Preisgekrönter Jugendtreff in Fellbach Nun sollen keine Tomaten und Steine mehr fliegen

Große Freude beim ersten Treffen am Pavillon an der Ortsgrenze Foto: Stadt Fellbach

Nach dem jahrelangen Dauerzwist in einer Grünanlage hinter dem Seniorenhaus Alte Schule in Fellbach-Schmiden soll der neue Holzpavillon für Jugendliche für alle Beteiligten eine entspanntere Zukunft bringen.

Manchmal benötigt es offenkundig ein wenig mehr Zeit, um längst erkannte Konfliktpotenziale zu entschärfen. Dieses hehre Ziel soll mit dem neuen Jugendtreff verwirklicht werden, der vor wenigen Tagen am östlichen Rand von Fellbach-Schmiden offiziell in Betrieb genommen wurde.

 

„Mehrgenerationenmodell“ funktioniert überhaupt nicht

Bis zu dieser Realisierung gab es allerdings eine mehrjährige Vorgeschichte voller Streitereien. Schauplatz der „nicht auflösbaren Konfliktsituation zwischen Anwohnern und Jugendlichen“, wie das Amt für Bildung, Jugend, Familie und Sport den Sachverhalt analysiert, war eine Grünanlage nahe der Gutenbergstraße. Am dortigen Innenhof hinter dem Seniorenhaus Alte Schule trafen sich nicht nur ältere Mitmenschen zum Plausch oder zur Betätigung an den eigens aufgestellten seniorengerechten Sportgeräten, sondern auf dem mit massiven Betonblöcken als Sitzgelegenheiten ausgerüsteten Spielplatz auch jüngere Zeitgenossen.

Das Mehrgenerationenmodell auf dem schmalen Grünstreifen funktionierte allerdings selten. Die Älteren beklagten „Musik und Alkohol“, Pizzareste, Pöbeleien. Insbesondere ältere Anwohner würden diesen Weg meiden. Immer wieder musste die Polizei anrücken, unter anderem, weil es zu Handgreiflichkeiten zwischen einem 77-jährigen Rentner und einem 17-Jährigen kam.

Runder Tisch soll Lösungen bringen

Von den Hintergründen des Zwists im Schmidener Ortskern erfuhr auch die Fellbacher Oberbürgermeisterin Gabriele Zull im Sommer 2019, als sie dort einen Extra-Stopp im Rahmen ihres alljährlichen Stadtrundgangs einlegte. Vor Ort plädierte die OB für „gemeinsame Lösungen“, verabredet wurde ein sogenannter Runder Tisch, der Kommunale Ordnungsdienst sollte noch öfter vorbeischauen als bisher.

Nach zwischenzeitlicher Entspannung spitzte sich die Lage jedoch nach Ende der Coronaeinschränkungen im Jahr 2022 wieder deutlich zu. Polizeibeamte des Fellbacher Reviers rückten teilweise tief in der Nacht gen Schmiden aus. Dort gab es verbale Attacken, handfeste Drohungen, gegenseitige Anwürfe – „im wahrsten Wortsinn, nämlich sowohl mit Tomaten als auch mit Steinen“, so die Ordnungshüter. Auf beiden Seiten seien Verhaltensweisen dokumentiert, „die als Straftaten zu werten sind“. Als Lösung für die Krise nahm die Mobile Kinder- und Jugendsozialarbeit die Wünsche der Jugendlichen auf, und „in einem demokratischen Prozess“ wurde der Standort für den Jugendtreff auf einer städtischen Wiesenfläche am Feldrand an der Kreuzung Stauferstraße und Karolingerstraße nahe der Fröbelschule festgelegt. Der Standort sei über die Buslinie 60 gut erreichbar und liege, so ein weiterer Vorteil aus Sicht des Fachamts, unweit eines größeren Einkaufsmarkts.

Jugendliche als Freizeithandwerker: Holzpavillon selbst gestrichen

Die Jugendlichen strichen den Holzpavillon von Frick Holzbau selbst an. Joachim Frick lobte das Engagement der jungen Freizeithandwerker. Unter dem Pavillon finden nun drei Bänke und Weinfässer, die als Stehtische dienen, ihren Platz. Mülleimer und WLAN vervollständigen den Unterstand. Zwei Steinquader, die die Jugendlichen aus nostalgischen Gründen weiterhin als Sitzgelegenheit nutzen möchten, haben ebenso den Umzug an den neuen Standort geschafft. Der sei zwar „nicht wie der alte, aber wir sind sehr froh“, erklärten die Jugendlichen beim Eröffnungsfest und versicherten, dass sie sich dort „schnell eingewöhnen“ wollen. Die Jugendlichen, so lobte der Erste Bürgermeister Johannes Berner, hätten mit ihrem Engagement „aus der Not eine Tugend gemacht“. Und beim diesjährigen Jugenddiakoniepreis Baden-Württemberg wurde das Projekt mit dem zweiten Platz ausgezeichnet.

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