München - Wieder mal ist es ein 11. Februar. Zwar kein Rosenmontag wie damals vor sieben Jahren, aber die Mitteilung stürzt in der katholischen Kirche genauso aus heiterem Himmel herab wie seinerzeit der Rücktritt von Papst Benedikt XVI.: Kardinal Reinhard Marx will nicht länger Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz sein. Für eine zweite Amtszeit stehe er „nicht zur Verfügung“, teilt der Münchner Erzbischof seinen Amtsbrüdern und der Öffentlichkeit mit, und für die turnusgemäße Neuwahl nach sechs Jahren, wie sie die Vollversammlung der deutschen Bischöfe Anfang März vornehmen will, gibt es plötzlich keinen Spitzenkandidaten mehr. Es wird ein gänzlich offenes Rennen.
Aber warum zieht sich Marx zurück aus einem Amt, das er nach eigenem Bekunden „sehr gerne ausgeübt“ und das ein Karl Lehmann, nur als Beispiel, 21 Jahre lang bekleidet hat? Amtsmüdigkeit hat zumindest äußerlich keiner an Kardinal Marx wahrgenommen; von gesundheitlichen Problemen ist nicht einmal entfernt die Rede. Und wenn er auf sein Alter verweist: Mit derzeit 66 Jahren gehört er in seinem Kreis noch lange nicht zu den potenziellen Ruheständlern. Das würde er erst mit 75, als Kardinal mit 80 Jahren. Er wolle eben, schreibt Marx, „wieder stärker“ in seinem Erzbistum München präsent sein. An der Spitze der 69 deutschen Diözesan- und Weihbischöfe solle sich ein anderer versuchen: „Ich finde, es sollte die jüngere Generation an die Reihe kommen. Vielleicht ist es auch gut, wenn es häufiger einen Wechsel in dieser Aufgabe gibt.“
„Kirche in der Existenzkrise“
Dieser Wechsel aber kommt zu einem heiklen Zeitpunkt: Gerade hat sich die katholische Kirche in Deutschland, Bischöfe und sogenannte Laien gemeinsam, auf einen Synodalen Weg begeben, um aus der Missbrauchskrise neu zu starten und die eigenen, möglicherweise sündigen Strukturen zu überdenken. Marx, der die Kirche in einer „Existenzkrise“ sieht, hat den Reformprozess angestoßen und ihn regelrecht durchgeboxt: gegen Widerstände im Vatikan ebenso wie gegen die Erzkonservativen unter den deutschen Bischöfen, die sich um den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki scharen.
Der teils menschenverachtenden Kritik, der sich Marx aus dieser Ecke seit Jahren ausgesetzt sieht, begegnete er bisher immer recht cool: „Ich schluck’s runter“, sagte er. Aber verhehlen kann er seinen Ärger nicht immer. Etwa vor zwei Jahren, als die Deutsche Bischofskonferenz mit Zweidrittelmehrheit beschloss, dass prinzipiell auch Evangelische in Einzelfällen zur katholischen Kommunion gehen dürfen, und sich hernach sieben Bischöfe, ohne ihren Vorsitzenden zu informieren, im Vatikan beschwerten. Unter diesen sieben waren auch noch fünf Bischöfe aus Bayern – also auch aus dem eigenen Sprengel. Und wie die Mehrheitsverhältnisse unter den Bischöfen überhaupt sind, wird erst bei der Wahl von Marx‘ Nachfolger zutage treten.
Als Westfale in Bayern angekommen
Eigentlich hätte der geborene Westfale, der sich mit seiner barocken Natur in Oberbayern pudelwohl fühlt und bei seinen Reisen über Land auch Empfänge mit Blasmusik und Schweinsbraten als „nicht unangenehm“ empfindet, seinen Rückzug ohne Weiteres mit Überarbeitung begründen können. In München ist durchaus zu hören, der Erzbischof tanze auf zu vielen Hochzeiten. Von Papst Franziskus 2013 in den Kardinalsrat zur Kurienreform berufen und später auch zum Chef des vatikanischen Wirtschaftsrats, hält sich der Sozialethiker und Kapitalismus-Kritiker Marx häufig in Rom auf. Wenn er jetzt erklärt, er wolle sich mehr dem „Strategieprozess“ zur Reform der Erzdiözese München widmen, den er in Zeiten steigender Kirchenaustritte – München liegt da auch noch an der Spitze in Deutschland – angestoßen hat, dann reagiert Marx auch auf diese zwar leise, aber beständige Kritik.
Und auch wenn Marx auf seinem Weg zu einer offenen, zu einer „vielfältigen und nicht einlinigen Kirche“ bisher viel Debattierfreude gezeigt hat: In München muss er einfach nicht mehr so viel diskutieren. Da ziehen alle mit – ganz anders als in der Bischofskonferenz.