JOiN im Nord Was die neuen Leiter der Jungen Oper vorhaben

Zeichnen verantwortlich für die Junge Oper: Das Duo Martin Mutschler (links) und Keith Bernard Stonum. Foto: Matthias Baus

Bei der Jungen Oper im Nord (JOiN) haben Martin Mutschler und Keith Bernard Stonum die Leitung übernommen. Sie wollen einen Ort der Diversität und Begegnung schaffen – nicht nur für Kinder und Jugendliche, sondern für alles, was jung ist. Ein Ausblick.

Draußen ist grauer Beton, daneben ein Industriegebiet, dann eine breite, laute Straße. Aber drinnen ist es bunt. Da wird gesungen, gespielt, Musik gemacht und aufgelegt. Da trifft sich die diverse Stadtgesellschaft, da lernt man sich kennen, da kommt man ins Gespräch. Die Dependance der Staatsoper Stuttgart als kleines, friedliches, offenes Kunst-Utopia mitten in einer großen, überhaupt nicht friedlichen Welt: Davon träumen der Regisseur, Autor und Dramaturg Martin Mutschler und der Sänger und Musikvermittler Keith Bernard Stonum, seitdem sie zu Beginn dieser Spielzeit die Dependance der Staatsoper Stuttgart übernommen haben. So könnte die Junge Oper in der Spielstätte Nord (JOiN) einmal sein, wenn gelänge, was sich das Team vorgenommen hat. Und damit einlösen, was ihr Kürzel einfordert: Join heißt teilnehmen, verbinden.

 

Wie geht man mit der Hochkultur um?

Theater für alle soll es sein. Aber was ist das eigentlich? Schließt das Wort „alle“ auch jene Menschen ein, die sich gar nicht angesprochen fühlen, und falls ja, wie wird man ihnen gerecht? „Ich finde die Antwort noch nicht“, gibt Stonum zu, „aber wir sind das JOiN und dürfen auch Sachen ausprobieren.“ Und außerdem nachdenken. Zum Beispiel über die oft unsichtbaren Barrieren, die dafür sorgen, dass das Haus noch lange kein Haus für wirklich alle ist. Oder darüber, ob es wirklich sinnvoll ist, Theater für alle machen zu wollen. Wie weit fasst man die Zielgruppen für die einzelnen Produktionen? Und, noch wichtiger, wie geht man mit dem Nimbus der „Hochkultur“ um, der eine traditionsreiche Hochkultur zwangsläufig umgibt?

Immerhin, sagt Mutschler, habe man im JOiN „das Privileg, in einer so verspekulierten Stadt wie Stuttgart über einen großzügigen Raum mit verschiedensten Spiel-Möglichkeiten zu verfügen“. Zwar könne das kleine, mit bescheidenem Etat ausgestattete Team nicht jeden Tag die Türen aufmachen, aber man habe durchaus das Ziel, dies häufiger zu tun - mit kleineren Formaten, geringerem Aufwand und in Kooperation. „Abends im JOiN“ heißen diese Veranstaltungen. Außerdem will man dem Raum geben, was Menschen mit Migrationshintergrund mitbringen. Wohl wissend, dass die Einladung an sie viel Nachdenken voraussetzt. Wer lädt da wen ein? Was bedeutet der viel kritisierte Begriff Mehrheitsgesellschaft? „Wir müssen viel Netzwerkarbeit machen und Räume konsequent abgeben“, sagt Mutschler. Schließlich wolle man nicht nur Symbolpolitik betreiben. Kein Tokenismus in der Jungen Oper. Und konsequenterweise müsste die Forderung „Theater für alle“ einschließen, dass Menschen mit Migrationshintergrund auch im Theater selbst tätig sind. So wie jetzt Keith Bernard Stonum, der gebürtige Texaner.

Die Aufgabe, ein Repertoire zu schaffen

Aber erst einmal müssen sie die Kunst auf der Bühne kennenlernen. Sie müssen hinkommen, neugierig sein. Öffnung für neue Sprachen, Traditionen und Stile: Das kann das JOiN, weil es kein Repertoire pflegen muss. Wohl aber muss es welches schaffen: Das gehört seit ihrer Gründung durch den Staatsopern-Intendanten Klaus Zehelein 1997 zur DNA der Institution. „Wir werden weiter Auftragswerke vergeben“, sagt Mutschler, „überlegen aber auch, wie diese Auftragswerke in Zukunft beschaffen sein können, damit bestimmte Perspektiven, die nicht traditionell schon Teil der Oper sind, in diese Repertoirearbeit einfließen.“

Martin Mutschler und Keith Bernard Stonum sind ein interessantes Team. Hier der extrovertierte Ex-Sänger, der seinen Tenor „nur noch daheim unter der Dusche“ ertönen lässt, dort der eher introvertierte Dramaturg und Regisseur, der oft längere Denkpausen einlegt. Man kann sich gut vorstellen, wie die beiden, die sich an der Niedersächsischen Staatsoper in Hannover kennenlernten, miteinander an Ideen und Projekten tüfteln. Und darüber nachdenken, wie sich Nachhaltigkeit im JOiN nicht nur im Recyceln von Bühnenbildern, sondern auch in verlässlichen Partnerschaften niederschlagen könnte.

Stonum ist mit seiner 100-Prozent-Stelle Ansprechpartner vor Ort und übernimmt außerdem die Ko-Leitung des Opernstudios, Mutschler, der sich als „kreatives Bindeglied“ versteht, ist mit einem 50-Prozent-Deputat auch auswärts als Scout unterwegs.

Eine Frage noch. Was heißt das eigentlich: jung? Mutschler: „Das sind die Menschen, die neu sind im Theater.“ Stonum: „Jung ist, wer Lust hat zum Experiment und sich auf Neues einlässt.“ Was auch eine Verpflichtung ist für eine Institution, die das „jung“ im Namen trägt. „Was nutzt es der Staatsoper, ein JOiN zu haben, wenn das kleine Geschwister des Großen Hauses nicht Sachen ausprobiert, die vielleicht in zehn Jahren Relevanz haben?“

„Jung zu sein“, ergänzt Mutschler, „bedeutet auch, mehr Zukunft zu haben als Vergangenheit. In einer Institution wie der Oper kann man leicht denken, das wäre andersherum. Diesen Perspektivwechsel wollen wir schaffen. Jung sein heißt auch, flexibel zu sein, dass wir nicht zu sehr in die herkömmlichen Bahnen rutschen, mit denen wir im Theater zu arbeiten gelernt haben.“

Neubeginn im JOiN

Szenisches Konzert
Mit „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ beginnt an diesem Samstag (14 und 15.30 Uhr im Nord) ein neues Format für Menschen ab fünf Jahren.

Premieren
Es gibt zwei große Musiktheater-Produktionen für Jugendliche ab 12 Jahren. In „Icaro“ von Alessandro Baticci (Uraufführung am 29. 11.) geht es um Roofer, die nachts auf Hochhäuser oder Kräne klettern. Zweite Premiere ist im Januar „Fundbüro“, eine Stückentwicklung mit dem Opernstudio.

Vermittlung Mit 1,6 Stellen leiten die Musikvermittler Basisarbeit nicht nur für das JOiN, sondern auch für die Staatsoper. Sie sind Anlaufstelle für Schulen und Lehrer, kümmern sich um Führungen und um GLOW, die Gläserne Opernwerkstatt mit Probenbesuchen und Künstlergesprächen.

Informationen www.staatsoper-stuttgart.de/junge-oper und unter Telefon 07 11 / 20 20 90.

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