Kaputte Turmuhren Bei den Kirchen steht die Zeit still

Von Martin Haar 

Ein Vertrag aus dem Jahr 1891 zwischen den Kirchen und der Stadt Stuttgart ist der Grund dafür, dass die Turmuhren der Stifts- und Leonhardskirche wochenlang stehen und nicht schnell repariert werden können.

Ständig High Noon: Die Turmuhr der Stiftskirche will nicht mehr. Foto: Haar
Ständig High Noon: Die Turmuhr der Stiftskirche will nicht mehr. Foto: Haar

Stuttgart - Manche halten die Institution Kirche ja im übertragenen Sinne für aus der Zeit gefallen. In Stuttgart wird einem dieses Vorurteil augenscheinlich bestätigt. Gleich zwei Kirchturmuhren in der Innenstadt und eine im Stuttgarter Westen stehen still. Die Uhr der Leonhardskirche zeigt seit vielen Wochen kurz vor halb fünf, bei der Stiftskirche ist ständig High Noon, und bei der Pauluskirche vermittelt die Zeigerstellung halb sieben. Für Beobachter in der Stadt schlägt’s da 13. So was gibt es doch nicht, meinen manche, das sei doch nicht zu begreifen. Für diese Kritiker gibt die evangelische Kirche dadurch kein gutes Bild ab. Als etwa ein strammer Pietist aus Walddorfhäslach von seinem Besuch in Stuttgart zurückkehrte, teilte er den Seinen betroffen mit: „Oh, armes Stuttgart.“

Ein Kugellager ist defekt

Auch Matthias Vosseler, der Stiftspfarrer, ist wenig erbaut von dem Stillstand an seiner Turmuhr. Er weiß auch um die Spötteleien, die sich daraus ergeben. „Ja“, sagt er, „das lässt viele Interpretationen zu.“ Sie reichen von „der Kirche ist das Geld ausgegangen“ bis hin zu flotten Sprüchen „bei denen ist fünf vor Zwölf“. Tatsächlich stellt sich die Sache ganz anders dar. „Da können wir nichts dafür“, sagt Thilo Mrutzek, seines Zeichens Architekt und Abteilungsleiter Bauen und Liegenschaften bei der evangelischen Gesamtkirchengemeinde.

Am Beispiel der Stiftskirche erklärt sich das Zeitproblem. „Bei unserer Turmuhr ist ein Kugellager kaputtgegangen“, sagt Pfarrer Vosseler, dessen Mesner den Schaden bereits vor zwei Wochen gemeldet hat. „Solche Teile hat keiner auf Lager, die muss man als Einzelteile anfertigen lassen.“ Und das dauere. Aber nicht nur die meisterhaften Uhrwerke sind für die langen Reparaturzeiten verantwortlich, sondern ein Stück Papier aus dem Jahr 1891. Darin wurde zwischen der Stadt und der Kirche besiegelt, dass die Stadt für die Turmuhren verantwortlich ist. „Damals war es den Stadtoberen wichtig, dass die Bürger so immer wussten, wie viel Uhr es ist“, sagt Mrutzek.

Das Monster Bürokratie

Somit scheint der Schwarze Peter bei der Stadt Stuttgart zu liegen. Doch Thilo Mrutzek hebt abwehrend die Hände: „Nein, so kann man das nicht sehen.“ Der Fehler liege vielmehr im System, der Bürokratie. Denn hier sind die Wege lang.

„Wenn wir einen Schaden feststellen, informieren wir sofort unseren Servicepartner. Der schaut sich die Sache an Ort und Stelle an und schickt einen Kostenvoranschlag.“ Den Reparaturauftrag kann Mrutzek jedoch wegen des besagten Vertrages aus dem Jahr 1891 nicht erteilen. Das Angebot schickt er an die Netze BW, die in diesen Angelegenheiten Vertragspartner der Stadt ist, und die schickt es weiter an das städtische Kulturamt. Von dort geht es dann an die Reparaturfirma. „Wenn in dieser Kette mal jemand im Urlaub oder nicht da ist“, sagt Mrutzek, „kann schon mal etwas Zeit vergehen.“ Nicht zuletzt deshalb wünscht er sich „ein schlankeres Verfahren“.

Nun ist klar: Nicht die Kirche und die Turmuhren sind aus der Zeit gefallen. Es sind Details in dem Vertrag zwischen Kirche und Stadt aus dem Jahr 1891, den man der heutigen Zeit anpassen könnte.




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