Joyce Carol Oates, „Babysitter“ Sittenbild mit Serienmörder

Aus der einstigen Motor City Detroit ist eine Kapitale des Mordes geworden. Foto: Wirestock/imago

Joyce Carol Oates hat einem Gesellschaftsroman das Herz eines Thrillers eingepflanzt. „Babysitter“ ist das Meisterstück der Erfolgsautorin. Darin erwachen die eingeschlafenen Leidenschaften einer Frau aus den besten Kreisen in einem amerikanischen Albtraum.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Die amerikanische Autorin Joyce Carol Oates hat schon eine Menge geschrieben, Schauerromane, Krimis, Bücher über Boxer, Marylin Monroe, Serienkiller. Was die einen für den Ausstoß einer schnellfertigen Vielschreiberin halten, liefert für die anderen Stoff genug für den längst fälligen Literaturnobelpreis.

 

Man kann davon ausgehen, dass sich die mittlerweile 85-jährige Autorin, die in Princeton Generationen in Kreativem Schreiben unterrichtet hat, um die Grenzen zwischen Unterhaltung und hoher Literatur einen Teufel schert. Was nicht heißt, dass sie nicht eine besondere Beziehung zu den Abgründen der Hölle unterhielte, die sich inmitten der guten Gesellschaft öffnen.

Joyce Carol Oates Foto: Dustin Cohen/Ecco

Zu welcher diabolischen Meisterschaft ihre Unbekümmertheit um jede Art von Grenzwächtertum in der Lage ist, führt ihr jüngster Roman „Babysitter“ vor Augen. Denn er zieht nicht nur die Summe ihres literarischen Könnens, sondern auch der vielfältigen Formen und Genres, in denen es sich bewährt.

An einem Karfreitag, ausgerechnet, macht Hannah Jarrett den entscheidenden Schritt, der aus ihrem Leben als Ehefrau in einem noblen Vorort der sich von der Motor- zur Mordcity wandelnden einstigen Autometropole Detroit herausführen soll. Es sind die Siebzigerjahre, in denen für eine Frau der besseren Kreise außer Mommy, Charity, schönen Kleidern und Alkohol wenig Spielraum blieb, die in ihrem goldenen Käfig vertrocknenden Leidenschaften zu kompensieren.

Liebe auf den ersten Blitz

Als bei einer jener öden Spendengalas ein Unbekannter sie auf eine bestimmte Weise am Handgelenk berührt, durchfährt sie wie ein Stromstoß der Anflug längst vergessenen Begehrens. Und so steht sie nun also an jenem Karfreitag vor dem Zimmer im 61. Stock des in den Himmel Detroits ragenden Renaissance Grand Luxushotels, ein Projekt innerstädtischer Erneuerung, in das ihr Mann investiert hat. Hierher hat sie der Unbekannte, von dem sie nur die Initialen Y.K. kennt, bestellt.

Was sie hier erlebt – nun, man tut gut daran, nicht mit der Tür in den kunstvollen, vor Spannung berstenden Aufbau zu fallen. Obwohl Hannah schon zu Beginn in den Aufzug steigt, lässt sich Joyce Carol Oates hundert Seiten Zeit, ihre Protagonistin oben ankommen zu lassen. Bis dahin hat man einiges erfahren über die Klassenverhältnisse in der Stadt, die Jahre zuvor von „Rassenunruhen“ erschüttert worden war, über das Privatleben von weißen Arbeitgebern, die sich dunkelhäutige Nannys leisten, von denen sie mit künstlicher Wärme im Ton behaupten: „Wir behandeln sie wie ein Familienmitglied.“ Und man hat nicht nur von den Morden eines pädophilen Serientäters gehört, dem die Presse den Namen „Babysitter“ gegeben hat, sondern den Bericht der Todesarten aus dem Mund der Opfer selbst vernommen. Denn was die Gestaltungskraft und -neugier dieses Romans ausleuchtet, macht vor der Schwelle des Jenseits nicht Halt. Die Abschnitte, aus denen sich dieses schillernde Sittenbild zusammensetzt, kombinieren vor keinen Extremen zurückscheuende Perspektivwechsel mit Erzählformen, in denen sich Tatsächliches und Visionäres, Erlebtes und Gedachtes zu haarsträubenden Möglichkeiten ergänzen.

Schule der Entmenschlichung

Was auch immer Hannah in jenem Hotelzimmer mit dem raubtierhaften Unbekannten erlebt haben wird, ein Teil des daraus entspringenden Verhängnisses resultiert aus ihrer Bereitschaft, widerwärtigste Gewalterfahrungen mit der Möglichkeit eines Geliebten in Einklang zu bringen. In fataler Folgerichtigkeit werden dabei die psychosozialen Hintergründe einer eingebildeten Liebe offengelegt, in der die unberechenbare Verächtlichkeit einer patriarchalen Gefühlskultur Monster gebiert.

In dem Unbekannten, der auf der dunklen Seite der glänzenden Gesellschaft unter dem Namen „Hawkeye“ – Falkenauge – bekannt ist, und der als Bomberpilot im kurz zuvor zu Ende gegangenen Vietnamkrieg durch eine Schule der Entmenschlichung gegangen ist, kehrt Hannahs übermächtiger Joker Daddy wieder. Aus seiner Herrschaft wollte sie sich befreien – um sie nur auf anderer Eben wieder einzusetzen.

Oates setzt dem Gesellschaftsroman das unruhige Herz eines Thrillers ein. Es treibt das Blut durch das feine Geäder aus Verbindungen und Lügen, das den Kreislauf dieser Welt bestimmt, in der die tödlichen Perversionen eines Pädophilenrings mit dem privilegierten Bienenstock-Alltag zusammenhängen, in dem sich Hannah zu Tode langweilt.

Befremdlichen Exzessen steht eine Normalität gegenüber, in der der Täter immer ein Schwarzer sein muss. Und wer als Sündenbock für das, was einer Ehefrau mit ihrem Geliebten widerfährt, in die Fänge einer rassistischen Klassenjustiz gerät, für den können die Folgen so todbringend sein wie die giftigen Umarmungen des „Babysitters“ für seine unschuldigen Opfer.

In dem Namen Hannah, einem Palindrom, das sich vorwärts wie rückwärts lesen lässt, spiegelt sich ein in sich geschlossener Teufelskreis. Am Ende steht sie wieder dort, wo alles begann, vor der Tür jenes Zimmers im 61. Stock des Renaissance Grand. Gibt es kein Entkommen aus der sich zuziehenden Schlinge? Jedenfalls nicht für die Lesenden, die gar nicht anders können, als dem Ganzen atemlos zu folgen. Aber wie steht es um die amerikanische Gesellschaft, jetzt, ein halbes Jahrhundert nach den geschilderten Ereignissen?

Joyce Carol Oates: Babysitter. Aus dem amerikanischen Englisch von Silvia Morawetz. Ecco Verlag. 624 Seiten, 24 Euro.

Info

Autorin
Joyce Carol Oates wurde 1938 in Lockport, New York, geboren. Sie lebt in Princeton, New Jersey, wo sie Literatur unterrichtet.

Werk
Joyce Carol Oates zählt zu den bedeutendsten amerikanischen Autorinnen der Gegenwart. Sie veröffentlichte bisher über 300 Erzählungen, etwa 40 Romane, Jugendbücher, Lyrik, Theaterstücke und eine Roman-Biographie über Marilyn Monroe. Zu den zentralen Themen ihres Werkes gehört die Entmythisierung des „Amerikanischen Traums“. Sie wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem National Book Award. 2019 erhielt sie den Jerusalem Prize.

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