Kalter Krieg im Rems-Murr-Kreis Dieser Bunker soll ein Ort der Erinnerung werden

Was hinter dieser Stahltür steckt, fragten sich in den 1960er-Jahren etliche Schüler. Foto: Rudel

Lange Zeit war streng geheim, was sich in den Gängen unter dem Schulzentrum Rudersberg befindet. Eine Kulturinitiative will dort jetzt einen Platz schaffen, der die Zeit des Kalten lebendig werden lässt.

Rems-Murr: Phillip Weingand (wei)

Rudersberg - Rudersberg in den Sechzigerjahren. Seltsame Dinge gehen an der Grund-, Haupt- und Realschule vor sich: Die Bundeswehr rückt an. Soldaten steigen aus, schirmen einen Bereich vor dem Schulgebäude mit Tarnnetzen ab. Einige Jungs, neugierig geworden durch die Soldaten und deren Ausrüstung, versuchen, einen Blick zu erhaschen. Doch niemand darf zusehen, was vor sich geht – auch der Hausmeister der Schule ist zum Stillschweigen darüber verpflichtet, was sich hinter der Türe verbirgt, durch die die Männer verschwunden sind.

 

Einer dieser Jungs ist inzwischen 57 Jahre alt. Werner Hinderer weiß nun, wie einige andere auch, was sich unter dem heutigen Schulzentrum verbirgt. Dort, so der Wille der vor einem knappen Jahr gegründeten „Kulturinitiative Bunker“ (KIB), soll bald etwas ganz Neues entstehen. Eine Delegation der KIB und der Stadtverwaltung zeigt den Weg in die Unterwelt. Mit einem metallischen Krachen fällt die Stahltür zu. In das Licht surrender Leuchtstoffröhren getaucht, offenbart sich dem Besucher ein Ganggeflecht aus Betongrau.

Ein Behelfskrankenhaus im Bunker unter dem Schulzentrum Rudersberg

Der Bunker war seinerzeit ein Behelfskrankenhaus, eingerichtet für den Fall, dass die Supermächte USA und Sowjetunion den Kalten Krieg heiß werden ließen. Wären hier Kranke oder Verletzte eingeliefert worden, hätte es wohl bedeutet, dass Stuttgart und seine Krankenhäuser nicht mehr existierten. Ob es Rudersberg noch gegeben hätte, ist Spekulation. Schließlich hätten Menge und Zerstörungskraft der damals verfügbaren Atomwaffen ausgereicht, um die komplette Menschheit zu vernichten. Overkill – und zwar gleich mehrfach.

Heute scheint diese Zeit weit weg zu sein. In dem Bunker stapeln sich alte Schulmöbel. Doch Werner Hinderer und andere Zeitzeugen erinnern sich noch an damals. Es war die Zeit der Tiefflieger und Überschallknalle. Der wöchentlichen Sirenentests. Und der ständigen Furcht, jemand in Washington oder Moskau könnte den falschen Knopf drücken.

Aus dem Lost Place soll ein Museum mit Kulturstätte werden

Das Bauwerk in Rudersberg entstand zwischen 1958 und 1964 und war eines von bundesweit 220 solcher Bunker. Heute stehen laut der KIB nur noch fünf davon. Für Plätze wie diesen wird oft der Begriff „Lost Place“ gebraucht, verlorener Ort. „Doch genau das soll er nicht länger sein“, sagt Elke Knötzele von der KIB. Als Originalschauplatz soll der Bunker jungen und alten Besuchern verständlich machen, wie der Konflikt der Großmächte das Leben aller Menschen beeinflusste.

Den Machern schwebt eine Art Museum vor, das Besichtigungen am Originalschauplatz möglich macht und gleichzeitig für Musik, Theater und Ausstellungen genutzt werden kann. Schilder und Einrichtungsgegenstände lassen trotz des Gerümpels erahnen, was sich einst in den Räumen befand. Duschen an der Wand – kurz hinter dem Eingang – dienten der Dekontamination. Und ein Wäschereiraum musste direkt daneben liegen, um die draußen getragene Kleidung zu reinigen. Noch ein Detail zeigt, dass das Wissen um Verstrahlung, Fallout und Co. damals noch nicht auf dem heutigen Stand war. So sollte zur Wasserversorgung des Bunkers in Rudersberg eine Leitung dienen, die direkt nach draußen in die Wieslauf führte.

Sogar ein Bunker-Theaterstück ist geplant

Wenn Elke Knötzele und ihre Mitstreiter durch den Bunker gehen, sehen sie das Projekt schon regelrecht vor sich. „Hier wäre das Publikum, dort die Bühne, und dort könnte ein Backstage-Bereich hin“, schwärmt Knötzele. Rund 280 der 600 Quadratmeter will die Initiative für ihr Vorhaben nutzen.

Das Bunkermuseum hat mehrere Facetten. So sollen Neunt- und Zehntklässler des Schulzentrums Rudersberg im Rahmen eines Projekts herausarbeiten, wie die Ortsgeschichte mit dem Bunker verwoben ist. Ihre Ergebnisse sollen in einem landesweiten Theaterwettbewerb künstlerisch aufgearbeitet werden. Der Sieger dürfte dann das Drehbuch verfassen und das Stück produzieren, das im Bunker aufgeführt werden könnte. Außerdem soll es eine Dauerausstellung zur Geschichte des Bunkers geben, der KIB schwebt auch Geschichtsunterricht in der Originalumgebung vor.

Das Rathaus Rudersberg heißt das Projekt gut

Der Gemeinderat Rudersberg steht dem ambitionierten Projekt wohlwollend gegenüber, auch der Bürgermeister Raimon Ahrens ist angetan. Jüngst hat das Gremium eine Unterstützung von 10 000 Euro bewilligt. Die Kosten des Projekts belaufen sich schätzungsweise auf 100 000 Euro, davon werden 80 000 Euro vom Land Baden-Württemberg gefördert. Der Restbetrag ist schon fast komplett aus Sponsorengeldern zusammengetragen. Bis in zwei Jahren, so die Hoffnung, soll das Bunkermuseum fertig sein.

Übrigens: Auch der heutige Hausmeister des Schulzentrums wird von Schülern hin und wieder gefragt, was es denn mit der rätselhaften Türe auf sich hat. Doch im Gegensatz zu früher kann er den Jungs und Mädchen das Geheimnis offenbaren.

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