Junge Landfrauen in Leinfelden-Echterdingen Verschnaufpausen für die Frau von heute

Beim Deienbacken fürs Krautfest im Jahr 2017: Die Zweite von links ist Claudia Hertig, damals gab es die jungen Landfrauen in Leinfelden-Echterdingen noch nicht. Foto: /Günter E. Bergmann

Die Landfrauen sind in vielen Orten ein Traditionsverein. Die Mitglieder sind meist ältere Semester. Auf den Fildern hat sich nun eine Junggruppe gegründet. Was treibt sie an? Ein Besuch bringt Antworten.

Filderzeitung: Rebecca Anna Fritzsche (fri)

L.-E. - Im Raum raunt es geschäftig, die Köpfe der Frauen sind über die Tische gebeugt, spiegeln sich in den Glasvasen, die dort stehen. Diese werden mit doppelseitigem Klebeband umrandet und dann mit Piniennadeln und Schmuckband beklebt. Am Kopfende des Tisches steht Simone Vohl vom Stettener Blumenladen „Blütenraum“ und hilft aus: Was tun, wenn das Klebeband Falten schlägt? Passen die Strohsterne besser oder doch lieber die weißen Schneeflocken?

 

Es ist das erste richtige Treffen der Jungen Landfrauen Leinfelden-Echterdingen, und rund 25 Frauen sind in die Zehntscheuer gekommen, um gemeinsam Kerzengläser für den Advent zu basteln. Die beiden Initiatorinnen Claudia Hertig, 43, und Tina Simmendinger, 39, sind mittendrin, das Geschenkband will nicht halten, „einfach noch einen Klecks Kleber“, rät Simone Vohl.

Überrascht von der Resonanz

„Wir sind beide mit den Landfrauen aufgewachsen“, erzählt Claudia Hertig, die Mütter und Großmütter sind Mitglieder bei den Landfrauen Leinfelden-Echterdingen, die Töchter erlebten die Gemeinschaft von klein auf, halfen mit bei den Vorbereitungen zum Krautfest. Vom Vorstand sind die beiden dann angesprochen worden: Ob sie sich vorstellen könnten, ein Seminar zum Thema „Junge Landfrauen“ zu besuchen? Die beiden stimmten zu, gingen hin, aber Tina Simmendinger sagt: „Hinterher war ich erst mal skeptisch, wie wir die Leute zusammenkriegen sollten.“ Beim Seminar sei es mehr um ländliche Gegenden gegangen, in denen das nächste Kino zwei Stunden Fahrt entfernt liegt und die Möglichkeiten zur Abendgestaltung überschaubar sind. „Aber Leinfelden-Echterdingen ist ja eher städtisch, wir haben hier alles in Reichweite.“ Trotzdem, die beiden wollten es versuchen. Sie luden zu einer ersten Veranstaltung ein, zu einem unverbindlichen Treffen, um zu schauen, ob es überhaupt Interesse gibt für eine Gruppe, die sich Junge Landfrauen nennt. „Wir waren beide überrascht von der Resonanz“, erzählt Claudia Hertig. Etwa 40 Frauen kamen, zum Teil aus dem Freundes- und Bekanntenkreis, aber auch über Facebook, Instagram und verteilte Flyer.

Was heißt es heute, eine Frau zu sein?

Beim Adventsbasteln geht es jetzt daran, Dekosand in die Vasen zu füllen und weiße Kerzen darauf zu befestigen. Das Getränk des Abends ist ein Hugo-Cocktail, Prosecco, Holunderblütensirup, Minze und Wasser vorgemischt in der kleinen Flasche, ein bunter Strohhalm hinein, fertig. Neben den Hugo-Fläschchen liegen die Dekorationselemente auf dem Tisch: Zimtstangen und Glitzertannenbäume.

Was heißt es heute, eine Frau zu sein? Es bedeutet vor allem, sich zwischen Verpflichtungen aufzureiben. Aufgaben gibt es gerade genug: Beruf, Kinder, Haushalt, Einkaufen, Hausaufgaben, Schulbasar, die Pflege der Eltern, der Freundschaften und der Liebesbeziehung. Da bleibt nicht viel Zeit übrig – Zeit, die man für sich verwenden könnte oder mit Frauen, mit denen man sich austauschen kann. Deshalb machen Claudia Hertig und Tina Simmendinger jetzt ihre Version der Jungen Landfrauen, und sie machen vieles anderes als die älteren Semester: keine wöchentlichen Treffen, sondern einmal im Quartal, nicht tagsüber, sondern abends, denn tagsüber hat niemand Zeit, heute Adventsbasteln, beim nächsten Mal Bowling, im Sommer Rezepte mit Erdbeeren, niemand soll unter Druck geraten, um dabei sein zu können.

„Wir schauen jetzt einfach, wie die Gruppe sich entwickelt, vielleicht backen wir auch mal zusammen im Backhaus in Leinfelden“, erzählt Claudia, „das wünschen sich einige“. Da ist eine Zusammenarbeit mit den traditionellen Landfrauen geplant, dem ursprünglichen Verein, die Älteren zeigen den Jüngeren, wie es geht, so die Idee. Klar versteht man sich auch mit den Müttern und Großmüttern gut – aber was Gesprächsthemen angeht, gibt es einfach bei den Gleichaltrigen mehr Gemeinsamkeiten.

Die Vernetzung spielt schon in den Anfängen eine Rolle

Rund 500 000 Mitglieder zählt der deutsche Landfrauenverband, etwa 53 000 Landfrauen gibt es in Baden-Württemberg, im Kreis Esslingen sind es 17 Ortsvereine, davon haben sich nun zwei Gruppen für Junge Landfrauen gegründet, die eine in Esslingen, die andere eben in Leinfelden-Echterdingen. „Ich finde das super“, sagt Doris Hoinkis, die Vorsitzende des Kreisverbands Esslingen. Es sei auch immer ein bisschen Spagat gewesen, den Mitgliedern aller Altersgruppen gerecht zu werden – „die Jungen interessieren sich einfach für andere Dinge als die Älteren“. Darum seien die jungen Landfrauen eine tolle Chance. „Wenn man nichts nachzieht, kommt auch nichts nach“, sagt Doris Hoinkis.

Den ersten landwirtschaftlichen Hausfrauenverein gab es 1898 in Ostpreußen, seiner Gründerin Elisabet Böhm ging es darum, das Leben von Frauen im ländlichen Raum zu verbessern, durch hauswirtschaftliche und kulturelle Weiterbildung. Während des Dritten Reichs waren die Hausfrauenvereine aufgelöst, 1947 entstanden die ersten Landfrauenvereine als Nachfolgeorganisationen. Die Landfrauen sollten sich untereinander vernetzen, voneinander lernen, sich weiterbilden und für den guten Zweck engagieren – alles Vorgaben, die heute noch umgesetzt werden. Der deutsche Landfrauenverband engagiert sich unter anderem für Weiterbildung, Lohngleichheit und Parität in den Parlamenten – ein Einsatz für alle Frauen, nicht nur jene im ländlichen Raum.

Die meisten der Landfrauen in L.-E. sind jetzt zwischen 70 und 80, sind seit Jahrzehnten dabei, aus Bekannten sind Freunde geworden. „Das ist doch etwas Schönes“, meint Claudia Hertig, gegen Einsamkeit im Alter. Ebenso toll sei die Tradition, jedes Jahr beim Krautfest blechweise Krautkuchen und anderes Gebäck zu backen und zu verkaufen, „da wollen wir mit den Jungen Landfrauen auch mit anpacken“.

Hugo trinken mit Strohhalm

Über das Krautfest ist Susi, 29, zu den Jungen Landfrauen gestoßen. „Ich kannte die Landfrauen vom Krautfest und interessiere mich auch selbst fürs Kochen und Backen“, erzählt sie. Sie hatte Lust, sich in einem Verein zu engagieren, hat über die Facebook-Seite Kontakt aufgenommen und sitzt jetzt hier und klebt Sterne auf ihre Adventsvase. „Es ist eine total nette Gemeinschaft“, meint sie. Dem stimmt Pia, 42, zu. Sie gehört zu Claudia Hertigs Freundeskreis, hat so den Weg in die Zehntscheuer gefunden. „Alleine zu Hause würde ich nie was basteln.“

Die schlechte Nachricht ist: Der Hugo ist alle, es gibt aber noch Bionade, Wasser und Saft, Lebkuchen und Spekulatius. Daneben liegen grüne Mitgliedsanträge für die Jungen Landfrauen und Postkarten. Darauf steht: „Fünf Gründe, warum du Landfrau werden solltest. Alles ist möglich – bei den jungen Landfrauen. Junge Landfrauen – echte Leuchtfeuer.“ Plötzlich fordert die Heißklebepistole ein Opfer: Eine fleißige Bastlerin verbrennt sich die Fingerkuppe, kurze Aufregung, dann Aufbruch: Tina Simmendinger fährt die Verletzte ins Krankenhaus, der Rest bastelt weiter – nach kurzer Überlegung, was zu tun sei, auch für die beiden Abwesenden. Sie rätseln, ob der verunglückten Bastlerin Zimtstangen oder Tannenbäumchen besser gefallen würden, legen ihr schließlich beides zur Seite. An diesem Abend heißt Frausein, Hugo zu trinken mit Strohhalm, Sterne und Pinienhalme aufzukleben – und vor allem: nicht alleine, sondern Teil einer Frauengemeinschaft zu sein.

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