Jurorin beim Stuttgarter des Jahres Eine Brücke zwischen Therapie und Religion

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Barbara Traub ist Vorstandsvorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg und Mitglied des Zentralrates der Juden in Deutschland. Im Hauptberuf betreut sie als Psychotherapeutin Krebspatienten.

Die gebürtige Wienerin Barbara Traub steht der Israelitischen Religionsgemeinschaft vor uns arbeitet als Psychotherapeutin mit Krebspatienten. Foto: Lichtgut/Verena Ecker
Die gebürtige Wienerin Barbara Traub steht der Israelitischen Religionsgemeinschaft vor uns arbeitet als Psychotherapeutin mit Krebspatienten. Foto: Lichtgut/Verena Ecker

Stuttgart - Der leichte Wiener Tonfall verrät ihre Herkunft, doch Barbara Traub, eine der Jurorinnen für den diesjährigen EhrenamtspreisStuttgarter des Jahres“, ist seit langem im Schwäbischen heimisch. Die Vorstandsvorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs, kurz IRGW genannt, hat als Psychotherapeutin und Repräsentantin der jüdischen Gemeinde in ganz Württemberg ein dicht gestricktes Arbeitspensum zu absolvieren und nur wenig Spielraum. Für die Jury des „Stuttgarter des Jahres“, den von der Stuttgarter Versicherungsgruppe und der Stuttgarter Zeitung gestifteten Ehrenamtspreis, nimmt sie sich aber gerne die Zeit. Sie weiß aus eigener Erfahrung um die Notwendigkeit ehrenamtlicher Arbeit.

Von Normalität kann keine Rede sein

Die Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs ist seit ihrer Wiedergründung im Jahr 1945 auf mittlerweile mehr als 3000 Gemeindemitglieder angewachsen. Es gibt einen Kindergarten, eine Jüdische Grundschule, ein Jugendzentrum und eine Synagoge, die sich im Haus der IRGW an der Hospitalstraße befindet. Das Klingelschild am Eingang gleicht dem an einem normalen Wohnhaus; ein Pförtner sorgt dafür, dass keine Unbefugten das Gebäude betreten. Nach so vielen Jahren der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist heute mehr denn je Vorsicht angebracht; von Normalität kann immer noch keine Rede sein. „Aber es gibt in Stuttgart keine No-go-Areas wie beispielsweise in Berlin“, betont Barbara Traub. Der Gedanke der Integration sei in Stuttgart und im Land schon sehr früh formuliert worden, und auch die jüdische Gemeinde habe sich in den vergangenen 15 Jahren stark geöffnet. Sie selbst hat seit mehr als zehn Jahren einen Lehrauftrag an der Evangelischen Hochschule. Gemeinsam mit einer christlichen und einer muslimischen Kollegin bietet sie ein Seminar zum Thema „Interreligiöse Dialoge im Bereich der Religionspädagogik“ an.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens

Im Hauptberuf ist Barbara Traub Psychotherapeutin. In ihrer Geburtsstadt Wien studierte sie zunächst Sozialpädagogik, Philosophie und Linguistik. „Ich bin keine Fachärztin, sondern komme von den Geisteswissenschaften“, erläutert sie. Nach einer Fortbildung zur psychologischen Psychotherapeutin arbeitete sie zunächst im Wiener psychiatrischen Krankenhaus .

„Was mich immer begleitet hat, das ist die Frage nach dem Sinn des Lebens“, sagt Barbara Traub. „Mein Interesse ist es, eine Brücke zu schlagen zwischen der Religion und der Psychotherapie.“ Mittlerweile betreut die Psycho-Onkologin in zwei Stuttgarter Krankenhäusern und in einer eigenen Praxis Krebspatienten und chronisch Kranke. „Dies ist einer der wenigen Bereiche in der Psychotherapie, wo die Sinnfrage und die Spiritualität eine Rolle spielen“, erklärt sie ihre Hinwendung zu dieser Arbeit. Barbara Traub sieht sich dabei nicht als Seelsorgerin. Es geht ihr vielmehr darum, alle Ressourcen zu stärken und zu aktivieren, die hilfreich sind, wenn man bei einer Erkrankung das Gefühl hat, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Von Wien über Haifa nach Stuttgart

Nach Stuttgart kam sie der Familie wegen. In Wien lernte sie ihren künftigen Mann kennen: Herbert Traub, ein bildender Künstler, der bald darauf eine Gastprofessur in Israel innehatte. Ein Jahr lang sei sie zwischen Haifa und Wien gependelt, erinnert sich Barbara Traub, bis ihr Mann an die Universität Stuttgart berufen wurde. In ihre Ehe brachte er eine Tochter mit, gemeinsam haben sie drei Söhne, von denen nur noch der Jüngste im Haushalt lebt.

Als sich Barbara Traub 1991 in Stuttgart niederließ, wurde ihre Ausbildung noch nicht anerkannt, und sie hatte kleine Kinder zu versorgen. Also engagierte sie sich zunächst vor allem in der Israelitischen Religionsgemeinschaft. Zu der Zeit gab es einen Zustrom an jüdischen Emigranten aus der ehemaligen Sowjetunion. Barbara Traub half den Neuankömmlingen mit Kursen; heute würde man sie Integrationskurse nennen.

Es ging darum, die Menschen in das Leben in Deutschland einzuführen, sie aber auch in die jüdische Religionsgemeinschaft zu integrieren. Die Einwanderer dieser Zeit waren geprägt von kommunistischen Strukturen; für sie bedeutete der Neubeginn einen Kulturschock. „Sie verstanden sich mehrheitlich als Schicksalsgemeinschaft, weniger als Juden im religiösen Sinn“, sagt Barbara Traub. „Und diejenigen, die hier schon länger lebten, definierten sich neben der religiösen Identität ein Stückweit über die Schoa.“ Mittlerweile haben vier Fünftel der Gemeindemitglieder einen Migrationshintergrund, und es gibt immer weniger Holocaustüberlebende. „Umso wichtiger, dass das Thema in der Schule behandelt wird“, betont Barbara Traub.

Auseinandersetzung mit dem neuen Antisemitismus

1996 wurde die Psychotherapeutin erstmals in die neunköpfige Repräsentanz der IRGW gewählt, in der zu der Zeit noch mehrheitlich Männer vertreten waren. Mittlerweile gibt es mehr Frauen als Männer in diesem Gremium, das einem Gemeinderat vergleichbar ist und aus dessen Mitte drei gleichberechtigte Vorstandsmitglieder gewählt werden. Barbara Traub ist als Vorstandsvorsitzende Ansprechpartner nach außen, und so machte sie sich schnell einen Namen. Im Februar 2013 wurde sie ins Präsidium des Zentralrats der Juden in Deutschland gewählt.

„Mir war klar“, sagt sie, „dass ich mich in Deutschland für die jüdische Identität engagieren muss. In Israel war das viel selbstverständlicher, hier muss man sich mehr mit der eigenen Religion auseinandersetzen.“ Im Zentralrat, der die Gemeinden in Deutschland vernetzt, geht es mittlerweile mehr denn je auch um die Auseinandersetzung mit dem neuen Antisemitismus. „Die Gemeinden sind gefordert, Stellung zu beziehen“, sagt Barbara Traub und wird zum ersten Mal während des Gesprächs energisch. „Man muss der Entwicklung der Gesellschaft etwas entgegensetzen. Keine Politikverdrossenheit, keine Angst vor fremden Kulturen rechtfertigt das Abgleiten in rechtsextremes Denken.“




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