Jubiläumsschau Großer König, ganz nah

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In Potsdam zeigt die Ausstellung „Friederisiko“ viele Facetten des Preußenherrschers. Erstmals zu sehen: die königlichen Gemächer im Neuen Palais.

Unter dem Titel „Friederisiko“ eröffnet die Schlösserstiftung am Samstag die größte Ausstellung in ihrer Geschichte. Foto: dapd
Unter dem Titel „Friederisiko“ eröffnet die Schlösserstiftung am Samstag die größte Ausstellung in ihrer Geschichte. Foto: dapd

Potsdam - Der Potsdamer Historiker Jürgen Luh erinnert sich noch sehr gut an eine Frage, die ihm vor ziemlich genau fünf Jahren gestellt wurde. Damals begann Luh gerade mit den Vorbereitungen der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten für den 300. Geburtstag Friedrichs des Großen. Wissenschaftlerkollegen hatten sich zu einer Konferenz über den Preußenkönig versammelt, der noch zahlreiche weitere folgten. Die Frage lautete: „Oh je, gibt es denn über den überhaupt noch etwas Neues zu sagen?“ Die Antwort darauf lässt sich nun im Neuen Palais in Potsdam besichtigen – unter dem Titel „Friederisiko“ eröffnet die Schlösserstiftung am Samstag die größte Ausstellung in ihrer Geschichte.

In Potsdam-Sanssouci ist man stolz, gleich eine ganze Reihe solcher Superlative und Novitäten über die Ausstellung aufzählen zu können, die den Höhepunkt des Friedrich-Jahres markiert: Im größten aller Preußenschlösser wird ein Drittel der 72 Räume zum ersten Mal überhaupt für die Öffentlichkeit zugänglich sein, darunter zum Beispiel das bisher stets verschlossene Lesekabinett des Preußen­königs, auf dessen mit lindgrüner Seide bespannten Sofas der Monarch sich mit seinen Hunden lümmelte und las. Fünfhundert Objekte aus ganz Europa wurden nach Potsdam gebracht, darunter Schätze wie eine Büste der Madame Pompadour, aber auch das einstmals für die preußische Akademie der Wissenschaften präparierte Skelett von Friedrichs Lieblingspferd Condé, welches seinen Herrn um acht Jahre überlebt hatte.

Es sind Exponate wie dieses Skelett, die schnell klarmachen, dass es in Wirklichkeit um das Gegenteil von Superlativismus geht: Die Sensation dieser Ausstellung liegt im Kleinen, in der Nahsicht, in einer schier endlosen Reihe von Details, die sich am Ende zu einem großen Ganzen fügen. In zwölf Themenbereichen nähert sich die Schau von allen Seiten der Person Friedrichs. Je nach Interessenlage und Perspektive kann sich hier wie in einem Mosaik jeder seinen ganz persönlichen Chefpreußen zusammensetzen – die subjektive Annäherung als bewusster Gegenentwurf zu der gewohnten Wahrnehmung des Alten Fritz im starren Klischee als preußisch-asketisch Flöte spielender Kriegsherr.

Sein Nachthemd zog der König selber an

„Wir wollen, dass der Besucher Friedrich dem Großen hier auf die Schliche kommt“, sagt der Stiftungsdirektor Hartmut Dorgerloh. Was nicht immer einfach ist bei einem „genialen PR-Strategen, Manipulator und Selbstdarsteller“, wie Dorgerloh Friedrich nennt. „Er hat viele Botschaften hinterlassen, die wir versuchen zu dechiffrieren.“

Es gibt keinen vorgegebenen Rundgang, dem der Besucher auf den 6000 Quadratmetern Ausstellungsfläche folgen soll. Ein maulbeerfarbener, 1,5 Kilometer langer Steg leitet die Besucher wie durch einen Parcours mit den thematisch gegliederten Ausstellungsstationen. Die Orientierung erleichtert ein dickes Begleitheft mit Erklärungen zu den nummerierten Objekten. In den Kapiteln geht es um den Mann, der Freundschaft für so wichtig hält, aber in Wirklichkeit allergrößte Schwierigkeiten damit hat, es geht um die Beziehungen des Königs zu anderen gekrönten Häuptern, um seine Ideale, seine Auffassung vom Staatswesen und seine Liebe zu den preußischen Tugenden, um seinen Hang seiner Selbstdarstellung wegen ein beträchtliches Risiko einzugehen, und um seinen ganz normalen Tagesablauf vom Aufstehen um halb sechs Uhr morgens bis zum Zubett­gehen gegen halb zehn – höchstselbst streifte sich der König dabei sein Nachthemd über, behielt die Strümpfe an und holte sich den jeweiligen Lieblingshund zum Kuscheln.

Der Absicht, dem Hauptakteur so nahe wie möglich zu kommen, hilft dessen Selbstwahrnehmung. Der Vielschreiber Friedrich liefert mit vielen Zitaten einen Großteil der Ausstellungstexte selbst. Als „zweiten Hauptakteur“ verstehen die Kuratoren das Neue Palais – von Friedrich entworfen und bis ins kleinste Detail erdacht, lege es viele seiner Gedanken frei, sagt der Kurator Alfred Hagemann. „Es wurde uns erst allmählich deutlich, welch persönliches Objekt das Palais ist.“ Zahl­lose intime, verborgene und mystifizierte Botschaften werden dem Besucher auf diese Weise vermittelt. Eine Botschaft ist das Schloss schon in seiner schieren Dimension – die der gebauten Machtdemonstration eines „Großen“ der Weltgeschichte, der aus seiner Sicht alles konnte: Krieg führen, Flöte spielen und seinen Untertanen ein guter Herrscher sein.