars“. Es ist ein Aufguss von „She used to love me a lot“, aber ganz ehrlich: es ist das interessanteste Stück dieses Albums.

Zu hören sind also recht durchschnittliche (um nicht zu sagen: schwache), allenfalls für Hardcoreverehrer interessante und wie erwähnt vermutlich absichtlich nicht publizierte Songs, unfertig hinterlassene sowie nachträglich grob verfälschte Stücke. Eingespielt wurden sie ohne Freude am Experiment, ohne Innovation, ohne überraschende Wendung. Blass mithin.

Und wozu wird das Ganze auf den Markt gebracht? Aus Beutelschneiderei, wie man vermuten darf. „Weitere Veröffentlichungen sind erstmal nicht geplant“, wird der „Schatzheber“ John Carter Cash zitiert. Auf gut Deutsch: sie werden so sicher wie das von Johnny Cash so gerne gesprochene Amen in der Kirche kommen.




Unsere Empfehlung für Sie