Kulturwochen in Stuttgart Neugier auf jüdisches Leben
Die Kulturwochen in Stuttgart zeigen jüdisches Leben in seiner ganzen Fülle. Sie sind eine Einladung, die man annehmen sollte, empfiehlt Jan Sellner, Leiter der Lokalredaktion.
Die Kulturwochen in Stuttgart zeigen jüdisches Leben in seiner ganzen Fülle. Sie sind eine Einladung, die man annehmen sollte, empfiehlt Jan Sellner, Leiter der Lokalredaktion.
Stuttgart - Jüdisches Leben in Stuttgart, das klingt bei flüchtigem Hören ausschließlich nach Vergangenheit. Nach etwas, das war und nicht mehr ist – zermalmt vom Nationalsozialismus. Es klingt nach Deportation. Nach Holocaust. Auch nach Spurensuche. Nach einer Exkursion in die Stadtgeschichte, bei der einen kundige Stadtführer auf ein Relief an der evangelischen Stiftskirche aufmerksam machen, das zwei Juden zeigt. Oder auf die frühere Judenschule im Dorotheen-Quartier. Oder auf das Schicksal des Geheimen Finanzrats Joseph Süß Oppenheimer, der in Stuttgart Opfer eines Justizmordes wurde und dem hier eine Art Platz gewidmet ist, der demnächst endlich ein würdiger Gedenkort werden soll. Jüdisches Leben in Stuttgart, das klingt häufig wie jüdisches Leben in Deutschland insgesamt: nach Schmerz und Traurigkeit.
Dem liegt kein Hörfehler zugrunde. Durch die mannigfachen Erfahrungen von Ausgrenzung und Verfolgung hat jüdisches Leben häufig Tränen in der Stimme. Es beinhaltet jedoch auch anders gelagerte Klänge. Ihnen will das Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ Raum geben – so weit reicht der Nachweis von jüdischem Leben auf dem Gebiet des heutigen Deutschland zurück, ausgehend von Köln. In Stuttgart sind es rund 1000 Jahre weniger. Hier wurde im 14. Jahrhundert die erste jüdische Gemeinde erwähnt. Doch auch das ist eine lange Geschichte, gekennzeichnet von Opfern, jedoch auch von Erfolgen.
Davon zeugen die in dieser Woche eröffneten jüdischen Kulturwochen in Stuttgart, an denen sich zahlreiche Kulturinstitutionen beteiligen. 2004 fanden sie zum ersten Mal statt. In diesem Jahr fungieren sie wie ein Verstärker des bundesweiten Festjahres und der damit verbundenen Absicht, nämlich zu zeigen, wie lebendig jüdisches Leben in seinen 109 Gemeinden in Deutschland heute wieder ist. Die noch bis 14. November dauernden Kulturwochen sind eine Einladung an alle Neugierigen und Interessierten, sich damit zu beschäftigen – mit dem Überleben, besonders aber auch mit dem aktuellen und zukünftigen jüdischen Leben hier in Stuttgart. Die Betonung liegt auf Leben. Und das Angebot ist erfreulich groß.
Besonders eindrucksvoll sind dabei die Stimmen der Zuversicht. Wie die von Barbara Traub, der Vorsitzenden der rund 2800 Mitglieder zählenden Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg. „Gesellschaften können sich ändern“, zitiert sie den jüdischen Gelehrten Jonathan Sacks. „Es beginnt mit uns.“ Gerne nimmt man ihr Angebot an, über die Schoah hinauszublicken, auf die Fülle jüdischen Lebens, von Kultur bis Kulinarik, ohne aber über den Zivilisationsbruch hinwegzusehen. Dabei geht es immer auch um gesellschaftliche Interaktion oder, wie es Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden, bei der Eröffnung der Kulturwochen formulierte: „Jüdisches Leben war und ist immer wieder ein selbstverständlicher Teil des Lebens in Deutschland.“
Genau das wünscht man sich, eine von Respekt geprägte Selbstverständlichkeit des Zusammenlebens – mit Christen, die jetzt Reformationstag und Allerheiligen begehen, mit Muslimen und anderen. Angesichts des sich immer ungenierter gebärdenden Antisemitismus reicht das Wünschen alleine allerdings nicht, weshalb OB Frank Nopper mit erfreulicher Klarheit für die Stadt Stellung bezogen hat: „Den Pestbeulen des Antisemitismus müssen wir mit aller Entschiedenheit gemeinsam entgegentreten.“ Auch dort, wo er sich im Kleinen artikuliert.
Schließlich gilt beides: Zuversicht und Vorsicht. Einige lichte Stuhlreihen bei der Eröffnung der jüdischen Kulturwochen stehen symbolhaft dafür, wie viel in dieser Stadt verloren gegangen ist an Kultur, an Wissen, an Geist und Leben und was alles hätte sein können. Man kann diese Leerstellen nicht füllen, aber man kann sich positionieren.