Kältebus in Stuttgart Strickmützen und Schokoriegel für Obdachlose

Sandra Welsch (r.) und Meriem Benyebka  geben einem Bedürftigen einen warmen Schal. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt 4 Bilder
Sandra Welsch (r.) und Meriem Benyebka geben einem Bedürftigen einen warmen Schal. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Zwischen 50 und 80 Menschen leben in Stuttgart auf der Straße. Wenn die Temperaturen in den Minusbereich rutschen, rückt der Kältebus aus und versorgt sie.

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Stuttgart - Der Mann mit der dunklen Daunenjacke und der zu weiten Hose hat Redebedarf. Als der Kältebus an der Tankstelle anhält, in deren Nähe er sich aufhält, kommt er direkt auf die Besatzung zu. Eine neue Wollmütze hätte er gern, sagt er, die alte drücke so in die Stirn. Ein neuer Schal wäre gut, und neue Handschuhe auch. Meriem Benyebka und Sandra Welsch vom Deutschen Roten Kreuz (DRK), die den Bus heute fahren, haben dem Mann sogar noch viel mehr zu bieten.

Warmen Tee will er zwar nicht, eine Flasche Mineralwasser, Snackwurst und Schokolade nimmt er aber gern an. Dazu gibt’s die gespendete Geschenkkarte eines Drogeriemarkts, die mit fünf Euro aufgeladen ist. „Davon kaufe ich mir so ein Zeug zum Sprühen, damit ich nicht mehr so stinke“, sagt der Mann. Während Welsch und Benyebka im Bus nach Nahrung und wärmender Kleidung für ihn suchen, gerät der Obdachlose in einen regelrechten Redeschwall.

Er beklagt, dass das Flaschensammeln nichts mehr einbringe und dass ihm immer wieder Sachen gestohlen würden. Banden aus Osteuropa macht er dafür verantwortlich. Den Kältebus kennt er gut und schätzt die Hilfe. „Ich bin ja von oben bis unten mit Sachen von euch eingekleidet“, sagt er. Seine Wünsche sind zum Teil recht spezifisch: Lederhandschuhe will er zum Beispiel nicht, und „Frauenschals“, die rundherum laufen, genauso wenig. Manche Wünsche kann die Besatzung nicht erfüllen. Sandra Welsch hat sie notiert – bei der nächsten Fahrt soll der Mann sie erhalten.

Ehrenamtliche kennen die Plätze der Obdachlosen

Trotz relativ milder drei Grad ist der Kältebus am Sonntag im Einsatz. Meist fahren Ehrenamtliche vom DRK im Auftrag des Sozialamts den Bus. Wie oft der Bus tatsächlich ausrückt, ist witterungsabhängig. In der vergangenen Saison gab es 46 Einsätze, im Dezember hingegen war der Bus aufgrund des warmen Wetters nur vier Mal unterwegs. 30 Orte fährt er im Stadtgebiet nach einem flexiblen Tourenplan an. An diesen Orten, so die Erfahrung, haben die Obdachlosen ihr Lager aufgeschlagen.

In der Nähe des Cannstatter Bahnhofs zum Beispiel gibt es gleich mehrere solcher Orte. Wo genau, soll nicht in der Zeitung stehen. Denn nicht selten werden Obdachlose Opfer von Angriffen oder von Diebstählen. Eine ältere Frau treffen Benyebka und Welsch am gewohnten Ort an. „Es ist schon wieder saukalt“, sagt sie. Sie freut sich über den Besuch und trinkt einen Früchtetee. Ihr Lachen klingt herzlich und rauchig. Passanten huschen vorbei, schauen verstohlen, was vor sich geht. An einem anderen Ort in der Nähe wird die Besatzung des Kältebusses nicht fündig. „Natürlich kann sich der Aufenthaltsort auch im Laufe des Abends ändern. Einmal sind die Leute da, ein paar Stunden später wieder weg“, erklärt Welsch. Durch die Weihnachtsspenden ist der Kältebus vollgepackt. Benyebka und Welsch verteilen Socken, Schals, Handschuhe, Isomatten, Schlafsäcke, Mineralwasser, Würstchen, Schokoriegel und vieles mehr.

Dankbarkeit überwiegt

Die Reaktionen der Obdachlosen auf die Hilfe sind unterschiedlich. Ein buckliger Mann mit Krücken im Hauptbahnhof murmelt schwer verständlich einen Dank vor sich hin und will den beiden Frauen vom Roten Kreuz gar noch drei Euro geben, die er aus der Tasche seiner Jogginghose kramt. „Behalten Sie das Geld und stecken Sie es wieder ein, bevor es ihnen jemand wegnimmt“, sagt Sandra Welsch. Zwei junge Männer, die in der Klett-Passage sitzen und Wein trinken, sind offensiver. Sie sehen die Frauen schon von Weiten, rufen sie zu sich und fragen direkt nach einem Schlafsack.

Weil der Bus spätabends zwischen 22 und 2 Uhr unterwegs ist, schlafen viele Obdachlose schon. Benyebka und Welsch versuchen, sie behutsam zu wecken und fragen nach, ob sie etwas brauchen. Andere lassen sie schlafen. Eine Frau und zwei Männer aus Ungarn nächtigen in einer Unterführung. Sie sagen, sie lebten seit drei Wochen hier. Über den Schlafsack, den sie bekommen, freuen sie sich sehr. Sandra Welsch fragt, ob sie wüssten, dass es auch Sozialunterkünfte gebe. „Lieber hierbleiben“, sagt einer der Männer. Das respektieren die Frauen.

Nach einem längeren Aufenthalt rund um den Hauptbahnhof geht es gegen Mitternacht weiter. Der Kältebus darf dank einer Sondergenehmigung auch Fußgängerzonen abfahren, mit einem Schlüssel können die Frauen Poller abbauen. „Sonst wäre es gar nicht möglich, das ganze Stadtgebiet abzudecken“, sagt Meriem Benyebka. Die beiden haben noch einen weiten Weg vor sich. In den frühen Morgenstunden erst geht ihre Tour zu Ende.

Hilfe für Obdachlose

Anlaufstellen Wohnungslose Menschen haben in den kalten Wintertagen in Stuttgart zwei Anlaufstellen: die Zentrale Winternotübernachtung in der Hauptstätter Straße 150 mit 60 Plätzen und ein Gebäude in der Villastraße im Osten mit 44 Plätzen. Die Evangelische Gesellschaft betreibt beide städtischen Einrichtungen in Kooperation mit dem Caritasverband. Bei Bedarf steht kurzfristig ein drittes Objekt zur Verfügung.

Kältebus Der Kältebus ist ein Zusatzangebot des Sozialamts. Er rückt gewöhnlich aus, sobald die Temperatur unter 0 Grad fällt und sucht öffentliche Plätze auf, an denen sich die Betroffenen aufhalten. Die von Ehrenamtlichen des DRK-Kreisverbands durchgeführten Touren sind rund 20 Kilometer lang, der Einsatzzeitraum orientiert sich an Witterung und Nachfrage. Neben der Versorgung mit Schlafsäcken, Einmaldecken, Tee und Snacks weisen die Fahrer die Wohnungslosen auf die Hilfeangebote der Stuttgarter Wohnungsnotfallhilfe hin und bringen sie auf Wunsch auch in die Zentrale Notfallübernachtung. Laut Schätzung der Stadt leben derzeit zwischen 50 und 80 obdachlose Menschen in Stuttgart auf der Straße.

Hilflose Wenn hilflose Personen angetroffen werden, bei denen eine akute Selbstgefährdung vorliegt und die kein Hilfeangebot annehmen wollen, werden der Rettungsdienst und die Polizei verständigt. Die Sozialverwaltung bittet die Stuttgarter um Mithilfe: Wenn ein wohnungsloser, augenscheinlich hilfloser Mensch angetroffen wird, sollte sofort der Notruf 112 verständigt werden.




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