Jüdischer Nationalfonds in Stuttgart Lehren aus der Geschichte

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Im Kursaal in Stuttgart-Bad Cannstatt tagt der jüdische Nationalfonds. Ein Historiker klärt darüber auf, wie die oft als hart empfundene Politik Israels zu erklären ist.

General Doron Almong rühmt sich, Terroristen getötet zu haben. Foto: Martin Stollberg
General Doron Almong rühmt sich, Terroristen getötet zu haben. Foto: Martin Stollberg

Stuttgart - Sauber gestapelt lagen die Metallabsperrgitter in der Ecke des Parks vor dem Kursaal. Ein beachtliches Polizeiaufgebot sicherte den Kongress des Jüdischen Nationalfonds in Bad Cannstatt. Doch die befürchteten Demonstrationen von Gegnern der israelischen Politik blieben am Sonntag aus. „Es ist sehr schade, dass wir hier bewacht werden müssen wie in einer Festung“, kommentierte Michael Wolffsohn die Präsenz der Beamten. Sie sei ein Zeichen dafür, dass es mit dem Verhältnis zwischen Israel und Deutschland im Moment nicht zum Besten bestellt sei.

Der in Tel Aviv geborene und in München lehrende Historiker führte dies auf ein sehr grundsätzliches Missverständnis zwischen Deutschen und Israelis zurück. „Beide Staaten haben aus den Gräueln des Zweiten Weltkrieges ihre gleich lautenden und richtigen Lehren gezogen“, erklärte Wolffsohn. „Nie mehr!“ heiße es auf beiden Seiten, doch würde die Aussage dieser beiden Worte von beiden Völkern völlig unterschiedlich interpretiert. „Nie mehr“, heiße auf deutscher Seite: nie wieder zum Täter werden, nie wieder Gewalt als politisches Instrument. In Israel hingegen bedeute „Nie mehr“: nie wieder zum Opfer werden!

Dann wurde Wolffsohn provozierend konkret. Sein Vorredner, Ex-General Doron Almog, sei ein Beispiel für diese Lebensweise. Dem Mann wird vorgeworfen, bei zwei Einsätzen gegen die Genfer Konventionen verstoßen zu haben. Der hoch dekorierte Militär hatte in seinem Referat mit hörbarem Stolz erzählt, dass er bei seinen Einsätzen in verschiedenen Kriegen zur Verteidigung seines Landes mehrere „Terroristen“ getötet habe. In den Ohren eines Deutschen müssen solche Aussagen, die immer wieder vom Applaus der mehreren Hundert Anwesenden unterbrochen wurden, verstörend wirken. Doch dann zeigte der Ex-General auch eine andere, menschliche Seite, als er erzählte, wie er und seine Frau sich um seinen behinderten Sohn bis zu dessen Tod aufopferungsvoll gekümmert haben. Inzwischen hat Almog in Israel eine Einrichtung zur besseren Versorgung von Behinderten aufgebaut.

Es spricht ein „militärischer Haudegen“

„Viele Deutsche können nicht versehen“, erklärte Wolffsohn, „dass solche liebevollen, hochkultivierten Menschen auch militärische Haudegen sein können.“ Westeuropäer hätten aufgrund ihrer friedlichen Geschichte der vergangenen Jahrzehnte, das „falsche politische Denken“, so der Historiker. Israel lebe in einer anderen, hoch explosiven Situation, was gerade in Deutschland immer wieder ignoriert werde. Wolffsohn: „Die Deutschen verstehen nicht, dass die eigenen politischen Schlussfolgerungen nicht für den Nahen Osten gelten.“ Auch den UN sprach Wolffsohn das Recht ab, sich ein Urteil über Israel zu erlauben, da sie eine „Addition korrupter und undemokratischer Staaten“ sei.

Für die Zukunft der deutsch-israelischen Beziehungen sieht Wolffsohn keine Entspannung in Sicht. Ein Grund sei unter anderem der wachsende Anteil der muslimischen Bevölkerung in Deutschland, die für die Parteien inzwischen zu einem interessanten und wichtigen Stimmenpool geworden seien. „Ich sage nicht, dass alle Muslime Terroristen sind“, schob der Historiker sofort nach, aber ein Großteil der antiisraelischen Ressentiments entwüchsen eben dieser Bevölkerungsschicht. „Ich bewerte das nicht“, sagte Wolffsohn noch, er als Historiker referiere nur Fakten.