Katholische Kirche Esslingen Kirche sucht Wege aus dem Krisenmodus

Ein Zentrum kirchlicher Arbeit soll im ehemaligen Gebäude der Eßlinger Zeitung nahe dem Münster St. Paul entstehen, erklären Pfarrer Stefan Möhler (Mitte) sowie Sabine Clephas und Matthias Vetter vom Gesamtkirchengemeinderat Esslingen. Foto: Roberto Bulgrin

Die katholische Gemeinde Esslingen hat ein Konzept zum Umgang mit Mitgliederschwund und Finanzproblemen erstellt. Es sieht auch Einschnitte im pastoralen Leben einzelner Kirchengemeinden vor. Was genau ist geplant?

Reporterin: Simone Weiß (swe)

Die katholische Kirche Esslingen möchte über den eigenen Kirchturm hinausblicken. In Reaktion auf Austritte, Mitgliederschwund und sinkende Einnahmen aus der Kirchensteuer hat sie ein Konzept erstellt, das 2025 zur Umsetzung kommen soll. Drei Standorte sollen im Stadtgebiet gestärkt werden, die einzelnen Kirchengemeinden müssen mit Einschnitten rechnen.

 

Auch die Kirche hat ihr Kreuz zu tragen. Sie hat immer weniger Mitglieder. Die Zahl der Gläubigen ist in Esslingen innerhalb von drei Jahren um etwa zehn Prozent gesunken, rechnet der katholische Stadtpfarrer Stefan Möhler vor: Im Jahr 2019 gehörten noch etwa 20 500 Personen der Gesamtkirchengemeinde an, im Vorjahr waren es noch ungefähr 17 500 Menschen: „Eine Trendänderung ist nicht in Sicht.“ Infolge der schwindenden Mitgliederzahlen könnten Ehrenamtliche und Kandidaten für Kirchengemeinderatswahlen schwerer gewonnen werden, und bereits kirchlich Engagierte würden sich zunehmend überfordert und überlastet fühlen.

Drei Standorte im Stadtbezirk

Außerdem würden die Einnahmen aus Kirchensteuern zurückgehen, während die Kosten stark ansteigen würden, führt Stefan Möhler aus. So sei der Sanierungsaufwand bei kircheneigenen Gebäuden im Bereich Sicherheit und Energie enorm. Rückläufig ist nach Angaben des Pfarrers auch die Zahl der Seelsorger. 2012 waren es in Esslingen noch zwölf, verblieben sind im Vorjahr sieben. Bis 2030 werden es wohl noch vier sein: „Es ist ein Umbruch von einer Volkskirche hin zu einer Kirche mit einer überschaubaren Zahl an Mitgliedern.“

Doch die katholische Kirche Esslingen möchte heraus aus dem Krisenmodus. In zweijähriger Vorarbeit, erklären Matthias Vetter und Sabine Clephas, beide Vorsitzende des Gesamtkirchengemeinderats, wurde ein Konzept durch das pastorale Team, Kirchengemeinderäte und Mitarbeitende aufgestellt. Das Papier sieht die Schaffung dreier lokaler Standorte kirchlicher Arbeit mit unterschiedlichen inhaltlichen Schwerpunkten im Stadtbereich vor.

Treff mit Infopoint

Der Fokus soll einmal unter der Überschrift „Kirche für die Stadt“ auf die City gerichtet werden. Das ehemalige Gebäude der Eßlinger Zeitung in zentraler Lage am Marktplatz 6 beim katholischen Münster St. Paul wird nach jetziger Planung für Kosten „im siebenstelligen Bereich“ saniert, umgebaut und barrierefrei gestaltet. Im Erdgeschoss ist nach der Baumaßnahme die Einrichtung eines offenen Treffs geplant, in dem Menschen in zwangloser Atmosphäre zu Gesprächen, Austausch und Begegnung zusammenkommen können. Eingerichtet werden soll laut Matthias Vetter zudem ein Infopoint. An diesem Schalter sollen Besucher sich über kirchliche Angebote erkundigen, Räume für Veranstaltungen mieten oder Anmeldungen etwa zu Taufen abgeben können. Der offene Treff soll laut Stefan Möhler möglichst täglich geöffnet sein. So könnten Menschen etwa samstags nach dem Besuch des Wochenmarkts oder sonntags nach dem Gottesdienst vorbeischauen. Die Servicezeiten hingen auch von der Anzahl der zu gewinnenden Mitarbeiter ab. Im ersten Stock des Gebäudes werde das pastorale Team einziehen und das Pfarrbüro eingerichtet.

Ein zweiter Standort ist bei St. Elisabeth in der Pliensauvorstadt angedacht. Durch die Grünanlagen, die vorhandene Infrastruktur und den bestehenden Spielplatz sind dieses Areal und die Gebäude nach Ansicht der Verfasser des kirchlichen Konzepts vor allem für die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und jungen Familien geeignet. Unter dem Titel „Familienkirche“ können sich die Verantwortlichen hier nach baulichen Umgestaltungsmaßnahmen familiengerechte Gottesdienste, Eltern-Kind-Treffs, Betreuungsmöglichkeiten oder Indoor-Veranstaltungen vorstellen. Am dritten ausgewählten Standort kirchlichen Engagements werden nach jetziger Planung indes andere Zielgruppen im Zentrum stehen. „Kirche der Begegnung“ soll das Motto in St. Albertus in Oberesslingen lauten. Erwachsenenbildung, Gruppenarbeit oder Angebote für Senioren sind hier vorgesehen.

Schwerpunkt in den Hauptzentren

Neben den angedachten Hauptstandorten pastoraler Arbeit in der Innenstadt, der Pliensauvorstadt und Oberesslingen verblieben sechs weitere Kirchengemeinden. In Hohenkreuz, Sulzgries, Mettingen, Zollberg, Berkheim und Zell wird bis 2035 ein neues Stadtteilkonzept erprobt. „Die seelsorgerische Betreuung und Unterstützung erfolgt nach Möglichkeit von den Schwerpunktorten aus“, erläutert Möhler. Das kirchliche Leben in den anderen Stadtteilen soll von engagierten Gemeindemitgliedern getragen werden, wobei die Pfarrbüros als Anlaufstellen erhalten bleiben. Die Kirchen als Gottesdienstorte werden „zumindest gelegentlich mit einem je eigenen spirituellen Angebot“ weiter genutzt. Immobilien könnten erhalten bleiben, wenn keine großen Sanierungen anstehen, keine Neubauten nötig sind und der Unterhalt finanzierbar ist.

Der Esslinger Reformprozess

Konzept
Den Beschluss zur Erstellung eines neues pastoralen Konzepts fasste der Gesamtkirchengemeinderat Esslingen im Jahr 2021. Das umfassende Papier wurde nach Angaben der katholischen Kirche seit 2022 von zwei Arbeitsgruppen entworfen. Die AG Pastoralkonzept befasste sich mit Ideen für das kirchliche Leben in Esslingen, die AG Immobilien verfasste Vorschläge für die künftige Nutzung der kircheneigenen Gebäude.

Zeitplan
Im laufenden Jahr 2024 soll das erarbeitete Konzept der katholischen Gesamtkirchengemeinde Esslingen bis Mai in Gemeindeversammlungen in jedem Stadtteil vorgestellt, diskutiert und eventuell um Verbesserungsvorschläge ergänzt werden. Im Juni werden die Kirchengemeinderäte einen Beschluss zum vorliegenden Papier fassen. Im Juli soll der Gesamtkirchengemeinderat die Beschlüsse zur Kenntnis nehmen und die Art des weiteren Vorgehens beschließen.

Zukunft
 Sollte der Gesamtkirchengemeinderat zustimmen, werden die Leitlinien schrittweise umgesetzt. Bei einer Ablehnung steht eine weitere Bearbeitung des Konzepts und die Auseinandersetzung mit strittigen Punkten auf der Agenda.  

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