„Kafkas Echo“ in Marbach Sadomaso und Vegetarisches für Junggesellen
In der großen Jubiläumsausstellung zum 100. Todestag Franz Kafkas wird das Literaturmuseum der Moderne in Marbach zu einem Resonanzraum für Leseabenteuer aller Art.
In der großen Jubiläumsausstellung zum 100. Todestag Franz Kafkas wird das Literaturmuseum der Moderne in Marbach zu einem Resonanzraum für Leseabenteuer aller Art.
Vielleicht fängt man spaßeshalber einmal bei Michael Ende an, einem Autor, dem man in den heiligen Hallen der Marbacher Nachlasshüter eher selten begegnet. In seinem Jugendbuch-Klassiker „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ geraten die beiden Titelhelden irgendwann in das Tal der Dämmerung. Darin entstehen die verblüffendsten Echoeffekte. Jedes Echo erzeugt ein weiteres und so fort, nichts geht verloren, wodurch das Ganze mit der Zeit immer lauter wird.
Auf ähnliche Weise könnte man die Wirkungsgeschichte jenes Autors beschreiben, dessen 100. Todestag am 3. Juni ansteht, und damit gleich den leisen Grusel transportieren, den das anschwellende Gedächtnisgetöse mit sich bringt. Franz Kafka ist einer der Hausheiligen des Deutschen Literaturarchivs. In seinem unterirdischen Gewölbe stehen die Archivkästen so eng wie im Tal der Dämmerung die Felswände, und sie verwahren von dem Prager Autor Teile der vermutlich kostbarsten Handschriften-Schätze, die je in einem Koffer in die Nachwelt geschmuggelt wurden.
Und wer noch einmal wissen möchte, mit welchen Argumenten sich Kafkas Freund Max Brod dessen testamentarischer Vernichtungsverfügung widersetzt hat, um seine Schriften im vielleicht berühmtesten Koffer der Literaturgeschichte vor den anrückenden Nationalsozialisten zu retten, kann dies nun in einem Aufsatz für die Zeitschrift „Weltbühne“ nachlesen, der in der großen Jubiläumsausstellung im Literaturmuseum der Moderne gezeigt wird: „Dass im Juni 1924 einer der größten Dichter und reinsten Menschen aller Zeiten dahingegangen ist“ – mit dieser Erkenntnis beginnt Max Brods Rechtfertigung. Solche Superlative schallen schon früh von der undurchdringlichen Oberfläche des Rätsels, das diesen Autor umgibt, zurück und verdichten sich zu jenem gewaltigen Stimmengewirr, für dessen papiernen Widerhall das Archiv den Resonanzraum bildet.
„Kafkas Echo“ ist überschrieben, was man aller akustischen Metaphorik zum Trotz doch Schau nennen darf. Und vielleicht ist das optisch sinnfälligste Requisit dafür der Feldstecher, der vor einem einschüchternd hohen Glasregal-Massiv bereit liegt, damit man auch Buchrücken in schwindelnden Höhen klar entziffern kann. Was sich hier sammelt, hat der Kafka-Forscher Hartmut Binder über Jahrzehnte in einer fantastischen Recherche zusammengetragen: Werke, die der Autor besessen, gelesen oder verwendet haben mag.
Ein Blick durch das Fernglas könnte auf Titel fallen wie Hans Blühers „Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft“, „Denkende Tiere“ von Hans Krall, „Kleines vegetarischen Kochbuch für Junggesellen“ oder „Der Garten der Qualen“, ein sado-masochistischer Roman von Octave Mirabeau. Letzterer mag die Folterszenen in der Erzählung „Die Strafkolonie“ inspiriert haben, denkende Tiere gibt es in den von sprechenden Bibern, dozierenden Affen, singenden Mäusen bevölkerten Erzählungen zuhauf. Und das Kochbuch könnte Anhaltspunkte liefern, weshalb der Autor in der ARD-Miniserie von David Schalko und Daniel Kehlmann zumeist fletschernd zu sehen ist.
Die schöpferischen Potenzen des Echos werden in den drei Abteilungen der Ausstellung in alle Richtungen entfaltet. Am Anfang steht, was Kafka als Leser empfangen hat, zum Beispiel von Jugendbüchern, die ihn überraschenderweise auch als Erwachsener durch das Leben begleitet haben. Über den patriotischen Roman „Wir Jungen von 1870/71“ notiert er 1916 im Tagebuch: „Vater sein und ruhig mit seinem Sohn reden. Dann darf man aber kein Spielzeughämmerchen an Stelle des Herzens haben.“
Wie herausschallt, was die Texte in den Lesenden hineingerufen haben, ist mit etwas konzeptuellen Wohlwollen in der nächsten Abteilung zu besichtigen. Hier werden in magisch glitzernden Vitrinen gewissermaßen die autografischen Kronjuwelen präsentiert. Unter anderem alle 103 Seiten des nie abgeschickten Briefes an den Vater, der auf seine Weise zu erkunden sucht, wie es um dessen Herzensangelegenheiten bestellt war. Durch die acht Blätter der Erzählung „Der Dorfschullehrer“ geistert ein Riesenmaulwurf. Und in den Einschlagblättern, mit denen Kafka die Konvolute seines „Prozess“-Romans strukturiert, findet sich ein notiertes Echo der später im „Verschollenen“ aufgegangen Erzählung „Der Heizer“.
Nach Kafkas Tod antworten die Stimmen der Nachwelt: Ihnen ist der größte Raum gewidmet. Aus dem Zettelkastenimperium entfaltet sich eine Polyfonie von Interpretationen, sich widersprechenden Lesarten, bisweilen von ein und derselben Person. Der im KZ Theresienstadt inhaftierte Dichter H.G. Adler arbeitet 1943 an einem Vortrag über Kafka: Auf eine Karteikarte notiert er: „Symbol des leidenden Menschen, für den es einen Ausweg nicht gibt“. Ungefähr zur gleichen Zeit geißelt der marxistische Literaturwissenschaftler Georg Lukács den Autor als ein Paradebeispiel bürgerlicher Dekadenz. Nach den Erfahrungen des niedergeschlagenen Ungarnaufstand dann die Revision: Durch die Darstellung der „Empörung evozierenden Abnormität der menschlichen Existenz“ wirke er auf gesellschaftliche Veränderung hin.
In der DDR hatten Kafka-Leser einen schweren Stand: Günther Kunert muss sich für ein dem Autor gewidmetes Gedicht des Verrats an der „weltbefreienden Ideologie“ zeihen lassen. Wilhelm Genazino fühlt sich in Kafkas Texten heimisch, dagegen schlägt das Herz Peter Handkes manchmal mit dem Spielzeughämmerchen nach dem, was es eigentlich liebt: „Ich hasse Kafka, den ewigen Sohn (den ,Söhnling’)“, ist in einem Notizbuch zu lesen.
In dieser Echokammer raschelt viel Papier, wie könnte es anders sein. Wer aber einen Schritt zurücktritt und die Augen etwas zusammenkneift, der könnte die Fluchten gläserner Schaukästen auch für eine Vision jener übermächtigen Registraturen und Bürokratien halten, denen sich der Einzelne bei Kafka ausgeliefert sieht. Als Installation fasst die Ausstellung zusammen, was sie im philologischen Detail entwickelt. Und sie macht damit sichtbar, was Umberto Eco einmal über dieses Werk geäußert hat: „Es bleibt unerschöpflich, weil an die Stelle einer nach allgemeinen Gesetzen geordneten Welt eine auf Mehrdeutigkeit sich gründende getreten ist.“ Eco heißt übersetzt Echo.
Eröffnung
Die Ausstellung wird am 12. Mai um 11.30 Uhr von dem Botschafter Israels Ron Prosor, der Staatsministerin für Kultur und Medien Claudia Roth und dem Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg Winfried Kretschmann eröffnet. Im Anschluss spricht die Direktorin des Deutschen Literaturarchivs Sandra Richter mit Daniel Kehlmann und David Schalko, dem Drehbuchautor und dem Regisseur der deutsch-österreichischen Miniserie, über Franz Kafka.
Stream
Die Veranstaltung ist ausgebucht, wird aber hier live gestreamt.