Berlin/Stuttgart - Irgendwo zwischen dem glamourösen Kaufhaus des Westens und dem Nachtclub Eldorado verlieben sich im Berlin der 1920er Jahre Hedi und Fritzi ineinander. Die Serie „Eldorado KaDeWe – Jetzt ist unsere Zeit“, die an diesem Montag im Ersten läuft, ist kein Kostümschinken, sondern eine sehr heutige Romanze. Sie stammt von Julia von Heinz, die zuletzt mit dem Extremismus-Filmdrama „Und morgen die ganze Welt“ für Aufsehen sorgte.
Frau von Heinz, warum erzählt jemand, der wie Sie so sehr an den Geschehnissen im Hier und Jetzt interessiert ist, ausgerechnet aus einer Ära, die 100 Jahre zurückliegt?
Tatsächlich interessiert mich bei diesem Blick zurück vor allem die Frage, was die Zeit damals mit der heutigen Zeit zu tun hat, ob es da um Themen ging, die uns heute noch beschäftigen.
Zum Beispiel?
Eine offensichtliche Parallele ist, dass Frauen bis heute um Sichtbarkeit und um gleiche Arbeitsbedingungen kämpfen müssen. Ich bin ja auch bei Pro Quote Film engagiert. Da dreht sich alles um Fragen, um die es auch in der Serie geht. Auch lesbische Sichtbarkeit, überhaupt lesbisch sein zu dürfen, sind Fragen, die heute noch relevant sind. Man glaubt zwar, das ist Geschichte, man meint, alles ist jetzt anders. Doch als wir in Budapest gedreht haben, haben wir gemerkt, dass das Thema keineswegs vom Tisch ist: Homophobe Gesetze werden erlassen, queere Themen in der Öffentlichkeit – angeblich aus Gründen des Jugendschutzes – verboten. Das sind hochaktuelle Themen. Heute hat mein Tag damit begonnen, dass eine wichtige TV-Beilage nach Sichtung der Serie das Interview mit mir zurückgezogen hat, weil sie fanden, diese Serie sei eine Zumutung. Das verletzt mich unheimlich, weil ich dachte, es muss doch jetzt mal ein Wandel stattfinden. Es muss doch möglich sein, dass eine solche Liebesgeschichte an Weihnachten präsentiert werden kann.
Wie haben Sie die Diskriminierung beim Drehen in Ungarn erlebt?
Wir haben zum Beispiel mitbekommen, wie ein Kinderbuch, das eine Bekannte von uns über eine Regenbogenfamilie geschrieben hatte, von der Polizei aus den Buchläden geholt wurde. Oder Trans-Menschen, die als Komparsen gearbeitet haben, wollten auf keinen Fall geschminkt zum Dreh fahren.
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Die Serie „Eldorado KaDeWe“ erweckt den Eindruck, dass die Gesellschaft vor 100 Jahren einmal offener war als heute.
Ja, das glaube ich tatsächlich. Wir haben unter anderem im lesbischen Spinnboden-Archiv in Berlin recherchiert und Zeitschriften wie „Die Freundin“ oder „Liebende Frauen“ eingesehen. Was da für sexuell explizite Anzeigen von Frauen, die andere Frauen suchen, geschaltet wurden! Da habe ich mit den Ohren geschlackert, mich gefreut und gedacht: So was finde ich heute nirgendwo.
Die Nazis setzten dieser Freiheit der Liebe dann aber schnell ein Ende. Befürchten Sie, dass uns auch so ein gesellschaftlicher Rechtsruck droht?
Nein, ich halte unsere Demokratie für sehr stabil, und ich finde auch, dass wir mit Frauenrechten und mit LGBTQ-Rechten wirklich auf dem emanzipativen Vormarsch sind. Ich glaube daran, dass es fortschrittlich bleibt und immer besser wird.
Was macht für Sie die 1920er aus?
Mich hat vor allem die jüdisch geprägte Kunst und Kultur fasziniert, die dann ja auch für immer verloren war. Ich habe die Serie Else Lasker-Schüler gewidmet, die das in ihrer Person vereint hat. Sie war eine unglaublich fortgeschrittene Frau, die Gedichte gemacht hat, bei denen ich mich frage, warum ich diese in keinem Literaturkanon finde, der mir mal mit 14 geschenkt wurde. Warum muss ich diese Frau erst mühsam selbst entdecken? Und warum stirbt sie 1963 total vereinsamt in Jerusalem? Solche Menschen zu entdecken, solche Stimmen wieder zum Leben zu erwecken – das hat mich fasziniert.
Eine Besonderheit Ihrer Serie ist, dass Sie zwar aus den 1920er Jahren erzählen, die Außenaufnahmen zeigen aber immer wieder das Berlin von heute. Sie nennen das Gegenwartskonzept. Haben Sie keine Angst, das Fernsehpublikum zu verwirren?
Ich habe den Wunsch, dass sich das Publikum herausgefordert fühlt und sich fragt, warum wir diese kleine Brücke in die Jetztzeit bauen. Dass es die visuelle Kraft dieser Bilder genießt. Vor allem hoffe ich aber, dass die Serie emotional so stark wirkt, dass das alles gar nicht so wichtig ist.
Die zwei zentralen Orte Ihrer Serie sind das jüdische Traditionskaufhaus KaDeWe und das schrille Szenelokal Eldorado.
Die Idee, etwas über das KaDeWe zu machen, kam von Produktionsfirma und Sender. Aber als ich hinzukam, wollte ich, dass das Eldorado gleichbedeutend ist. Ich wollte, dass die queere Subkultur des Eldorado auf die Welt des KaDeWe trifft, und bin bei den Verantwortlichen sofort auf großen Anklang gestoßen.
Ihr dokumentarischer Kurzfilm „Meine Väter“, der bei den Filmfestspielen in Venedig Premiere feierte, erzählt von zwei Männern: ihrem Mentor, dem Regisseur Rosa von Praunheim, und von ihrem Vater, von dessen Homosexualität Sie erst nach seinem Tod im Jahr 2020 erfahren haben. Hat dieses Erlebnis das Drehbuch von „Eldorado KaDeWe“ beeinflusst?
Als mein Vater starb, habe ich schon an „Eldorado KaDeWe“ geschrieben. Seine Geschichte hat mich noch mehr darin bestärkt, so ein Programm für den Weihnachtsfamilienabend zu machen, weil ich dachte: Wenn mein Vater so eine Liebesgeschichte in den 50er Jahren hätte sehen können, hätte er sich vielleicht getraut, ein anderes Leben zu leben. Warum wurde das so lange kriminalisiert, tabuisiert, versteckt? Im Grunde ja bis heute.
Sie sind eine Vorkämpferin für gendergerechte Filmarbeit. Zumindest bei den Qualitätsserien hat man den Eindruck, dass der Einfluss und die Bedeutung von Frauen hinter der Kamera zugenommen haben.
Wir sind jetzt gerade einmal bei circa 20 Prozent angekommen, was weibliches Erzählen hinter der Kamera angeht. Bei manchen Formaten vielleicht 25 Prozent, bei vielen anderen dagegen noch weit unter zehn Prozent. Das kann doch nicht sein, wenn wir 50 Prozent der Bevölkerung ausmachen.
Wie sollte das geändert werden?
Mit einer Quote. Ich möchte, dass es eine Frauenquote gibt, die sagt: Wir wollen, dass bei 50 Prozent der Filme Frauen ihre Sicht auf die Welt erzählen dürfen. Es gibt genug Frauen, die das machen wollen. Es gibt genug Frauen, die sich bei uns an Filmhochschulen bewerben und das lernen und die das können und die toll sind. Und es gibt überhaupt keinen Grund, ihnen nicht die finanziellen Mittel und die Sendeplätze zu geben, um ihre Geschichten zu erzählen.
Julia von Heinz und „Eldorado KaDeWe – Jetzt ist unsere Zeit“
Person
Julia von Heinz (45) ist Drehbuchautorin und Regisseurin. Sie wuchs in Bonn auf, hat ein Studium im Fachbereich Audiovisuelle Medien an der THF Berlin als Diplomkamerafrau ab und war 2005 bis 2006 künstlerische Mitarbeiterin von Rosa von Praunheim.
Karriere
International für Aufsehen sorgte sie mit ihrem Film „Und morgen die ganze Welt“ (2020).
Eldorado KaDeWe.
Das Erste zeigt alle Episoden am Montag, 27. Dezember, ab 20.15 Uhr. Zudem sind alle Folgen der Serie in der ARD-Mediathek verfügbar.