Mittlerweile hat fast jedes neue Auto einen Parkassistenten, der anfängt laut zu piepen, wenn man sich einem Gegenstand nähert. Was so manchen Autofahrer schon vor einem Unfall bewahrt hat, haben sich zwei Schüler des Evangelischen Lichtenstern-Gymnasiums in Sachsenheim zunutze gemacht. Ferdinand Horn and Julian Schenker haben mit „blind Sonar“ eine Ergänzung zum Blindenstock entwickelt, der sehbehinderten Menschen helfen soll, ihre Umgebung besser wahrzunehmen.
Angefangen hat alles in der Werkstatt der Schule, die nach Schulschluss frei genutzt werden kann. „Unser Lehrer Hans Bader betreut dort die verschiedenen Projekte und dort kam uns auch die Idee zu ,blind Sonar‘, sagt Horn. „Autos können mittlerweile ja schon fast autonom fahren und Blinde haben immer noch Probleme im Alltag und sind auf den Blindenstock angewiesen. Wir fanden das unfair und dachten, da können wir Abhilfe schaffen“, ergänzt Schenker.
Wie ein Parkassistent
Die Idee der beiden 17-jährigen ist so einfach wie genial. Bei der Nutzung eines Blindenstocks kann die Umgebung nur dort wahrgenommen werden, wo der Stock gerade den Boden oder einen Gegenstadt berührt. „Und hier kommt unser ,blind Sonar‘ ins Spiel. Durch Sensoren können wir permanent, mehrmals pro Sekunde, den Abstand rund um den Menschen herum messen“, erklärt Horn. Wie beim Parkassistenten können so Gegenstände in der Umgebung erfasst werden. Angebracht wird das Hilfsmittel wie ein Hut am Kopf. Anstelle des Piepsgeräusches gibt „blind Sonar“ dann einen leichten Druck an der Stelle ab, an dem sich die blinde Person einem Hindernis nähert. „Stellt man sich beispielsweise mit dem Rücken zu einer Wand, bekommt man am Hinterkopf einen leichten Druck, der stärker wird, je näher man der Wand kommt“, erklärt Schenker. Dass die beiden sich für den Sinn des Fühlens entschieden haben, kommt nicht von ungefähr. Sehgeschwächte Menschen seien stark auf ihren Hörsinn angewiesen, deshalb sei es besser, einen anderen Sinn zur Wahrnehmung der Umgebung zu nutzen.
Preise und Auszeichnungen
Etwa 20 Stunden investieren die Schüler pro Woche in ihr Projekt. Wenn Wettbewerbe anstehen, sei es noch etwas mehr. Mit ihrer Erfindung haben die beiden innerhalb eines Jahres schon viel erreicht. „Wir wurden über Jugend forscht bei einem Patentseminar auf Patente aufmerksam gemacht und dachten, das klingt nicht dumm“, sagt Schenker. Im Februar haben die beiden ihre Erfindung dann zum Patent angemeldet. Beim Regionalwettbewerb von Jugend forscht haben sie den ersten Preis abgeräumt. Beim Landeswettbewerb wurden die Schüler mit dem Sonderpreis der Christoffel-Blindenmission ausgezeichnet. „Wir haben beim Landeswettbewerb zwar nicht gewonnen, aber richtig gutes Feedback bekommen. So sind wir für die nächste Wettbewerbsrunde im nächsten Jahr gut vorbereitet“, sagt Horn. „Die meisten anderen Teams arbeiten schon mehrere Jahre an ihren Projekten, da waren wir eine echte Ausnahme.“ Die Jury habe erwartet, dass die beiden Schüler schon weiter in ihrer Entwicklung seien und Prototypen vorwiesen, die ausprobiert werden können.
Im Juni reisten die Erfinder mit „Start up Teens“ nach Berlin ins Axel-Springer-Hochhaus und stellten ihr Projekt vor einer Jury vor. Dass sie mit dem ersten Preis und 10 000 Euro Preisgeld wieder nach Hause fahren, dachte wohl keiner der beiden. „Wir haben erst zwei Wochen vor Bewerbungsschluss über eine Instagramwerbung von dem Wettbewerb erfahren und uns ganz spontan beworben.“ Zwischendrin wurden sie noch von der Baden-Württemberg-Stiftung mit 5000 Euro gefördert. „Deshalb waren wir auch bei der iENA-Messe in Nürnberg dabei“, erklärt Horn. Dort wurden sie mit der Goldmedaille ausgezeichnet. Die Preisgelder investieren Horn und Schenker direkt wieder in Materialien für das Projekt. „Am Anfang war so eine große Summe wie von ,Start up Teens‘ richtig viel für uns. Aber mittlerweile gehen die Ausgaben hoch und dann relativiert sich das wieder,“ berichtet Horn.
Die Zukunft ist durchgeplant
Dass das nur der Anfang war, wird schnell klar. Sobald die beiden volljährig sind, wollen sie eine GmbH gründen und die ersten Schritte in der Produktion gehen. „Wir sind noch in der Entwicklung und versuchen das bis Ende des Jahres abzuschließen. Dann wollen wir Anfang nächstes Jahr noch mehr mit blinden Menschen zusammenarbeiten und uns Feedback einholen. Wenn alles gut läuft, können wir dann in der zweiten Jahreshälfte in die Produktion gehen“, sagt Schenker. Zwischen all den Plänen müssen die Schüler allerdings noch ihr Abitur schreiben.
Stand jetzt wollen beide auch neben der Arbeit studieren, Schenker Maschinenbau, Horn Industriedesign. „Im Dezember sind wir ins Wirtschaftsministerium nach Berlin eingeladen. Da ist ein Schüler Firmenwettbewerb bei dem wir deutschlandweit in der Top 20 sind“, sagt Horn. Auch auf Messen seien sie viel vertreten und knüpften Kontakte. „Unser Netzwerk ist inzwischen echt groß. Heute hat sich auch jemand von Bosch unser Projekt angeschaut,“ sagt Schenker. Das Ziel für nächstes Jahr bei Jugend forscht ist der Bundeswettbewerb .
Start up Teens
Die Non-Profit-Organisation bietet jungen Menschen die Möglichkeit, voneinander zu lernen und vermittelt Fähigkeiten, die in der Schule nicht gelehrt werden, so beispielsweise unternehmerisches Denken, Persönlichkeitsentwicklung und Coding. Um Chancengleichheit zu schaffen, sind alle Angebote kostenlos sozialinklusiv.
Baden-Württemberg-Stiftung
Der Auftrag der Baden-Württemberg-Stiftung ist es, die Zukunftsfähigkeit des Landes zu stärken und zu sichern. Hierfür fördert sie neue Projekte und gestaltet selbst Programme. Auch der Artur-Fischer-Erfinderpreis wird jährlich von der Stiftung verliehen.