Anna Götz gibt im Studio Pole Passion in Backnang inzwischen auch Unterricht für Anfänger im Poledance. Foto: Gottfried Stoppel
Anna Götz aus Winnenden trainiert fünf Mal die Woche für ihre Leidenschaft Poledance. Mit uns hat sie über ihren ersten Wettkampf, den Trendsport, Stripclub-Klischees und das harte Training gesprochen.
Lea Krug
08.04.2024 - 09:29 Uhr
Dehnübungen auf der Yogamatte, etwas Haftcreme für die Oberschenkel, ein ernster Blick, dann geht es an die Stange. Die 27-jährige Anna Götz greift mit ihren Händen fest zu, nimmt Schwung und zieht sich hoch. Jeder Muskel der zierlichen Winnenderin wird sichtbar. Mit viel Konzentration und Präzision geht es erst rauf – Bein zur Seite – und dann in einer Drehbewegung wieder herunter.
Die junge Frau betreibt Poledance. Das ist im Trend, ein Sport irgendwo anzusiedeln zwischen hartem Krafttraining, klassischem Turnen und Tanzen. Anna Götz aus Winnenden ist seit Jahren in diesem Sport aktiv. Nachdem sie jahrelang dem Kampfsport Taekwondo verbunden war, sollte etwas anderes kommen. Die Osteopathin war gezielt auf der Suche nach einer Sportart, die vielseitig ist und den ganzen Körper auf eine besondere Art und Weise fordert. Einen ersten Kurs machte sie 2018, richtig ernst wurde es 2021. In Düsseldorf, wo sie damals studierte, fand sie eine Trainerin. Seitdem ist der Sport mehr als ein Ausgleich. „Das ist eine Leidenschaft“, sagt die Winnenderin.
Sie trainiere fünf, manchmal sechs Mal in der Woche. „Zweimal in der Woche mache ich ein Training zur Flexibilität und Stabilität, Kraftübungen, an den anderen drei Tagen geht es dann auch an die Stange“, erklärt sie. Man müsse viele Übungen parallel machen und Körperpartien trainieren, um Verletzungen vorzubeugen.
Stange statt Fernseher in der Wohnung
Teile ihres Trainings absolviert Anna Götz im Backnanger Studio Pole Passion, wo sie inzwischen auch Anfängerkurse anbietet. Für ihren eigenen Unterricht fährt sie indes zu ihrem Trainer nach Aalen. Manches übt sie in ihrer Einzimmerwohnung in Winnenden. „Ich habe keinen Fernseher, sonst hätte die Stange nicht mehr reingepasst“, sagt die 27-Jährige und lacht. Auf ihrem Instagram-Account gibt sie Einblicke.
Poledance wird seit Jahren immer populärer. Ursprünglich stammt der Sport aus der asiatischen Akrobatik, in den 1980er-Jahren wurde er in der westlichen Welt aber vor allem im Rahmen erotischer Poledance-Shows bekannt. Wie gehen die Sportlerinnen und Sportler mit diesem Image um? „Nur weil der Sport im Westen durch das Rotlicht bekannt wurde, sollte man ihn nicht weniger ernst nehmen als andere Sportarten“, sagt Anna Götz dazu. Klar, es gehe auch um Ästhetik, wie etwa beim Turnen und anderen Sportarten. Aber jede Form der Sexualisierung lehne die Szene ab. Den meisten Menschen, denen die 27-Jährige von ihrer sportlichen Leidenschaft erzählt, stellten dahingehend auch keine schlüpfrigen Nachfragen. Viele wüssten inzwischen mehr von dem Sport, nur selten reagierten Menschen ihr gegenüber mit unpassenden Witzen.
Viele Figuren stammen aus den Stripclubs
Auch wenn viele der Figuren an der Stange in Stripclubs ihren Ursprung haben, verbiete sich jede Art der Abwertung. „Die Abgrenzung bedeutet nicht, dass wir in der Szene auf die Tänzerinnen im erotischen Bereich herabschauen. Ich bin von allen Menschen beeindruckt, die es länger als drei Minuten an der Stange aushalten.“
Anna Götz führt vor, welche Kraft erforderlich ist. Beine, Arme, Kopf, alles muss perfekt aussehen in der Choreografie. Poledance erfordert neben viel Spannung und Flexibilität auch eine gewiss Schmerz- und Schwindelfreiheit. Sobald die Stange sich etwa dreht, wird der Körper zum Karussell. „Das ist auch ein bisschen wie Achterbahnfahren“, beschreibt es die Winnenderin. Wer mit dem Training starte, müsse außerdem mit blauen Flecken rechnen. Auch an den Druck auf die Haut müsse man sich erst gewöhnen, sagt Anna Götz.
Anna Götz beim „Achterbahnfahren“ – beim Drehen an der Stange. Foto: Gottfried Stoppel/Gottfried Stoppel
Wer davon ausgeht, dass der Sport nur etwas für junge Frauen ist, liegt falsch. „Viele Männer machen Poledancing, vor allem unter den besonders erfolgreichen Artisten, die teils in Zirkussen auftreten, sind viele Männer“, sagt Anna Götz. Mit Blick auf das Alter gebe es lediglich körperliche Grenzen. „Ich kenne Frauen jenseits der 50 und 60, die Poledance machen“, erzählt sie. Die Community rund um den Sport mache ohnehin die Diversität und Offenheit aus.
Immer mehr Wettkämpfe
Nicht nur die Zahl der Sportlerinnen und Sportler nimmt zu, es werden auch immer mehr Wettkämpfe ausgetragen. Vor wenigen Tagen fand etwa die zweite „Aerial-Amity-Art“ statt, das war laut den Veranstaltern die erste Poledance Meisterschaft Baden-Württembergs. Auch Anna Götz meldete sich für den Wettbewerb in einer Turnhalle in Oberhausen-Rheinhausen an, es war ihr erster richtiger Auftritt vor Publikum. „Ich war total aufgeregt“, sagt sie im Nachhinein. Sie bereitete sich wochenlang vor. „Auf einen vorderen Platz habe ich mir aber keine Chancen ausgerechnet.“ In Anlehnung an ihre Taekwondo-Erfahrungen zeigte sie eine Performance mit ihrem schwarzen Gürtel im Kampfsport-Look.
Entgegen ihrer Erwartungen schaffte es Anna Götz beim Wettbewerb nicht nur auf das Siegertreppchen, sondern sie wurde sogar die Erstplatzierte. Was dabei den Ausschlag gab? Die 27-Jährige glaubt, es sei der kreative Ansatz ihrer Choreografie gewesen. Ausgerechnet der Kampfsport hat ihr wohl zum Sieg verholfen.