Jüdisches Purim-Fest in Esslingen Die Fröhlichkeit des Gottvertrauens

Das Purim-Spiel aktualisiert die biblische Geschichte mit jüdischem Humor. Foto: privat

Am Wochenende wird das jüdische Purim-Fest auch in der Esslinger Gemeinde gefeiert. Trotz seinen karnevalistischen Zügen hat es einen ernsten Hintergrund.

Eigentlich sind es grauenhafte Vorgänge, auf die sich das fröhlichste aller jüdischen Feste bezieht, das Purim-Fest: Das biblische Buch Esther schildert, wie Haman, ein hoher persischer Hofbeamter, an einem Tag alle Juden ermorden lassen wollte, die damals in die Diaspora des persischen Reichs vertrieben waren. Eine Shoah im fünften vorchristlichen Jahrhundert, der das Volk Israel nur durch das Eingreifen der beherzten Esther und den anschließenden Sieg über die Antisemiten entkam.

 

„Amüsieren ist Pflicht“

Diese Rettung ist Anlass für das Fest mit seinen karnevalistischen Zügen. Im Jahr 2024 wird es vom Abend dieses Samstags, 23. März, bis Sonntagabend gefeiert, auch in der Esslinger jüdischen Gemeinde. „An diesem Tag ist es Pflicht und sogar ein religiöses Gebot, sich zu amüsieren“, sagt der Esslinger Rabbiner Mark Pavlovsky. „In Israel verkleidet man sich und veranstaltet Umzüge mit Tanz und Musik.“ Dem in Haman verkörperten Judenhass begegnen die Festbräuche nicht mit Verdammungen, sondern mit Spott. Während der Lesung des Buchs Esther in der Synagoge wird jedes Mal, wenn der Name des Bösewichts fällt, mit Tröten, Ratschen und allem, was Krach macht, ein Höllenlärm erzeugt. „Die Kinder haben viel Spaß an dieser Tradition“, sagt Pavlovsky.

Eine andere Tradition bezeichnet der Rabbiner als „etwas seltsam: Trunkenheit ist im Judentum eigentlich nicht erwünscht, aber an Purim ist es üblich, so viel Wein zu trinken, bis man zwischen dem Fluch auf den schurkischen Haman und dem Lob des rechtschaffenen Mordechai, Esthers Adoptivvater, nicht mehr unterscheiden kann.“ Dahinter stecke die „komplizierte philosophische Idee, dass das Gute und das Böse aus derselben Quelle stammen“. Was keine ethische Gleichsetzung bedeutet, sondern eine Entdämonisierung des Bösen: Man verliert den Respekt vor ihm.

Verkleideter Gott

Solche ausgelassene Purim-Stimmung hat einen ernsten Hintergrund: das Vertrauen in die Fürsorge Gottes. „Es hat immer wieder Menschen gegeben“, sagt Pavlovsky, „die die ,Judenfrage’ ein für alle Mal lösen und die Juden vernichten wollten. Aber viele Völker sind seit der Antike verschwunden. Das jüdische Volk existiert immer noch.“ Für den Rabbiner folgt daraus die Gewissheit, dass „Gott stets da ist“. In der Rettungsgeschichte des Buchs Esther habe er die Ereignisse geleitet, auch wenn sein Name nie ausdrücklich erwähnt wird. Mit dem quasi in die Erzählung verkleideten Gott werden die Bräuche der Kostümierung und des Purim-Spiels in Verbindung gebracht; letzteres eine „mit scharfem jüdischem Humor und aktuellen Anspielungen“ gewürzte Inszenierung der biblischen Geschichte. Auch dies eine Besonderheit, denn „ursprünglich hatten die Juden keine Theatertradition, weil der direkte Dialog mit Gott die Nachahmung eines Geschehens unnötig machte“, so Pavlovsky.

In Esslingen spielt eine Theatergruppe aus Reutlingen diesen Part. Die Esther-Lesung in der Heppächer-Synagoge aus einer nach den Vorschriften angefertigten Pergamentrolle ist eigentlich ein liturgischer Gesang, den Reuven Pavlovsky, der Sohn des Rabbiners, vorträgt. Danach folgen Festmahl, Geschenke, Spenden für wohltätige Zwecke.

„Unser Optimismus ist stärker“

Das Fest zum Sieg über den Antisemitismus wurde immer wieder von Antisemiten missbraucht. Die Nazis begingen an Purim Gräueltaten. 1943 etwa ermordeten sie in Piotrków Trybunalski, heute Esslingens polnische Partnerstadt, zehn Juden. Und gegenwärtig sind Juden wieder mit weltweit wachsendem Antisemitismus konfrontiert, seit die sadistischen Pogrome der Hamas-Mörderbande den Gaza-Krieg erzwangen und das israelische Volk in eine schwierige Lage stürzten. Kann man da Purim feiern? „Es ist schwer, in einer solchen Zeit glücklich zu sein“, sagt Pavlovsky. „Aber unser Optimismus ist stärker. Die historische Erfahrung ist der beste Beweis dafür. Frohes Purim-Fest an alle!“

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