Jutta Schüle im Porträt Die One-Woman-Show

Jutta Schüle hat zeitweise vier Jobs gleichzeitig gemacht, um sich und ihren Kindern etwas bieten zu können. Foto: Judith A. Sägesser
Jutta Schüle hat zeitweise vier Jobs gleichzeitig gemacht, um sich und ihren Kindern etwas bieten zu können. Foto: Judith A. Sägesser

Jutta Schüles Leben war „nicht immer happy“, wie sie selbst sagt. Weil die heute 56-Jährige aus dem Chausseefeld weiß, wie widrig das Leben sein kann, engagiert sie sich seit ein paar Jahren für psychisch kranke Menschen.

Filderzeitung: Judith A. Sägesser (ana)
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Birkach/Plieningen - Die Buchstaben an der Wand passen zu Jutta Schüle wie ihr fränkisch gerolltes R. „Do more of what makes you happy“, tu mehr von dem, was dich glücklich macht. Der Satz hängt im Großformat im Flur in ihrem Reihenhaus im Chausseefeld, Jutta Schüle hat ihn als Deko-Artikel gekauft. Aber nach zwei Tassen Kaffee mit der kleinen, zierlichen Frau wird klar: Sie könnte den Satz ebenso gut selbst für sich erfunden haben. Und dass der englische Spruch an der Treppe zum oberen Stockwerk hängt, macht alles noch runder. Die Treppe nach oben, die kennt Jutta Schüle genauso gut wie die Treppe nach unten. Also im Leben.

„Mein Leben war nicht immer happy“, sagt die 56-jährige Plieningerin. Sie musste einiges einstecken, hat sich aber nie unterkriegen lassen. Aufgewachsen ist sie in einem Dorf im Fränkischen. Sie hat Hauswirtschafterin gelernt, später Bürokauffrau. Als sie ihren Mann kennenlernte, hat sie das Dorf verlassen. Die Ehe hielt sieben Jahre. Jutta Schüle hatte zwei kleine Kinder – und musste von vorne beginnen. 1986 kam sie nach Stuttgart. Dort hatte sie Freunde. „Durch die Alleinerziehung war es ganz schwierig, den Alltag zu regeln.“

Sie hat teils vier Job gleichzeitig gemacht

Weil Jutta Schüle ihren Kindern und sich etwas bieten wollte, hat sie einige Anstrengung in Kauf genommen. Die Beispielliste ist lang. Mit 38 hat sie die Fachhochschulreife nachgeholt. Und es gab Zeiten, in denen hat sie vier Jobs gleichzeitig gemacht. Sie hat beim Stuttgarter Sozialamt in der Hilfeplanung gearbeitet, hat Langzeitarbeitslosen, psychisch Kranken oder Flüchtlingen einen Weg aufgezeigt, im SI-Zentrum war sie Gästebetreuerin, sie hat die Buchhaltung für eine Tankstelle gemacht, war putzen oder hat in einer Disco gearbeitet. „Ich habe gemacht, was es gab“, sagt sie. „Und ich bin gut mit drei Stunden Schlaf ausgekommen. Alles, was ich erreicht habe, habe ich mit viel Fleiß erreicht.“ Dazu gehört, dass sie sich das Reihenhaus im Chausseefeld kaufen konnte. Heute macht sie Führungen für den Energiekonzern EnBW – im Pumpspeicherkraftwerk Glems bei Metzingen und im Steinkohlekraftwerk in Altbach-Deizisau.

Jutta Schüle weiß, wie widrig das Leben sein kann. Im Alter von 30 Jahren hatte sie, damals Hochleistungssportlerin im Geräte- und Bodenturnen, einen dreifachen Bandscheibenvorfall; ihr Rückenmark war gequetscht, sie war halbseitig gelähmt, konnte nicht mehr richtig sprechen oder essen. „Das musste alles wieder hochtrainiert werden, da braucht man eine positive Lebenseinstellung.“ Nach knapp einem Jahr „war ich wieder die Alte“. Sie hält kurz inne und sagt dann: „Es gibt immer schwierige Situationen im Leben, da geht noch einiges.“ Und weil sie das am eigenen Leib erfahren hat, versucht sie heute, anderen Menschen Mut zu machen.

Jutta Schüle ist in Birkach und Plieningen als eine Frau bekannt, die sich für psychisch Erkrankte einsetzt. „Diese Menschen haben keine Lobby, weil man es ihnen nicht ansieht. Wenn einer ein Bein hinterherzieht oder einen zu kurzen Arm hat, ist die Gesellschaft viel verzeihlicher.“ Seit 2006 engagiert sie sich ehrenamtlich im Café Fröschle in Birkach, ein Treffpunkt für psychisch Kranke. Sie hat „Mittwoch aktiv“ erfunden, hat mit den Leuten Dinge unternommen, sie waren auf dem Volksfest, in der Staatsgalerie oder in der Besenwirtschaft. Am Anfang kamen drei, vier, doch es wurden schnell zwei Dutzend.

Ihre Idee: Gesunde und Kranke sollen sich begegnen

Vor drei Jahren hat sie mit einem Tanzworkshop begonnen. Ihre Idee: Kranke und gesunde Menschen sollen sich auf dem Parkett begegnen. „Es hat wie verrückt funktioniert“, sagt sie. Inzwischen treffen sich alle, die Lust haben, einmal im Monat im Tanzlokal Melodie in Cannstatt zur Disco. Der TV Plieningen unterstützt sie zwar, doch letztlich organisiert Jutta Schüle alles allein. „Ich bin eine One-Man-Show.“

Am Sonntag, 9. November, geht es zum Tanztreff im Tanzlokal Melodie in Bad Cannstatt. Das Inklusionsprojekt beginnt um 18 Uhr. Anmeldungen bei Jutta Schüle unter Telefon 01 77/5 99 29 82 oder per E-Mail an zeit-zum-tanzen@gmx.de.




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