Bei Karstadt ist der Unternehmenschef Andrew Jennings gegangen, der eigentlich die Sanierung bis 2015 verantworten sollte. Der Investor Nicolas Berggruen (Foto) scheint für die Zukunft des angeschlagenen Konzerns kein Konzept zu haben.

Mitten im Umbau zu einem neuen Warenhauskonzern mit frischem Image hat Karstadt-Chef Andrew Jennings das Handtuch geworfen. Der Engländer wird die Leitung des deutschen Traditionshauses Ende des Jahres auf halber Strecke abgeben. Um sein Konzept „Karstadt 2015" zu verwirklichen, hätte er noch weitere zweieinhalb Jahre gebraucht. Die angefangene Arbeit muss nun ein anderer zu Ende bringen. Nicolas Berggruen, der Eigentümer von Karstadt, sucht einen neuen Geschäftsführer. Die Zukunft des Warenhauskonzerns steht wieder auf dem Spiel. Die Arbeitnehmer bangen erneut um ihre Stellen. Aber auch für Berggruen geht es um viel. Mit Karstadt steht und fällt sein Ruf als seriöser Investor.

Im Sommer 2010 hatte der jetzt 51jährige deutsch-amerikanische Milliardär Karstadt aus der Insolvenz übernommen - für einen Euro und fast ohne Schulden. Er konnte sich gegen zwei andere Investoren durchsetzen, weil er den Arbeitnehmern versprochen hatte, keine Häuser zu schließen, keine Arbeitsplätze zu streichen und den Konzern nicht zu zerschlagen. Die Gewerkschaft Verdi setzte sich für ihn ein, Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen war von ihm begeistert. Die damals noch rund 24  000 Beschäftigten feierten ihn als Retter und er selbst sah sich als Arbeiter für Karstadt, der sich langfristig engagieren und dabei auch etwas Gutes für Deutschland tun wollte. Heute schmähen die Arbeitnehmer und Gewerkschafter ihn als Lügner und Abzocker. Wie konnte es so weit kommen?

Kein netter Kerl, sondern ein knallharter Geschäftsmann

Berggruen war als freundlicher Investor begrüßt worden. Er sieht auch so aus und kann so reden. Ein netter Kerl ist er trotzdem nicht, sondern ein knallharter Geschäftsmann. Investieren wollte er bei Karstadt bisher eher nicht. Der Konzern sollte neu ausgerichtet werden, mit renovierten Filialen und einem anderen Sortiment mit vielen neuen Marken und Lieferanten. Das Geld dafür sollten die Mitarbeiter selbst verdienen. Investiert werden sollte aus den laufenden Einnahmen. Berggruen gab nur einen Überbrückungskredit von 65 Millionen Euro, der inzwischen samt Zinsen zurückgezahlt worden ist. Mehrere Millionen Euro muss Karstadt ihm angeblich jedes Jahr für den eigenen Namen zahlen. Wie berichtet wird, hatte er die Rechte daran für einmalig fünf Millionen Euro erworben und kassiert nun jährlich einen höheren Betrag dafür. Wie das Geld versteuert wird, liegt im Dunkeln. Karstadt gehört nämlich einem Fonds auf den British Virgin Islands, wie „Bild am Sonntag" berichtet, und das ist eine der berüchtigten Steueroasen der Erde.

Wenn frisches Geld hilfreich sei, stünde er mit eigenen Mitteln bereit, sagte Berggruen in der vergangenen Woche. Offenbar ist er aber nicht davon überzeugt, dass es etwas hilft. Von einer Finanzspritze ist bisher nichts bekannt. Nun geht auch der Vorstandsvorsitzende, in den Berggruen große Hoffnungen gesetzt hatte. Er hatte sich in Großbritannien und in Südafrika als Sanierer von Handelsunternehmen bewährt und auch bei Karstadt einen radikalen Umbau eingeleitet. Warum er geht, bleibt ungewiss. Berichte, er habe sich mit Berggruen über die Finanzierung gestritten, wurden von Karstadt dementiert.

Die Harmonie war schon länger aufgekündigt

Die Harmonie mit den Beschäftigten hatte Jennings im Jahr 2012 aufgekündigt, als er beschloss 2000 Vollzeitstellen zu streichen. Im vergangenen Monat gab er bekannt, dass Karstadt in der nächsten zwei Jahren keine Tariferhöhung gewähren werde. Die Arbeitnehmer sind wütend. Sie hätten in den vergangenen Jahren auf 650 Millionen Euro verzichtet, rechnet Verdi vor. Davon entfallen 150 Millionen auf einen Sanierungsvertrag, den noch der Insolvenzverwalter mit der Gewerkschaft abgeschlossen hatte. Berggruen greift seinerseits die Gewerkschafter an und wirft ihnen vor,sie wollten ihre Macht erhalten.

Dass der Friede dahin ist, liegt auch an der schwierigen Lage von Karstadt. Der Umsatz ist in den vergangenen Monaten gesunken. Es kommt offenbar nicht genug Geld in die Kasse, um alle notwendigen Investitionen rechtzeitig zu finanzieren. Das Ziel, bis 2015 den Umsatz auf 3,5 Milliarden Euro zu steigern, rückt in die Ferne. Ein Gutachten kommt zu dem Ergebnis, dass Karstadt 5000 Mitarbeiter entlassen müsste, um auf die gleiche Produktivität zu kommen, wie der Konkurrent Kaufhof. Doch Berggruen mischt sich nicht in das operative Geschäft ein. Lieber gibt er Politikern Ratschläge, wie sie gut regieren können. In Berlin stellte er in der vergangenen Woche sein neues Buch vor, in dem er östliche und westliche Regeln kombiniert. Damit hofft er, zu einer nachhaltigen Wirtschaft zu finden. Karstadt ist für Berggruen nur eine Nebenbeschäftigung. Er hat sein Geld mit dem Verkauf von Hedgefonds gemacht, investiert jetzt aber lieber in handfeste Unternehmungen. Er hat auch eine Stiftung für wohltätige Zwecke gegründet. Rastlos fliegt er im eigenen Jet um die Welt - ohne festen Wohnsitz. Er wohnt in Hotels, in Berlin meistens im Regent.

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