Jonas Deichmann plant neuen Weltrekord Selbst für einen Extremsportler extrem

Jonas Deichmann, hier bei seinem Triathlon um die Welt, hat ganz Großes vor. Foto: natwildlife/Jesus Antonio Moo Yam

Der Ausdauersportler und Berufsabenteurer Jonas Deichmann ist es gewohnt, an seine Grenzen zu gehen. Doch das, was er nun vorhat, geht womöglich darüber hinaus. 120 Triathlons in 120 Tagen, wie soll das gehen? Einer weiß es.

Lokales: Tom Hörner (hör)

Ob er noch ganz bei Sinnen sei? Das ist eine Frage, die der Extremsportler Jonas Deichmann so – oder vielleicht auch nicht ganz so zurückhaltend formuliert – in den vergangenen Tagen des Öfteren aus dem Freundes- und Bekanntenkreis gehört hat. Die Frage zielt auf das jüngste Unternehmen ab, das der Ultra-Athlet geplant hat. „Ich verstehe solche Bemerkungen als Kompliment“, sagt Deichmann (36) und grinst. Natürlich können Bedenken einen wie den Ausdauersportler nicht von seinem Weg abbringen.

 

Dabei sollte man vielleicht vorausschicken, dass das, was Deichmann in den vergangenen Jahren unternommen hat, mit dem Begriff Ausdauersport nur unzureichend beschrieben ist. Auch da wäre hin und wieder die Frage berechtigt gewesen, ob der Mann sie noch alle hat: Als Radler ist Jonas Deichmann Inhaber etlicher irrer Langstreckenweltrekorde. 2017 ist er in 64 Tagen von Portugal nach Wladiwostok (14 000 Kilometer) geradelt, 2018 in 97 Tagen von Alaska nach Feuerland (23 000 Kilometer), 2019 in 72 Tagen vom Nordkap nach Kapstadt (18 000 Kilometer). Dabei sollte man beachten, dass der Berufsabenteurer ein klassischer Einzelkämpfer ist und anders als etwa die Race-Across-America-Spezialisten nicht von einem Tross von Helfern begleitet wird.

Doch was sagen die Zahlen und Daten schon, ist der Mann doch ohnehin längst in Sphären unterwegs, die der ambitionierteste Freizeitsportler im Traum nie erreicht und dessen Leistung selbst Profis Respekt einflößt. Jonas Deichmann, 1987 in Stuttgart geboren, in der Gegend von Pforzheim aufgewachsen, ist auf der ganzen Welt unterwegs. Einen festen Wohnsitz hat er schon lange nicht mehr, dafür überall Freunde. Neben Deutsch spricht er fließend Englisch, Spanisch, Portugiesisch und Schwedisch – alles Sprachen, in denen er als Motivationscoach auch Vorträge hält.

Wer Jonas Deichmann in den sozialen Medien folgt oder seine Bücher kennt, dem dürfte bekannt sein, dass ein Radfahrer wohl einen ganzen Rucksack von Schutzengeln braucht, um etwa auf russischen Fernstraßen nicht von einem Laster plattgemacht zu werden. Womöglich wird sich der eine oder die andere aus der Gemeinde der Follower gefragt haben, warum einer meint, trotz Lebensmittelvergiftung die Sahara durchradeln zu müssen. Auf dem Hochpunkt der Pandemie ließ es sich Deichmann nicht nehmen, schwimmend, radelnd und joggend den Globus zu umrunden. Nimmt man die dabei zurückgelegten Strecken zusammen, so kommt man auf 120 Ironman-Distanzen. Die Zahl sollte man sich merken.

Braucht der Körper nicht auch Erholung?

Ist der Mann also noch ganz bei Sinnen? Aller Wahrscheinlichkeit nach schon. Und so darf man darauf vertrauen, dass Deichmann weiß, war er tut, wenn er nun zu neuen Höhen strebt. Oder, wie er es formuliert, sich auf „eine richtig große Herausforderung“ einlässt. Und die sieht so aus: Der Langstreckenprofi (Ruhepuls 38) hat sich vorgenommen, mehrere Ironman zu absolvieren. Ein Ironman bedeutet: 3,86 Kilometer schwimmen, 180,2 Kilometer Rad fahren, 42,2 Kilometer laufen. Und das will Deichmann nicht nur ein paarmal machen, sondern 120-mal in Folge, jeden Tag einen Ironman. Den Weltrekord hält der in Simbabwe geborene Ultra-Ausdauersportler Sean Conway mit 105 Ironman in 105 Tagen.

Los geht es am 9. Mai – und zwar nicht irgendwo, sondern in der mittelfränkischen Ironman-Hochburg Roth, Austragungsort der legendären Challenge Roth, einer Veranstaltung, die jedes Jahr die Elite der Ironmänner und -frauen anlockt und in nicht mal einer Minute ausverkauft ist.

Nun hat die Sportwissenschaft herausgefunden, dass der trainierte Mensch zwar zu erstaunlichen Leistungen fähig ist – aber auch, dass Erholungsphasen dazugehören. Kommen die bei 120 Triathlons an 120 Tagen nicht viel zu kurz? „Die Gesetze der Sportwissenschaft“, sagt Deichmann, „missachte ich da schon ein wenig. Das muss ich zugeben. Aber ich bin ja an körperliche Anstrengungen gewöhnt. Ich erhole mich dann nach den 120 Tagen.“

Immerhin bleiben ihm die Nächte. Denn selbstverständlich hat Deichmann, der seine Unternehmen stets akribisch vorbereitet, einen genauen Plan, wie er die Wahnsinnstrapazen zu bewältigen gedenkt. „Ich bin ja nicht der beste Schwimmer. Also habe ich für die Schwimmdistanz eine Stunde fünfzehn einkalkuliert. Danach gibt es ein zweites Frühstück, bevor ich mich für fünf Stunden aufs Rad setzte und nach einer Pause vier Stunden laufe.“ Nicht ganz unwichtig bei seinem durchgetakteten Tagesablauf wird das Essen sein. „Immerhin werde ich jeden Tag an die zehntausend Kalorien verbrauchen.“ Da reiche es nicht, sich beim Radeln oder Laufen ein paar Fitnessriegel oder die eine oder andere Banane zuzuführen.

„Dann sage ich dem Körper, es geht weiter“

Wenn alles nach Plan läuft, wird Jonas Deichmann jeden Tag nach zwölf Stunden am Ziel sein. Normalerweise könne er einen Triathlon wohl auch unter neun Stunden packen, meint er, aber das sei über die Dauer von vier Monaten nicht zu schaffen. Auf die Frage „Und wenn der Körper mal gar nicht mehr will?“ kommt eine typische Deichmann-Antwort: „Dann sage ich dem Körper, es geht weiter – und glaube fest daran.“ Denn eines sei ihm natürlich klar: „Wenn es dieses Mal wo zwickt, dann muss ich aufpassen“, sagt er. „Das war bisher anders. Als ich bei meinem Triathlon um die Welt durch Mexiko gelaufen bin, habe ich einfach runtergeschaltet – und bin an einem Tag statt 60 halt nur 50 Kilometer gelaufen. Dann kann der Körper sich erholen.“ Zumindest der von Jonas Deichmann.

Vorbereitung ist die halbe Miete. Vor seinen Ultrafahrten mit dem Rad hat Jonas Deichmann eine Art Heimtrainer vor einer weißen Wand platziert und ist losgestrampelt. Wenn nach zehn Stunden der Wecker geschellt hat, wusste er, dass das Training beendet ist. „Das lief dieses Mal anders“, sagt er. Noch nie habe er sich so intensiv und ernsthaft auf ein Projekt vorbereitet. Die vergangenen Wochen verbrachte er, zeitweise begleitet von seinem dreieinhalb Jahre älteren Bruder Siddhartha, in Portugal. „Ich habe 35 bis 50 Stunden Sport die Woche gemacht, verteilt auf 20 Trainingseinheiten.“ Vor allem Rückenübungen seien wichtig, um beim Laufen Verletzungen zu vermeiden.

Anders als bei seinen bisherigen Unternehmen wird Deichmann sich dieses Mal voll und ganz auf den Sport konzentrieren können. Sein Vater Sammy wird für die Logistik sorgen – und dafür, dass auch immer genug Nudeln auf den Teller kommen. Sein Freund Marc Bernreuther wird den Bereich Social Media abdecken und darauf achten, dass die Fans auf dem Laufenden gehalten werden.

Bisher wussten nur seine engen Vertrauten von seinem neuen Projekt. An diesem Donnerstag ließ Deichmann bei seinem Hauptsponsor, dem Fahrradteilegroßhändler Paul Lange & Co OHG in Bad Cannstatt, die Katze aus dem Sack. Dabei wurde auch bekannt, dass die Firma den Sportler nicht nur finanziell, sondern auch mit Manpower unterstützen will. Firmenchef Bernhard Lange hat versprochen, dass stets ein paar sportliche Leute aus seinem Unternehmen Deichmann Gesellschaft leisten werden. Ohnehin rechnet der Athlet bei den Rundkursen in Roth mit reichlich Zulauf. Wenn alles gut geht, wird er gefeiert wie bei seinem Lauf durch Mexiko, wo der Mann mit dem Vollbart und der roten Bubba-Gump-Shrimp-Mütze als „Forrest Gump Aleman“ wie ein Popstar hofiert wurde.

Bei Tag 60 wird Jonas Deichmann garantiert nicht allein sein. Dann geht im Fränkischen die DATEV Challenge Roth über die Bühne mit etlichen Tausend Athletinnen und Athleten. „Dann kommen die Profis“, sagt Deichmann. Und was ist er noch mal?

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