Stuttgart - Das Gespräch findet per Teams im Badezimmer von Kateryna Mishchenkos Wohnung in Kiew statt. Vor der Tür hat ihr Mann gerade eine Besprechung. Sie ist in Eile. Gerade treffen Nachrichten ein, dass im Umland der ukrainischen Hauptstadt schon gekämpft werde. Alles ist ungewiss.
Frau Mishchenko, wie geht es Ihnen gerade?
Heute früh haben mich Sirenen geweckt. Ich habe von einem Tsunami geträumt und mich im Schlaf gefragt, warum diese Riesenwelle in der Ferne so ein komisches Geräusch macht. Alarm ist ein gutes Wort für die Beschreibung der heutigen Realität. Die Alarmisten haben Recht gehabt, die Alarmsirenen haben eine neue Welt angekündigt. Letzte Woche war es für mich noch unvorstellbar, dass auch Kiew angegriffen werden könnte. Seit 2014 leben wir hier in dem Gefühl, dass es zwar diese „Volksrepubliken“ gibt, im Rest der Ukraine aber Frieden herrscht. Diese Gewissheit gibt es nun nicht mehr.
Putin hat seine militärischen Übergriffe in einer Rede über die gemeinsame Geschichte wenn man so will auf kulturellem Gebiet vorbereitet. Die Ukraine sei nur von Russland erschaffen worden, unabdingbarer Teil der russischen Geschichte und Kultur.
Als ich Putins Rede gehört habe, musste ich an viele Dinge denken, aber nicht an Geschichte. Es ist eine sehr freie Interpretation der Vergangenheit, die nur den einen Zweck hat, die Invasion zu rechtfertigen. Und sie ist so absurd, wie der Angriff, den sie vorbereitet. Beides lässt sich rational nicht erklären. Was Putin vorgetragen hat, ist das Konzentrat einer Propaganda-Rhetorik, die ich seit Jahren höre: Dass der Westen die Ukraine von außen steuert, dass die russischsprachige Bevölkerung verfolgt wird, dass die Ukraine ein gespaltenes Land sei.
Das kann man auch in westlichen Medien lesen.
Über verschiedene Akteure und Think Tanks sind diese Narrative tief eingedrungen: in den Journalismus, die Kultur, Politik und die Politikwissenschaft. Das dient immer wieder zur Erklärung, dass alles nicht so einfach sei, der Konflikt im Osten ein ziviler. All das findet sich in der Rede, selbst die Geschichte über eine sehr korrupte Ukraine, obwohl Russland in den Rankings von Transparency International einige Plätze hinter ihr rangiert.
Putin war sehr erregt.
Es war eine sehr affektive Rede, voller Ressentiment. Für mich ist nicht leicht nachzuvollziehen, woher diese extremen Gefühle der Ukraine gegenüber kommen. Ich musste an dieses vulgäre Lied denken, das Putin vor einigen Wochen zitiert hat: „Ob es dir gefällt oder nicht, meine Schöne, du musst es erdulden.“ Diese Zeilen stehen in einem nekrophilen Zusammenhang, es wird ein totes Mädchen besungen. Putin ist von der Ukraine besessen, aber mir kommt es so vor, als könne er sie nur akzeptieren, wenn sie tot ist. Er meint, alles, was wir sind, wurde uns von Russland geschenkt, wir sind in seinen Augen ein Parasitenvolk, das nicht existieren darf. Das ist eine ziemlich faschistische Vorstellung von einer Nation und einer Gesellschaft.
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Haben Sie dafür eine Erklärung?
Putin führt einen Krieg gegen die Zeit. Es geht ihm um eine Zukunft, in der er nicht mehr regiert, politisch und physisch. Er ist siebzig und steht vor einer großen Herausforderung: Seit dem Zerfall der Sowjetunion gab es in Russland keine demokratisch legitimierte Machtübergabe. Die Alternative Nawalny sitzt im Lager. Putin sieht keine Möglichkeit, sich mit legalen Mitteln ohne Fälschungen und Repressionen zu legitimieren. Er projiziert seine Angst vor der Zukunft auf die Ukraine. Ein Land, in dem es gesellschaftlichen Widerstand gibt und einen durch Wahlen geregelten demokratischen Prozess, ist ihm ein Grauen.
Was will er?
Er will ewig sein. Er ist einer der reichsten Menschen der Welt, regiert ein so riesiges Land und hat gleichzeitig panische Angst, in seiner Banalität, Schwäche und Kleinheit entlarvt zu werden. Dass Nawalny den verrückten Größenwahn seines protzigen Palastes am Schwarzen Meer enthüllt hat, traf ihn schwer. Was Putin sehr beschäftigt, sind die Bilder gefallener Autokraten. Assad hat sich eine Zeitlang in Russland aufgehalten, Lukaschenko pilgert regelmäßig zu ihm, er versucht, allen Diktatoren ein Obdach zu geben. Ihm ist vermutlich ziemlich bewusst, dass sein Ende nicht ruhig auslaufen könnte.
Gibt es Leute, bei denen der Appell an die gemeinsamen Wurzeln verfängt?
Ich kenne niemand, vielleicht gibt es sie. Aber die Rede hatte in meinen Augen vor allem eine suggestive Funktion: Sie ist der Versuch, sich selbst zu überzeugen. Putin versteht die heutige Ukraine nicht. Er glaubt, es gäbe hier eine nostalgische Verklärung der Vergangenheit in einer russischen oder sowjetischen Familie. Doch in der Ukraine wissen die Menschen inzwischen, dass von ihnen etwas abhängt, dass sie politisch etwas bewirken können, dieses Bewusstsein macht die Identität der modernen Ukraine aus. Und das ist für jemand wie Putin die größte Bedrohung. Die Gesellschaft als Akteur existiert für ihn nicht, undenkbar, dass sie über ihr Schicksal selbst entscheidet. Deshalb kann in seinen Augen die Maidan-Revolution nur von den Amerikanern inspiriert sein. Die regierungskritischen Proteste in Russland 2011 haben ihn aufgescheucht, auch die Nawalny-Demonstrationen. Aber in den letzten Jahren, hat er ja gut gelernt, wie man das Ganze gewaltsam verhindern kann.
In der Rede erwähnt er einen fiktiven Genozid an der russischsprachigen Bevölkerung, was in seiner Geschichtsstunde aber nicht vorkommt, ist der sogenannte Holodomor. Im Zuge der von Stalin verordneten Zwangskollektivierung verhungerten Anfang der Dreißigerjahre viele Millionen von Ukrainern.
Natürlich wurde Holodomor nie anerkannt. Als Nachfolger der Sowjetunion lagern in Russland viele Dokumente über die Ukraine, die uns nicht zugänglich sind. Es gab viele Manipulationen und Lobbyarbeit, so dass der Holodomor auch im internationalen Kontext nie ausreichend diskutiert wurde. Was wir gerade erleben, ist eine umfassende Revision: Sie betrifft Territorien und die sowjetische Geschichte, die umgeschrieben und verdrängt wird. Im Dezember wurde die Internationale Gesellschaft für historische Aufklärung Memorial vom obersten Gericht aufgelöst. Historiker landen im Lager. Jeder Versuch, sich mit der Vergangenheit kritisch auseinanderzusetzen wird kriminalisiert. Putins Krieg gegen die Zeit versucht Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in ein Chaos zu stürzen.
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Putin verschiebt die Grenzen in der symbolischen Ordnung, in einem Bereich, in dem Sie selbst arbeiten, was kann Kunst und Literatur dem entgegensetzen?
Wir müssen mit allen Mitteln versuchen, die Ukraine präsenter zu machen: durch gemeinsame Forschungen, Projekte – mit allen möglichen west- und osteuropäischen Partnern. So kann man gemeinsame Räume schaffen. Die Ukraine hat viele historische und kulturelle Bindungen, nicht nur zu Russland: zur Türkei, zu Griechenland, sie ist ein vielfältiges Land. Und seit 2014, den Maidan-Protesten, hat sie ein viel klareres Bewusstsein über sich selbst. Wir brauchen eine richtige Integration auf sehr vielen Ebenen, dass das Land nicht länger als dieses komische Territorium erscheint, das selbst nicht weiß, wohin es gehört, das der Westen und Russland unter sich aufteilen. Aber das ist eine langfristige Aufgabe.
Wird nun alles zerstört, was sich entwickelt hat?
Fragen Sie die Menschen in Donezk. Da gab es auf dem Gelände einer ehemaligen Fabrik ein blühendes Kulturzentrum. Jetzt betreiben die Separatisten darin ein Folterzentrum. Den ganzen Fortschritt, alle Erfolge kann der Krieg zunichte machen.
Es gibt hier Kreise, die dem Westen und der Nato die Schuld an der Entwicklung geben. Man habe Russland gedemütigt und in die Enge getrieben. Wie kommt so etwas bei Ihnen an?
Ich war 2014 auf dem Maidan. Ich habe damals zum ersten Mal eine richtige politische Erfahrung gemacht. Es gibt Theorien und Positionen, die diesen Theorien entsprechen. Aber die Praxis ist komplexer. Es ist natürlich einfach, irgendwo im Westen einigermaßen gesichert zu sitzen, und über die Faschisten auf dem Maidan zu theoretisieren, über Russland, das oppositionell zum imperialen Westen steht. Das ist sehr bequem, man muss nichts tun, man muss sich nicht solidarisieren, nicht in die Geschichte eines Landes vertiefen, das unbekannt ist. Ganz abgesehen davon, dass es für manche Politiker sicher auch eine Möglichkeit ist, sich von Russland unterhalten zu lassen.
Es gibt rechte Putinversteher, was nicht weiter erstaunt, aber was treibt die Linke um?
Ich glaube, dass viele Linke noch nicht wahrgenommen haben, was die heutige Welt ist. Viele Positionen und Diskurse müssen sich erst neu bilden: Es ist nicht mehr der Kalte Krieg, und auch ’68 ist vorbei. Die Verhältnisse haben sich verändert. Wir leben in einer anderen Realität. Man kann Putin nicht unterstützen, nur weil er Nato-kritisch ist. Das ist ein sehr primitives Denken. Ich habe das Gefühl, dass die Linken, die heute so sprechen, politisch keine Zukunft haben. Vielleicht ist das für sie eine ähnlich unangenehme Perspektive wie für Putin. Deshalb beharren sie so sehr auf dem, was sie schon seit Jahrzehnten sagen.
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Was fordern Sie von Deutschland? Von Europa?
Das ist schwer zu sagen. Ich würde mir mehr Verständnis für das wünschen, was da gerade passiert, für die Täuschungen, die vor acht Jahren verbreitet wurden. Man ist der irrationalen Kreml-Logik zu lange auf den Leim gegangen. Ich hoffe, dass man mit Verhandlungen und Sanktionen noch etwas erreichen kann. Aber die Kriegsmaschine ist wohl zu aufgeheizt, als dass sie sich noch stoppen ließe. Wir sind der Entwicklung ausgeliefert. Bei diesem Prozess ist die einzige Taktik Solidarität.
Was können wir tun?
Immer wenn ich mit Menschen aus dem Ausland spreche, frage ich mich, was wird in einem Monat sein? Wird das, was ich sage, in irgendeinem Archiv weiterleben, wenn ich schon woanders oder tot bin? Diese Fragilität ist sehr traurig. Aber man darf bei all dem nicht vergessen, dass die Menschen doch Möglichkeiten haben, einzuwirken, zu entscheiden. Es ist wichtig, dass die Gesellschaft auch aktiv wird, nicht nur Politik und Diplomatie. Ich wünschte mir von der deutschen Zivilgesellschaft, dass sie sich auf allen denkbaren Ebenen für die Ukraine einsetzt und sie, wo es geht, unterstützt. Das wäre ungeheuer wichtig. Und ich wünsche mir eine aktive Position der russischen Gesellschaft, obwohl ich weiß, wie schwierig das dort ist. Man muss der Spirale der Gewalt etwas entgegensetzen. Es ist schmerzhaft und gefährlich, aber solche Handlungen können die Geschichte ändern.
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Zur Person
Verlegerin
Kateryna Mishchenko wurde 1984 in Poltawa geboren. Sie ist Schriftstellerin, Verlegerin und Übersetzerin und lebt in Kiew. Sie war Herausgeberin von „Prostory“, einer Zeitschrift für Kunst, Literatur und Gesellschaftskritik. Zudem ist sie Mitbegründerin des ukrainischen Verlags Medusa und Mitautorin des Buches „Ukrainian Night“.
Essayistin
Ihre Essays erscheinen in internationalen Zeitungen und in der Anthologie „Euromaidan: Was in der Ukraine auf dem Spiel steht“ (Suhrkamp, 2014)