Katastrophenschutz in Ludwigsburg THW kann sich vor Helfern kaum retten

Gerhard Kratt (rechts) hat als THW-Chef in Ludwigsburg viel bewegt. Er übergibt das Amt an Marcel Finzer. Foto: Simon Granville

Die Grundausbildung beim Technischen Hilfswerk im Kreis Ludwigsburg ist beliebt. Derzeit gibt es eine lange Warteliste. Was sind die Gründe dafür?

Ludwigsburg: Oliver von Schaewen (ole)

Das Technische Hilfswerk im Landkreis Ludwigsburg kann sich vor ehrenamtlichen Bewerbern derzeit kaum retten. Allein beim THW-Ortsverband in der Kreisstadt warten rund 30 Interessierte auf einen Platz in der Grundausbildung, in Bietigheim-Bissingen sind es zehn. Die Ausbildungsplätze sind begehrt. Warum das seit etwa drei Jahren verstärkt der Fall ist – dafür gibt es mehrere Erklärungen.

 

Nur sechs oder sieben Personen können ausgebildet werden

Die THW-Helfer tauchen mit ihren blauen Fahrzeugen im Katastrophenfall auf. Das kann eine Überflutung wie im Ahrtal im Juli 2021 sein, aber auch ein entgleister Zug oder ein Großbrand, den die Feuerwehren alleine nicht bewältigen. „Unglücke und Kriege halten das Bewusstsein hoch, dass geholfen werden muss und dass der eigene persönliche Einsatz gefragt ist“, sagt Gerhard Kratt, der die Ortsgruppe in Ludwigsburg seit 24  Jahren leitet. Kratt freut sich über die vielen Bewerbungen – leider könne der THW in einer der etwa sechs- bis neunmonatigen Ausbildungen nur sechs oder sieben Personen ausbilden.

Die meisten Bewerber kommen laut Kratt, weil sie merken, dass sie Zeit haben und sich im Ehrenamt engagieren wollen, um den Freiraum sinnvoll zu füllen. Das könnten sie in ähnlicher Weise auch bei der Feuerwehr, doch belaste die ständige Bereitschaft. „Es ist ein Unterschied, ob der Piepser fast täglich erklingt oder im Abstand von einigen Wochen“, sagt der 71-Jährige, der bei seinem THW-Einstieg im Jahr 1970 erst den Beruf des Maurers erlernt hatte und dann Bauingenieur werden wollte.

In der Ausbildung beim THW lernt man vieles Nützliches

Wie viele andere, die keinen Wehrdienst absolvieren wollten, verpflichtete sich Gerhard Kratt für zehn Jahre beim THW. „Die Ausbildung hat mir viel ermöglicht – ich lernte Metall zu schweißen und später sogar, Gebäude zu sprengen“, sagt der Ortsbeauftragte für Ludwigsburg im Rückblick dankbar. Am Freitag übergibt er die Leitung der aktuell etwa 80 Mitglieder starken Gruppe an seinen Stellvertreter Marcel Finzer.

Die Sprengerlaubnis ist nur ein Extrembeispiel für das, was im Ehrenamt beim THW im Laufe einer weiteren Spezialisierung erlernbar ist. Eine Funker-Ausbildung oder ein Kurs über die psychosoziale Betreuung nach schweren Unfällen gehören zum Repertoire der Grundausbildung. Selbst wer handwerklich nicht begabt ist, lernt beim THW das Einmaleins, um Werkzeuge zu bedienen. „Wir hatten schon Leute hier, die haben einen Akkuschrauber angeschaut, als ob der vom Mond käme“, sagt Jörg Schulze, der in Bietigheim-Bissingen den THW-Ortsverband leitet. Nachwuchsprobleme kennt der Verein dort nicht. Bei 55 Mitgliedern, 20 Jugendlichen und einer zehnköpfigen Mini-Gruppe kommt keine Langeweile auf.

Wer hilft, muss mehrere Tage am Unglücksort ausharren können

Warum sich derzeit so viele Menschen dem THW anschließen? Eine eindeutige Erklärung haben Schulze und Kratt nicht. Es gebe immer Wellen, seit etwa drei Jahren gebe es den Trend, dass mehr Leute anfragten: „Wir hatten auch schon mal 45 Personen auf der Warteliste“, sagt Kratt. Eine Rolle spiele die Präsenz des THW in Krisengebieten wie im Erdbebengebiet in der Türkei im Februar 2023. Wer beim THW hilft, müsse auch mal mehrere Tage an Unglücksorten ausharren.

Im Ernstfall hilft die Ludwigsburger Gruppe besonders bei Hochwasser

Die Ludwigsburger Gruppe nimmt wie jede einzelne Ortsgruppe des Technischen Hilfswerks eine bestimmte Rolle ein. Ihr Spezialgebiet ist der Kampf gegen Überflutungen. So bringen sie Hochwasserpumpen und Notstromaggregate von ihrem Standort am Alten See in Ludwigsburg-Grünbühl mit.

Das Hochwasser an der Glems bleibt in Erinnerung

Auch wenn es im Landkreis Ludwigsburg nie zu ganz großen Katastrophen gekommen ist, so sind die Helfer doch auch schon hier gefragt gewesen. Etwa, als im Juli 2010 die Glems zwischen Ditzingen und Markgröningen über die Ufer trat und massive Schäden anrichtete. Aber auch die Hochwasser an der Oder ebenfalls 2010 und an der Elbe 2002 beschäftigten die Helfer aus der Barockstadt.

Beim Blick in die Zukunft wird Gerhard Kratt nicht bange. „Der Fuhrpark ist auf dem neuesten Stand“, sagt er. Und auch die Jugendgruppe mit derzeit 20 jungen Leuten im Alter von zehn bis 17 Jahren floriere. Sollte eines Tages die Wehrpflicht wieder eingeführt werden, würde Kratt den jungen Menschen, die stattdessen zum THW gehen wollen, wieder ins Gewissen reden. „Zehn Jahre Dienst sind eine lange Zeit – das sollte man sich schon genau überlegen.“

Katastrophenschutz-Zentrum soll in Asperg gebaut werden

Das Bietigheimer THW tritt im Ernstfall als Versorgungseinheit mit Zelten und Verpflegung auf den Plan. Auch kann die Gruppe 20 Boote zu Wasser bringen, um Menschenleben zu retten. Eingesetzt habe man sie noch nie, erzählt Jörg Schulze. Angesichts der jüngsten Krisen und Blackout-Gefahren eines Stromausfalls will der Landkreis Ludwigsburg wieder ein Katastrophenschutz-Zentrum eröffnen und plant es in Asperg.

Der Landesverband des Technischen Hilfswerks bestätigt den Trend, der sich in den beiden Ortsverbänden im Kreis Ludwigsburg abzeichnet. Nicht jeder Ortsverband habe einen gleich hohen Zulauf, aber die Mitgliederzahlen steigen, auch auf der Ebene der Region Stuttgart, berichtet Torben Kranz von der THW-Regionalstelle. „Ich kenne keinen Ortsverband, der über Nachwuchsmangel klagt.“

Wie groß ist das Interesse auf Landesebene?

THW-Mitgliederzahl
 Der Landesverband Baden-Württemberg bestätigt den steigenden Trend seit den Coronamaßnahmen im Jahr 2020. Traten in den Jahren 2018 circa 850 und ein Jahr später rund 900 neue Mitglieder den Ortsverbänden bei, so waren es im Jahr 2022 rund 1100. Den Höchststand erreichten die Beitritte im Jahr der Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 mit landesweit rund 1200 neuen THW-Mitgliedern.

Stadt-Land-Gefälle
 In Ballungsgebieten wie der Region Stuttgart gibt es keine Nachwuchssorgen, in ländlichen Gebieten schon, teilt ein THW-Sprecher mit. Bundesweit arbeiten rund 85 000 Mitglieder mit.  

Weitere Themen

Weitere Artikel zu THW Ludwigsburg Bietigheim-Bissingen