Kärcher-Biotop in Winnenden Ein Rückzugsort für Kröten und Eidechsen

Werner Fleischmann (links) und Denis Tränkle inmitten der rund 25 000 Quadratmeter großen Biotop-Fläche Foto: Gottfried Stoppel

Die Firma Kärcher hat auf ihrem Betriebsgelände in Winnenden ein rund zweieinhalb Hektar großes Biotop geschaffen. Dort haben sich neben der Wechselkröte auch andere bedrohte Arten angesiedelt.

Es flattert, fliegt, summt, zwitschert, zirpt, trillert und quakt. Eigentlich stört der Mensch hier nur: „In den Sommermonaten betreten wir das Biotop so gut wie nie. Die hier geschützten Tierarten brauchen schon ihre Ruhe“, sagt Denis Tränkle. Doch heute macht der Fachreferent und Projektmanager für die Entwicklung themenspezifischer Führungen bei Kärcher eine Ausnahme. Er zückt den Schlüssel, schließt das Tor zu der rund 25 000 Quadratmeter großen Biotop-Fläche auf und bittet zum Rundgang durch die weitgehend unberührte Natur.

 

Die heutige Biotop-Fläche gehörte früher einmal zu den Dachziegelwerken Pfleiderer. Ursprünglich wurden auf dem Areal Lehm und Ton für die Ziegelproduktion abgebaut. „Hier befand sich einmal eine sehr große Lehmgrube“, sagt Tränkle. Regelmäßig hoben Bagger Löcher aus: „So entstand mal da und mal dort ein frischer Erdhaufen. In den Löchern bildeten sich kleinere Tümpel, die eine Zeit lang Wasser führten und irgendwann wieder austrockneten.“ So paradox es klingen mag, aber genau diese Nutzung sei die Ursache dafür gewesen, dass hier „ein ziemlich ideales Habitat für die Wechselkröte“ entstehen konnte, erklärt Tränkle.

Ein Biotop als Ausgleichsmaßnahme

Nachdem die Firma Pfleiderer ihren Betrieb eingestellt hatte, kaufte Kärcher die Fläche. Und als der Hersteller von Dampfreinigungsgeräten vor circa zehn Jahren den neuen Gebäudekomplex jenseits der Bahnlinie baute, schuf Kärcher auf dem ehemaligen Ziegelei-Gelände als Ausgleichsmaßnahme dieses Biotop. Neben der Wechselkröte leben auf dem Areal auch die Zauneidechse und der Große Feuerfalter. Alles geschützte Arten. Die ausgeprägten Magerwiesen sind für den bedrohten Schmetterling mit den so schön gefärbten orangen Flügeln von überlebenswichtiger Bedeutung: „Auf den Magerwiesen des Biotops wachsen vor allem nicht-saure Ampfer-Arten. Das ist die wichtigste Futterpflanze für die Raupe des Großen Feuerfalters“, sagt Tränkle.

Für die Zauneidechsen wurden Steinhaufen als Rückzugsmöglichkeit geschaffen. Und für die Wechselkröten wurde ein richtiges Eldorado aus Teichen und Wasserlöchern angelegt. Manche der Tümpel sind ausbetoniert. Andere sind mit Teichfolie ausgelegt und wieder andere haben lediglich einen Lehmboden. „Die Wechselkröte benötigt zur Fortpflanzung Tümpel, die vegetationsarm sind und nicht das ganze Jahr über Wasser führen. Wichtig ist, dass sich die Feinde der Wechselkröte nicht wirklich ansiedeln können, weil sie sonst den Laich sofort wegfressen würden“, erklärt der Kröten-Experte. Der bedrohte Froschlurch findet hier die Voraussetzungen, um sich erfolgreich fortzupflanzen.

Ansonsten lebt auf dem Kärcher-Werksgelände auch schon seit fast zehn Jahren ein Bachstelzen-Pärchen. Die Singvögel mit dem wippenden Schwanz haben allerdings nicht im Biotop, sondern in dem naturnah gestalteten Innenhof des Bürogebäudes ihren alljährlichen Brutplatz. Die Naturgartenplanerin Maria Stark hat den Innenhof entwickelt und bepflanzt. Er bietet selbst an warmen Sonnentagen eine angenehme Kühle. In ihm wachsen zu 90 Prozent heimische Wildpflanzen, die auch im Naturschutzgebiet „Unteres Remstal“ vorkommen. Dazu gesellen sich Totholzstämme, Kleingehölze, Farne, Moose, Sukkulenten, Quadersteine, kleine Wege und Abbruchkanten wie in einem leeren Bachbett.

Ein Wanderfalke thront in 27 Meter Höhe

Beim Gang durchs Biotop sieht Werner Fleischmann vom Naturschutzbund (Nabu) Winnenden durch sein Fernglas einen Nistkasten. Auf diesem thront in rund 27 Meter Höhe ein Wanderfalke. Der gefiederte Jäger könne im Sturzflug bis zu 300 Stundenkilometer erreichen und greife sich dann oft kränkliche Vogel aus der Luft, erklärt Fleischmann. Der 78-Jährige ist bei Kärcher als ehrenamtlicher Vogelwart aktiv. Den Nistkasten auf einem 26 Meter hohen Mast samt Kamera hat sich die Firma Kärcher immerhin 15 000 Euro kosten lassen. Erst stand er leer, dann haben mehrere Jahre Turmfalken dort genistet. Nun hat offenbar ein Wanderfalke Geschmack an der luftigen Penthouse-Wohnung gefunden. Unbenutzt blieben dagegen 48 Nester aus Holzbeton für die Mehlschwalben, die auf Anregung des Vogelexperten entstanden sind. „Die Natur lässt sich halt nichts vorschreiben“, sagt Werner Fleischmann.

Auf dem Areal gibt es Totholzhecken, Nisthilfen für Mauersegler, ein Taubenhaus, Wildbienenhotels, Grasschnitthaufen und Steinhaufen sowie eine große Feuchtwiese. Werner Fleischmann liebt solche Rückzugsgebiete für die Natur. Doch knapp zwei Drittel der Biotop-Typen in Deutschland sind laut dem Bundesamt für Naturschutz gefährdet. Streuobstwiesen, aber auch einfache Magerwiesen, Grünland und Weiden stehen auch wegen der Intensivierung der Landschaft und der Flächen-Versiegelung massiv unter Druck. Umso wichtiger seien Projekte wie diese, betont Fleischmann: „Hier bei Kärcher kann sich die Natur noch selbst entwickeln.“

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