Die Motorradsaison hat begonnen. Spätestens am vergangenen Wochenende haben die Zweiradfreunde angesichts des frühsommerlichen Wetters ihre fahrbaren, oft ziemlich lauten Untersätze aus dem Winterschlaf geweckt. Wie in jedem Jahr drohen nun wieder Konflikte mit Bürgern, die sich in ihrer sonntäglichen Ruhe gestört fühlen.
Auf welchen Strecken gibt es in und rund um Stuttgart die meisten Probleme? Was können die zuständigen Behörden tun, um die Situation zu entschärfen? Wir haben nachgefragt.
Keine Beschwerden in Stuttgart
Die Landeshauptstadt bildet die Ausnahme: Denn anders als in den umliegenden Kreisen, wo teilweise schon jetzt die Empörung groß ist, hat in diesem Jahr noch keine einzige Beschwerde die Stadt erreicht. Überhaupt sind der Verwaltung auch aus den Vorjahren in Stuttgart nur sehr wenige Klagen bekannt.
Im Rathaus heißt es, dass selbst die Bürgerinitiative Büsnau sich seit 2021 nicht mehr gemeldet habe. Dort ist in der Magstatter Straße die Geschwindigkeit von 60 auf 40 Kilometer reduziert worden. Auch eine Doppelmarkierung im Kurvenbereich hat zu einer Beruhigung der Situation beigetragen. Seit April 2020 gibt es Geschwindigkeitsanzeigen, die den Lärmpegel aufzeichnen. Diese werden auch 2024 im Einsatz sein. Ein weiterer beliebter Treffpunkt für Biker ist die Bergheimer Steige zwischen Weilimdorf und dem Schloss Solitude.
Wenig Kontrollen in Esslingen
Der Hotspot für Motorradfahrer im Kreis Esslingen ist die Neuffener Steige. Dort haben sich bereits in diesem Jahr wieder vereinzelt Anwohner beschwert. Die Aktivitäten zur Reduzierung des Lärms beschränkt das Esslinger Landratsamt auf punktuelle Geschwindigkeitsmessungen durch die Bußgeldstelle und regelmäßige Zweiradkontrollen durch die Polizei. Bisher sind für dieses Jahr keine weiteren präventiven Maßnahmen geplant.
Priorität im Rems-Murr-Kreis
Beliebte Motorradstrecken im Rems-Murr-Kreis sind unter anderen die Sulzbacher Steige und die Auffahrt zum Schurwald zwischen Stetten im Remstal und der Deponie Katzenbach. Das Thema Motorradlärm genießt im Rems-Murr-Kreis höchste Priorität. „Obwohl die rechtlichen Möglichkeiten eines Landkreises sehr beschränkt sind, versuchen wir, mit mehreren Aktionen im Rahmen unserer Möglichkeiten unnötigen Verkehrslärm einzudämmen“, erklärt die Kreissprecherin Rojda Firat.
Nicht nur, dass der Landkreis Teil der landesweiten Initiative Motorradlärm ist, der rund 160 Städte und Gemeinden sowie 14 Landkreise angehören. Seit 2019 sensibilisiert der Landkreis auch mit Schildern wie „Fahr nicht wie die Sau“ und „Lärm nicht wie ein Esel“ für rücksichtsvolleres Fahren. Mittlerweile sind 27 solcher Schilder im Kreis aufgestellt worden. Geplant sind zudem gemeinsame Geschwindigkeitskontrollen mit der Polizei. Zusätzlich werden zwei halbstationäre Tempo-Messanlagen aufgestellt, die Fotos von vorne und hinten machen können. Motorrad-Halter, die durch unnötige Lärmverursachung auffallen, erhalten eine „gelbe Karte“, die sie auf ihr Fehlverhalten hinweist. Zudem gibt es Lärmdisplays in Gemeinden. In sieben Kommunen ist zudem das Tempo aus Lärmschutzgründen auf 30 oder 40 Kilometer pro Stunde reduziert worden.
Lärmschutzdisplays in Böblingen
Auch im Kreis Böblingen fühlen sich Motorradfahrer offensichtlich wohl. Beschwerden erreichen das dortige Landratsamt unter anderem aus Aidlingen und Weil der Stadt, sowie von den Strecken Dachtel-Deckenpfronn, Deufrigen-Gechingen, Münklingen-Möttlingen sowie Merklingen-Hausen. Der Landkreis geht mit Lärmschutzdisplays sowie Hinweisschildern des ADAC gegen Motorradlärm, die auch in diesem Jahr wieder aufgestellt werden sollen, in den Kampf für etwas mehr Rücksichtnahme.
Ludwigsburg – keine Toleranz für Lärm
„Die Tendenz, sich zu beschweren, hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Die Toleranz für Lärm ist gesunken.“ So fasst Andreas Fritz, der Sprecher des Landkreises Ludwigsburg, die aktuelle Situation zusammen. Hotspots sind die ehemalige Solitude-Rennstrecke und die Anfahrtsstrecken zu den Löwensteiner Bergen. Auch in Ludwigsburg gibt es auf Lärmaktionspläne zurückzuführende Geschwindigkeitsreduzierungen. Von denen sind allerdings alle Verkehrsteilnehmer betroffen. Verkehrsrechtliche Maßnahmen, die ausschließlich Motorradfahrer betreffen, gibt es keine. Tempokontrollen führe die Polizei in eigener Zuständigkeit durch.
Göppingen – Probleme an Albaufstiegen
Auch rund um Göppingen reicht es vielen Anwohnern: „Sowohl von der Anzahl her als auch von der Intensität ist die Zahl der Beschwerden steigend“, erklärt Simon Gottowik vom Landratsamt. Im Landkreis gibt es einige Albsteigen, die Motorradfahrer magisch anziehen. Im Jahr 2021 hat Göppingen eine besondere Kampagne zum Motorradlärm gestartet: Aus der Zusammenarbeit mit der Polizei und dem Verein „Initiative Sicherer Landkreis Göppingen“ ist ein Motorradlärmbanner entstanden, das der Kreis Städten und Gemeinden kostenlos zur Verfügung stellt. Aktuell wird ermittelt, wo weitere solcher Banner in diesem Jahr aufgehängt werden sollen.
Die Position des Verkehrsministeriums
Ziele
2020 ist die Initiative Motorradlärm gegründet worden. Dieser gehören knapp 200 Städte, Gemeinden und Landkreise an. Drei Hauptziele gibt es: Motorräder müssen leiser werden, sie müssen leiser gefahren werden und rücksichtsloses Fahren muss spürbare Folgen haben.
Maßnahmen
Ganz aktuell gibt es in den Landkreisen Waldshut und Lörrach ein Pilotprojekt. Hier haben die zuständigen Landratsämter zusammen mit dem Freiburger Regierungspräsidium und dem Verkehrsministerium verkehrsrechtliche Anordnungen zum Schutz vor Motorradlärm ausgearbeitet. In vielen Gemeinden darf man in bestimmten Kurven nur noch 50 Kilometer pro Stunde fahren. In einigen Gemeinden ist innerorts nun nur noch Tempo 30 und nach bestimmten Kurven und Ortsausgängen Tempo 70 erlaubt. Hinzu kommt, dass an bestimmten Stellen nicht mehr überholt werden darf, beispielsweise in der Gemeinde Todtmoos. Die Regeln gelten für alle - sowohl für Motorrad- als auch für Autofahrer.
Untersuchungen
Bei den zahlreichen, vom Ministerium in Auftrag gegebenen sozio-akustischen Untersuchungen, ist 2023 herausgekommen, dass Motorräder bei gleicher Lautstärke sehr viel lärmbelästigender als Autos Lastwagen und Busse empfunden werden.
Grenzen
Die rechtlichen Möglichkeiten des Landes-Verkehrsministeriums sind stark durch die bundesweit geltende Straßenverkehrsordnung limitiert. Die Hürden für Verkehrsbeschränkungen zum Schutz vor Lärm sind sehr hoch. hol