Juden zwei Jahre nach Halle In schusssicherer Weste vor der Synagoge

Rebecca Seidler, Vorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover. Foto: dpa/Julian Stratenschulte

Wie sicher sind Juden in Deutschland zwei Jahre nach dem Terroranschlag von Halle? Die Politik hat versprochen, alles zu tun, um Schutz zu gewähren. Die Wirklichkeit sieht bisweilen ganz anders aus. Ein Besuch vor Jom Kippur in der Synagoge Hannover.

Hannover - Vor der Synagoge in Hannover steht ein Streifenwagen auf dem Parkplatz gegenüber. Rebecca Seidler sucht an diesem Morgen den kurzen Dienstweg. Sie geht über die Straße, spricht die Polizisten an. Die Vorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinde kriegt seit ein paar Tagen Post. Die erste Mail landete kurz vor dem Neujahrsfest im Postfach, seitdem sind es viele. Sie sind immer nur eine Zeile lang, ein bisschen wirr, als lebe der Absender in einem eigenen Gedankengebäude. Ist er eine Gefahr?

 

Sabbat in schusssicherer Weste

Der höchste jüdische Feiertag steht an. Zu Jom Kippur wird die Synagoge voll sein, sicher kommen Mittwoch und Donnerstag um die 100 Gläubige in die Synagoge. Vor zwei Jahren war das auch so. So wie überall im Land.

Rebecca Seidler stand damals gerade im Sicherheitsbereich zwischen dem Synagogensaal und der Außentür, wie üblich hatte sie ihr Headset auf dem Kopf. Für christliche Kirchgänger mag es unvorstellbar sein, aber in jüdischen Gemeinden schützen Gemeindemitglieder ihre Synagogen. Sie bilden Sicherheitsteams, lassen sich schulen, postieren sich an den Eingängen. Sie halten Wache. Es gibt Schutzpläne für jede Veranstaltung. Gottesdienst, das ist für manche ein Sabbat mit schusssicherer Weste und Funkverbindung. Denn Juden in Deutschland halten das, was an jenem Tag vor zwei Jahren in Halle passierte, schon lange für möglich.

Message aus Halle

Die Hannoveraner Gemeinde war mitten im Gebet, als die Nachricht über Seidlers Kopfhörer kam: Ein Angreifer habe das Feuer auf die Tür der Synagoge von Halle eröffnet, versuche in das Gotteshaus einzudringen. Dem Rechtsterroristen Stephan Balliet gelang der geplante Massenmord allein deshalb nicht, weil die massive Tür der Synagoge seinen Versuchen standhielt. Auf seinem Weg ermordete er zwei Menschen.

In Hannover erfahren die Leute aus dem Sicherheitsteam über einen Messengerdienst, in dem Gemeinden vernetzt sind, was in Halle los ist. Rebecca Seidler reagiert schnell: Sie sichert die Türen, alarmiert die Polizei. Dann geht sie zum Rabbiner und bittet ihn, eine Pause zu machen und die Gläubigen zu informieren. „Es war eine hochemotionale Situation“, sagt Seidler. Im Saal sitzen Menschen, die Freunde in Halle haben. Sie rufen an, erreichen sie nicht.

Wenn Kinder nach dem Auswandern fragen

In Hannover entschließt sich die Gemeinde, weiter zu beten. Erwachsene starren auf ihr Handy, Kinder sehen Eltern weinen. Sie haben Angst. „Es war hart“, sagt Rebecca Seidler heute. „Als ich irgendwann um elf nach Hause kam, fragte mich mein kleiner Sohn, ob es jetzt so weit sei, dass wir auswandern müssen.“ Was antwortet man da als Mutter? „Ich habe gesagt, dass wir alles tun werden, damit wir hier frei und sicher leben können.“ Hat sie nicht einfach „nein“ gesagt? Seidler, in Hannover geboren und aufgewachsen, antwortet: „So denke ich nicht mehr. Wir denken in Etappen und bewerten die Situation immer neu.“

Das Land steht in den Tagen nach Halle unter Schock. Wie konnte so etwas passieren? Wieso war die Synagoge am höchsten jüdischen Feiertag ohne Polizeischutz? „Ihr könnt uns nicht schützen“, schreit ein Mann denen entgegen, die am Tag danach kommen – Frank-Walter Steinmeier, Bundespräsident, Horst Seehofer, Innenminister, schauen wie versteinert. Alles Menschenmögliche, so sagt Seehofer später, müsse man jetzt tun für diesen Schutz. Wie schwer beschädigt das Sicherheitsgefühl ist, spürt die Gemeinde in Hannover in den Tagen danach: „Viele Eltern trauten sich nicht mehr, ihre Kinder zu uns in den Kindergarten zu bringen“, sagt Rebecca Seidler.

Riesige Sicherheitslücken

Die Bestandsaufnahme nach Halle deckt riesige Sicherheitslücken auf – mit regionalen Unterschieden, wie eine Recherche des Mediendienstes Integration, einer Informationsplattform für Journalisten, zeigt. Seitdem hat sich einiges verbessert. Der Bund hat 22 Millionen Euro für den Schutz zugesagt. Die Situation ist aber je nach Bundesland sehr unterschiedlich. Erst nach und nach kämen die Gelder an, viele Gemeinden blieben immer noch auf Kosten sitzen. In Baden-Württemberg zum Beispiel wird demnach jährlich eine zusätzliche Million für Schutzmaßnahmen bereitgestellt, dazu kommt noch einmal eine Million für die Kosten eines Sicherheitsdienstes. Anders als in anderen Bundesländern müssen sich die Gemeinden allerdings selbst beteiligen.

Sicherheit der Juden als „Staatsräson“

Die Worte von Innenminister Horst Seehofer seinerzeit waren groß: Es sei „deutsche Staatsräson“, dass Juden in Deutschland sicher leben können. „Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst.“ Wenn man Rebecca Seidler an das Versprechen Seehofers erinnert, dann sieht man ihrem Gesicht die Mühe an, sich zu beherrschen.

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Das Land Niedersachsen hat insgesamt zwei Millionen Euro für alle Gemeinden gegeben und verweist ansonsten auf eine Erhöhung der jährlichen Zahlungen. Die aber seien nicht für zusätzlichen Schutz vorgesehen gewesen, sagt Seidler, sondern fürs Gemeindeleben mit Rabbinergehältern, Kosten für die Kita und anderes. 440 000 Euro hat ihr kleiner Verband von der Einmalzahlung bekommen – ein Tropfen auf den heißen Stein für sechs Synagogen. Nötig wären jetzt einmalig 1,5 Millionen Euro für Umbauten, sagt Seidler. Alles liegt vor: Sicherheitskonzepte, Kostenvoranschläge von Handwerkern, Architektenpläne. Das Geld aber fehlt.

Der Kindergarten ist noch immer nicht sicher

Gerade hat Seidler einen Brief geschrieben an alle Fraktionen im Landtag. „Zwei Jahre nach Halle stehen wir fast am selben Punkt wie vor Halle“, steht darin. Nur eines habe sich geändert: „Wir haben nun Sicherheitskonzepte vorliegen, die uns schonungslos vor Augen führen, welche Schutzmaßnahmen theoretisch notwendig wären, um uns vor Anschlägen besser zu schützen.“

Die Bitterkeit in diesem Satz hat einen Grund: Seit zwei Jahren versucht Seidler, die Synagoge, den Kindergarten, das Gemeindezentrum sicherer zu machen. Leider ist das Risiko für sie gewachsen. Was in der Hannoveraner Gemeinde passierte, ist der Albtraum jedes Innenministers.

„Wir bekamen Besuch von einem Kriminalhauptkommissar“, erinnert sich Seidler. Der erste Termin, Anfang 2020, sei irritierend gewesen. Michael F. habe den Staat gar nicht in Verantwortung gesehen. „Er sagte, ein Baumarkt müsse sich doch auch gegen Einbruch schützen. So sei das bei uns auch.“ Nach dem Treffen beschwerte sich Seidler. Der Kommissar kam noch einmal wieder. „Fünf Stunden lang zeigte ich ihm unsere Gebäude.“ Samt Sicherheitslücken. „Wir haben ihm alles anvertraut – anvertrauen müssen“, sagt Seidler heute.

Ein Querdenker weiß alles über die Gemeinde

Kurze Zeit später wird Michael F. vom Dienst suspendiert, weil er als Redner im Protestmilieu der so genannten „Querdenker“ aufgetreten ist. Bei einer Rede in Dortmund hat er die Coronamaßnahmen mit dem Nationalsozialismus verglichen. Schon einmal, so F., hätten Regierende ihre Sicherheitskräfte für die abscheulichsten Verbrechen missbraucht. Er befürchte, derzeit entwickele sich alles in dieselbe Richtung. Auf der Plattform Telegram träumt F., der mittlerweile als „Schutzmann“ in der Szene bekannt ist, vom Umsturz. Das Land Niedersachsen klagt auf Aufhebung seines Beamtenstatus.

Und die Jüdische Gemeinde in Hannover? „Wir werden mit all dem dermaßen alleingelassen“, sagt Rebecca Seidler. „Nun hat ein Mann Wissen über unsere Gemeinde, der in eine zutiefst antisemitische Szene abgedriftet ist.“ Ein Mann, der von denselben Behörden geschickt wurde, die für die Sicherheit Verantwortung übernehmen sollten. Dass immer noch kein Geld für die Umbauten fließt, kann sie nicht verstehen. „Antisemitismus ist doch ein gesellschaftliches Problem und nicht unser Problem“, sagt Seidler. „Wieso müssen wir dann Bittsteller sein?“

Wenn die Gemeinde am Mittwoch Jom Kippur feiert, wird sie sich wieder zusätzlich selbst schützen, so gut es geht. „Wir haben gelernt, uns auf uns selbst zu verlassen.“

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