Wenn literarische Texte Irritationen auslösen, haben sie schon viel gewonnen. Kathrin Rögglas Roman „Laufendes Verfahren“ ist so ein Text. Er lässt viele Fragen offen. Kein Wunder: Es ist ja ein „laufendes“ Verfahren, dass der Intention der Autorin folgend noch nicht abgeschlossen ist.
Der Rahmen des Romans ist der NSU-Prozess, zu dem die Autorin während der Entstehung des Romans ausgiebig recherchierte, auch selbst Prozessbeobachterin war. Da das Urteil gegen die Hauptangeklagte Beate Zschäpe bereits mehr als fünf Jahre her ist, kurz zur Erinnerung: In dem mehr als 400 Verhandlungstagen und fünf Jahre dauernden Strafverfahren ging es unter anderem um neun Morde an Migranten und einen Polizistenmord. Das Motiv: Rassismus. Ein schweres Thema also, über das vor allem aus journalistischer Sicht viel geschrieben wurde: über die Widersprüche in dem Prozess, die unzähligen ungeklärten Fragen, über die Angeklagten, die Verteidiger, die Ankläger, den Richter, auch über die Angehörigen.
Röggla allerdings nimmt eine völlig andere Perspektive ein: Sie verlässt die objektive Beobachtersituation und richtet den Blick auf die Beobachtenden selbst. Auf diese Weise verschwimmen viele Gewissheiten, die Sicherheit, die der Fakten-Stil des Journalismus vermittelt, ist wie weggeblasen. Das Bild, das sich dabei ergibt, ist alles andere als eindeutig, nicht selten grotesk, manchmal unheimlich. Die Autorin schafft es, eine ganz eigenartige Stimmung wiederzugeben, und sie kann das nur erreichen, weil sie den literarischen Weg wählte, der ihr Freiheiten gab, der ein dokumentarisches Format nicht zugelassen hätte.
Es handelt sich nicht um „die Wahrheit“
Unheimlichkeit durchzieht den Roman, etwa wenn die Kühle des Prozesses geschildert wird oder die zuweilen fast schon komische Voreingenommenheit der Betrachter. Außergewöhnlich ist Rögglas Erzählperspektive: Es ist ein „Wir“, das erzählt und das von sich selbst nichts preis gibt, sehr wohl aber erfahrbar wird, indem es das Geschehen schildert und andere Figuren im Gerichtssaal betrachtet und einschätzt. Vielleicht versucht es auch die Leser auf seine Seite zu ziehen: Wir, sind das nicht auch du und ich? Wir, sind das nicht die, die alles schon vorher gewusst haben? So wie das Erzähl-Wir, das im Futur 2 spricht, einer Zeitform, in der die Zukunft schon bekannt zu sein scheint.
Dieses Wir – wie der gesamte Roman – lässt sich auch anders interpretieren, sogar auf vielfache Weise anders deuten. Eindeutigkeit mag der gegenwärtig vorherrschende Stil im öffentlichen Diskurs sein, doch wer dies von einem Buch wie „Laufendes Verfahren“ erwartet, könnte tief enttäuscht werden. Der Roman lässt vieles offen, und nicht alle möchten dies aushalten. Es ist „nicht die Wahrheit“, wie Röggla es in der Lesung ausdrückte – mit Betonung auf „die“.
Intensiver Dialog mit dem Publikum
Moderiert wurde die kurzweilige Lesung im Kutschersaal der Esslinger Bücherei von Caroline Grafe – unaufgeregt, zielstrebig. Ihr gelang es, die Autorin in einen intensiven Dialog zu ziehen. Auch aus dem Publikum gab es Fragen, etwa, wie lange es dauerte, bis der Roman fertig war. Nun ist Röggla eine Frau, die sich mit vielen unterschiedlichen Projekten gleichzeitig beschäftigt. Insofern ist es für sie nicht einfach, eine exakte Antwort zu finden, wie viel Zeit sie zur Recherche und zum Schreiben nahm. Drei Jahre? Fünf Jahre? Wann fing es an? Mit einer vagen Idee oder dem konkreten Vorhaben?
Erledigt ist das Thema Rechtsextremismus und -terrorismus mit diesem Buch nicht. Hier nimmt Röggla eindeutig Stellung. Sie schrieb das Buch „in Gedenken“ an die Opfer des rechtsextremen Terrors.