Karl Haidle aus Kernen Ein Urgestein geht ins 108. Lebensjahr

So kennen Karl Haidle viele – eine Aufnahme von 2019. Foto: Brigitte Hess/Archiv

Kernens ältester Bürger Karl Haidle hat an diesem Freitag Geburtstag. Sein Lebenswille ist noch immer groß, nur der Aktionsradius wird kleiner. Bis zu seinem 100. Geburtstag war er regelmäßig im Weinberg und fuhr auch noch Auto.

Er ist mutmaßlich der älteste Bürger im Rems-Murr-Kreis: Karl Haidle aus Kernens Ortsteil Stetten wird an diesen Freitag 107 Jahre alt. In Fellbach gibt es eine 106-Jährige. In Winnenden leben zwei Frauen und ein Mann mit jeweils 102, in Schorndorf gibt es zwei 101-Jährige und in Waiblingen eine Bürgerin mit 104 Jahren.

 

Beim vorigen Geburtstag war er noch recht mobil, nun kann Karl Haidle morgens nicht mehr alleine aufstehen, sein Schwiegersohn Manfred Gerlich hilft ihm in den Rollstuhl. „Ich richte ihm sein Frühstück.“ Dann liest Karl Haidle den Vormittag über die Zeitung. „Dieses Ritual ist ihm sehr wichtig“, sagt Gerlich. Das Mittagessen bekommt der Senior geliefert. Nach einem Mittagsschläfchen schaue er viel aus dem Fenster und beobachte, was in den Weinbergen vor sich geht. „Heute ist ja gar niemand da“, wundert sich Haidle manchmal, der bis zu seinem 100. Geburtstag fast täglich im Wengert gearbeitet hat und auch so lange Auto gefahren ist. Dass die Wengerter in den vergangenen Wochen viel bewässern mussten, ist Karl Haidle natürlich nicht entgangen.

Viele Geschichten aus alten Zeiten

„Er fühlt sich weder einsam, noch klagt er über das Alter oder seine Situation“, bewundert Manfred Gerlich den 1915 geborenen Stettener. Aktuelles könne sich Haidle nicht mehr so gut merken, aber von alten Zeiten und vor allem von dramatischen Kriegserlebnissen erzähle er oft und gerne. „Ich habe das ja schon hunderte Male gehört“, sagt Gerlich, der trotzdem geduldig zuhört. Auch seine Enkel und Urenkel besuchen den ältesten Bürger Kernens gern.

Die Möglichkeit, einen dreistelligen Geburtstag feiern zu können, ist statistisch übrigens enorm gestiegen. Bei Menschen, die um das Jahr 1900 geboren wurden, betrug die Chance, dass sie ihr 100. Lebensjahr erreichen, etwa ein Prozent. Prognosen zufolge werden von denen, die in Deutschland um das Jahr 2000 geboren sind, mehr als die Hälfte den 100. Geburtstag erleben.

Der Stettener Eberhard Kögel, der zum 100. Geburtstag mit dem Verein Almende einen Film über Karl Haidle gedreht hat, stattet auch ab und an einen Besuch ab und unterhält sich mit ihm über alte Zeiten und ehemalige Weggefährten. Unter den Stichworten „Karl Haidle Hondert“ ist der Film online bei Youtube zu finden. Den wachen, knitzen Blick, mit dem Haidle aus stahlblauen Augen damals in die Welt geschaut hat, habe er immer noch, sagt Manfred Gerlich. Ein aktuelles Foto müsse aber nicht sein. „Ich glaube nicht, dass Karl das will“, sagt er.

Ab und zu ein Schnäpsle oder Viertele, von dem Karl Haidle noch vor wenigen Jahren als „Medizin“ sprach, trinke er inzwischen nicht mehr. Aber vom Essen her vertrage er alles, und Medikamente nehme er so gut wie keine, der Arzt verschreibe Vitaminpräparate, verrät Manfred Gerlich. Und, wen wundert es mit Blick auf das stolze Alter: Am Abend hilft jemand vom Pflegedienst, und gegen 22 Uhr geht der Alterskönig von Stetten in der Regel ins Bett.

Wie alt kein ein Mensch werden?

Apropos Alterskönig: In den vergangenen Jahrzehnten ist die Zahl der Hochbetagten stetig angestiegen. Laut statistischem Bundesamt lebten in Deutschland im vergangenen Jahr 23 513 Menschen, die 100 Jahre oder älter waren, zwei Drittel davon Frauen. Als Maximalalter, das ein Mensch erreichen kann, wird momentan 125 Jahre angesehen. Ob das Karl Haidle anstrebt? „Sein Radius ist halt klein geworden, aber das ist ja normal und fängt bei anderen viel früher an“, sagt Manfred Gerlich – der inzwischen auch schon 70 ist. So lange es möglich ist, will er Karl Haidle zu Hause betreuen.

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