Jugendweihe in Baden-Württemberg Fast erwachsen

Drei Jugendweihe-Generationen: der 13-jährige Finjas, seine Schwester Neele, Mutter Susanne und Oma Veronika Foto: privat

In der DDR war die Jugendweihe als Ersatzritual für Konfirmation und Firmung selbstverständlich. Aber auch in Baden-Württemberg begehen Jugendliche heute noch dieses Fest.

Finjas hat sich schick gemacht. Der 13-Jährige mit dem wilden Blondschopf trägt zur Feier des Tages einen grauen Anzug und ein blaues Hemd. Ein sehr ungewöhnliches Outfit für den Jungen aus Metzingen. Aber heute ist ja auch ein ganz besonderer Tag: Finjas hat Jugendweihe.

 

Das Kubino in Ostfildern ist feierlich geschmückt. Auch die anderen Jungs tragen Anzüge statt Schlabberlook, manche sogar Krawatten. Die Mädchen statt Jeans und Bauchfreitop schicke Cocktail- und Abendkleider, die Haare geschmückt mit Blümchen, Schmetterlingen oder Perlen.

Die Halle fasst nur 650 Personen. Deshalb findet die Jugendweihe verteilt auf zwei Veranstaltungen statt: am Vormittag für 74 Jugendliche, am Nachmittag für weitere 74 aus ganz Baden-Württemberg. Eine Band spielt Songs von Robbie Williams und Pink. Eine jugendliche Tanzgruppe performt. Dann tritt Ines Brügelmann ans Pult und führt die Eltern und Großeltern zurück in die Babyzeit, die Kindergartenzeit, den Schuleintritt. „Loslassen“ lautet das Thema ihrer Rede. Schritt für Schritt müssten Eltern ihre Kinder loslassen. Viele Mütter und Väter zücken ein Taschentuch. Auch die Augen von Susanne Berger, Finjas’ Mutter, schimmern feucht.

Die Jugendweihe ist schon 170 Jahre alt

„Jugendweihe? Was ist denn das? Das stammt doch aus der DDR?“ Diese Frage hat Finjas in den vergangenen Wochen öfters gehört, wenn er davon erzählte. Auch seine Schwester Neele kennt diese Frage zur Genüge. Sie hatte vor zwei Jahren ihre Jugendweihe. „Das kannte niemand von meinen Freundinnen.“ Neele, mittlerweile 16 Jahre alt, war die einzige aus ihrer Klasse, die dieses Fest beging. Die meisten ihrer Freundinnen hatten Konfirmation. „Jugendweihe ist etwas Ähnliches wie Konfirmation“, so hat auch Susanne Berger ihren Bekannten und Arbeitskollegen dieses Event erklärt.

Tatsächlich ist die Jugendweihe als Ersatzritual für Konfirmation und Firmung entstanden. Nicht erst in der DDR, wie viele vermuten, sondern vor 170 Jahren. „Es ist eine ziemlich deutsche Erfindung“, sagt Ines Brügelmann vom Sächsischen Verband für Jugendweihe, dessen Regionalgruppe diese Feier auch in Baden-Württemberg organisiert. Die Jugendweihe ging einst von Freidenker-Kreisen aus, die nichts mit der Kirche oder Religion am Hut hatten. Auch sie wollten ihren Kindern ein Übergangsritual ins Erwachsenenleben bieten.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts passte das Ritual noch zum Lebensrhythmus der jungen Menschen. Mit 14 Jahren verließen sie die Schule, das harte Arbeitsleben begann. Da wollte man ihnen mit einem Fest den Übergang erleichtern. Auch wenn Jugendliche heute mit 14 noch mehrere Jahre Schule vor sich haben und sich rein äußerlich nicht viel im Leben ändere, sei ein solches Ritual durchaus sinnvoll, sagt die Böblinger Pfarrerin Gerlinde Feine. „Mit 13, 14 sind sie in der Pubertät, der Körper verändert sich, das Erwachsenwerden beginnt.“

Wie sehr junge Menschen heute Orientierung an dieser Schwelle zum neuen Lebensabschnitt brauchen, macht die Studie „Jugend in Deutschland 2023“ deutlich. Die Hälfte der Befragten fühlte sich danach im Dauerstress. Coronapandemie, Kriege in der Welt, Inflation: der Jugendforscher Simon Schnetzer spricht vom „Dauerkrisenmodus“, in dem sich junge Menschen befänden, dies hinterlasse „psychische Narben“. Die Kinder- und Jugendpsychiatrien sind voll, die Wartezeiten betragen zumeist viele Monate.

„Ein echtes Gemeinschaftserlebnis“

Die Kirchen versuchen mit ihren Angeboten, Fragen und Probleme der Jugendlichen aufzugreifen. Die Pfarrerin Gerlinde Feine sieht in der Konfirmation nicht nur ein kirchliches Fest, in dem Jugendliche das Taufgelübde ihrer Eltern bekräftigen. Sie markiere generell den Übergang ins Erwachsenenleben. „Auch dafür erhalten die Jugendlichen einen besonderen Segen.“ Mehr als 20 000 Jugendliche waren es in Baden-Württemberg im vergangenen Jahr.

In der DDR ersetzte der Staat diese religiösen Feste durch die Jugendweihe. Statt des Segens gab es ein Gelöbnis auf den Sozialismus. Dazu traten die Achtklässler im Klassenverband an, nur wenige Jugendliche aus kirchlichen Familien nahmen nicht teil.

Finjas Großmutter Veronika Weisheit hatte 1966 Jugendweihe. Bereits in der Nach-DDR-Zeit, 1996, war dann die Feier ihrer Tochter Susanne Berger. „Unsere Eltern haben das damals für uns organisiert“, erzählt sie. Ein Fünf-Sterne-Hotel an der Ostsee lieferte die prächtige Kulisse, von der Susanne Berger noch heute mit leuchtenden Augen erzählt. Ein echtes Gemeinschaftserlebnis sei das gewesen, schwärmen beide Frauen.

Jugendweihe-Feier für Suanne Berger 1996 im Hotel Neptun in Warnemünde Foto: privat

„Ich kannte nur wenige, die mit mir zusammen Jugendweihe hatten“, erzählt hingegen Neele. Gelegenheit, zumindest einige kennenzulernen, gibt es bei den Veranstaltungen und Seminaren während der Vorbereitungszeit. Wichtig ist Ines Brügelmann, „dass die Jugendlichen zumindest an einigen Veranstaltungen teilnehmen und nicht nur zum Festakt selbst kommen“. Der Verein bietet immerhin ein umfangreiches Angebot: Knigge-Kurs, Erste-Hilfe-Schulung, Besuch bei der Bundeswehr, Flughafenführung, aber auch Workshops bei Pro Familia zum Thema Sexualität oder einen Onlinekurs zum richtigen Umgang mit Geld.

Pflicht ist die Teilnahme freilich nicht. „In der DDR war alles Pflicht, das wollen wir ganz bewusst nicht“, sagt Ines Brügelmann. Wichtig ist ihr, dass es weder religiöse noch ideologische Bezüge gibt, also auch keine Segen oder Gelöbnisse. „Es geht uns darum, den Jugendlichen eine Feier zum Übergang ins Erwachsenenleben zu bieten.“ Nicht mehr und nicht weniger.

Vor 20 Jahren haben einige engagierte Eltern, die den Brauch aus DDR-Zeiten kannten, ihn auch in Baden-Württemberg wieder eingeführt. Bis heute läuft die komplette Organisation ehrenamtlich. Ines Brügelmann ist seit 15 Jahren dabei. Damals hatte ihr Sohn Jugendweihe. 148 Jugendliche haben in diesem Jahr teilgenommen, doppelt so viele wie vor zehn Jahren. „Wir haben immer wieder auch Teilnehmer ganz ohne Ostbezug, die getauft sind oder aus muslimischen Familien stammen“, sagt Brügelmann. Die meisten Eltern aber kennen die Tradition aus eigener Jugend.

Ganz bewusst verzichte man bei der Feier auf die aktive Beteiligung der Jugendlichen, wie es etwa bei der Konfirmation üblich ist. „Wir wollen nicht, dass sie etwas auswendig lernen oder etwas aufsagen müssen. Sie sollen sich an diesem Tag feiern lassen.“

Der Verband der Humanisten, der auch die Jugendweihe anbietet, hier „Jugendfeier“ genannt, sieht das anders. Dessen Mitglieder kommen nicht aus der DDR-Tradition, sondern aus der humanistischen. Und diese Werte wollen sie auch den Jugendlichen vermitteln: Menschenwürde, Menschenrechte, Verantwortung für sich und für andere, Toleranz, Gewaltfreiheit, Gewissensfreiheit.

Theater-Workshop und Besuch in der KZ-Gedenkstätte

Die jungen Leute treffen sich an acht Vorbereitungswochenenden. „Dazu gehört ein Theater-Workshop oder der Besuch in einer KZ-Gedenkstätte“, skizziert Andrée Gerland, Geschäftsführer der Humanisten Baden-Württembergs das Programm. Die Jugendlichen gestalten ihre Feier mit – durch Beiträge, die sie selbst wählen und erarbeiten. Pro Jahr nehmen landesweit etwa zehn junge Menschen daran teil – meist Kinder von Mitgliedern. „In Berlin sind es Hunderte. Da hat die Jugendfeier noch eine ganz andere Tradition“, sagt Gerland.

Im Kubino von Ostfildern kommt man jetzt zum Höhepunkt: In Gruppen zu je zehn oder elf marschieren die Jugendlichen auf die Bühne. Jeder Junge und jedes Mädchen tritt dort einen Schritt nach vorne – der symbolische Schritt ins Erwachsenenleben – und wird heftig beklatscht und bejubelt. Für jede Gruppe gibt es eine Lebensweisheit auf den Weg – mal von Konfuzius, mal von Albert Einstein oder Marie von Ebner-Eschenbach. Noch ein Buch und eine Blume für jeden und jede, dann treten die Jugendlichen unter lautem Applaus wieder von der Bühne ab. Die nächste Gruppe ist dran.

Finjas gehört zur vierten Gruppe. Langsam wird auch der coole Junge aufgeregt. Doch selbstbewusst geht er nach oben. Seine Mutter zückt das Handy und filmt den Auftritt ihres Sohnes. Schön ist das Ritual im Anschluss: Jeder Jugendliche darf seine Rose an einen Angehörigen seiner Wahl weiterschenken. Finjas stürmt los, umarmt seine kleine Schwester Levke und drückt ihr die Blume in die Hand. Levke strahlt. Damit hatte die Achtjährige nicht gerechnet.

Ganz begeistert ist Oma Veronika von der Feier. Sie erlebte als Lehrerin in der DDR viele Jugendweihen ihrer Schüler. „Das war eine wirklich schöne Umsetzung in die heutige Zeit.“ Das Gelöbnis, das man in der DDR sprechen musste, vermisst sie überhaupt nicht. „Die meisten Jugendlichen haben sowieso nie verstanden, was sie da sagten.“

Am Nachmittag wird im Familienkreis weiter gefeiert. Susanne Berger freut sich: „Manche Gäste sind von weit her angereist, die haben wir seit Jahren nicht gesehen.“ Finjas wird es sich nicht nehmen lassen und eine kleine Rede halten: „Danke, dass ihr alle wegen mir gekommen seid.“ Geschenke gibt es natürlich auch – zumeist Geld. Das ist nicht anders als bei der Konfirmation oder Firmung. Mutter Susanne und Oma Veronika wollen den Brauch unbedingt weiter aufrechterhalten. In sechs Jahren soll die kleine Levke ihre große Feier bekommen.

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