Katia Kameli in der Ifa-Galerie Menschen und Vögel auf dem Weg zu sich selbst

Einen vielstimmigen Gesang inszeniert Katia Kameli in der Ifa-Galerie: In ihrer Ausstellung „Das Hohelied der Vögel“ treffen Tanz, Kunst, Literatur und Musik aufeinander. Foto: Katia Kameli, „Le cantique des oiseaux“, VG Bild-Kunst, Bonn 2023/Katia Kameli

Migration, Identität, Ökologie: Die Künstlerin Katia Kameli übersetzt ein altes persisches Epos in eine sehr aktuelle Installation. Zu sehen ist sie in der Ifa-Galerie in Stuttgart.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Unterwegs zwischen Welten und Kulturen sind viele Menschen in den aktuellen Stadtgesellschaften. Dass auch ohne Beweglichkeit im Denken nichts vorangeht, ist eine Einsicht, die sich noch bis 29. Oktober von einem Besuch der Galerie des Instituts für Auslandsbeziehungen (Ifa) mitnehmen lässt.

 

Bespielt wird sie von der französisch-algerischen Künstlerin Katia Kameli, die selbst in vielerlei Hinsicht eine Grenzgängerin ist. Film und Installation, Malerei und Tanz, Literatur und Musik mischen sich in ihrer Beschäftigung mit einem Meisterwerk der persischen Dichtung aus dem 12. Jahrhundert. Seine Hauptfiguren hat Katia Kameli in den Mittelpunkt ihres mystisch eingefärbten Ausstellungsprojekts „Das Hohelied der Vögel“ gestellt. Dafür hat sie Plastiken aus Ton gefertigt und vor einer Landschaft in fließender Seidenmalerei platziert.

Blick in die Ausstellung Foto: © Victoria Tomaschko

Geheimnisvoll wie prähistorische Figuren ruhen Reiher, Uhu, Papagei, Pfau und sechs weitere Keramikvögel auf ihren Sockeln. Beim näheren Betrachten entdeckt man Grifflöcher, Anblaskanten und Mundstücke; die Vögel sind auch Blasinstrumente und in Zusammenarbeit mit der Musik-Keramikerin Maria Picard entstanden. Jeder Vogel hat seinen eigenen Sound; in zwei Videos bringt sie Katia Kameli zum Singen – und Tanzen.

Die Vögel suchen nach dem perfekten König

Inspiration für das Projekt ist die auf Deutsch als „Konferenz der Vögel“ bekannte Parabel des islamischen Mystikers Fariduddin Attar, die von der Suche der Vögel nach einem idealen König erzählt. Angeführt vom Wiedehopf ziehen sie über sieben Täler und müssen Aufgaben bestehen, die ihre Anzahl erheblich dezimiert. Am Ende der Reise bleiben 30 übrig, die entdecken, dass sie nach sich selbst gesucht haben.

Ton als Symbol für den Ursprung des Lebens

Migration und vor allem Ökologie, also eine Sensibilität für Umwelt und ihre Lebewesen, nennt die 1973 in Clermont-Ferrand geborene Künstlerin als Motivation ihres Projekts, das die Ausgangserzählung auf verschiedenen Ebenen variiert. „Dass ich das erste Mal mit Tonerde gearbeitet habe, ist kein Zufall“, sagt Katia Kameli bei einem Rundgang und bezieht sich auf den direkten kreativen Prozess sowie die Symbolkraft, die in der alten Technik mit ihrem Verweis auf den Ursprung des Lebens steckt.

Der Pfau in Aktion Foto: Katia Kameli, „Le cantique des oiseaux“, VG Bild-Kunst, Bonn 2023

Den stärksten Eindruck in der Ausstellung hinterlässt allerdings der 25-minütige Film „Le cantique des oiseaux“, für den Katia Kameli sieben ihrer Vogelfiguren von Tänzerinnen und Tänzern vor Mittelmeerkulisse interpretieren ließ. Egal, ob sich der Reiher mit klassischer Eleganz dehnt, der Uhu putzig in einer Astgabel kauert, ein dunkler Vogel mit zeitgenössischer Präsenz attackiert, der Wiedehopf wie ein Sufi-Derwisch sich um sich selbst dreht: Katia Kameli will nicht nur Vogeltypen abbilden. „Der Tanz beinhaltet vielmehr den Wunsch des Menschen, sich zu erheben und zu fliegen“, sagt die Künstlerin.

Flötistinnen bringen die Vögel zum Klingen

Letztlich ist auch der Tanz eine Entdeckungsreise zu sich selbst; das letzte Wegstück gehen seine Protagonisten gemeinsam, um wie die Sagen-Vögel am Meeresstrand ihrem Spiegelbild zu begegnen.

Einen der vielen Termine, den die Ausstellung zur Begegnung mit Katia Kamelis Werk bietet, sollte man nicht verpassen: Am 7. Oktober bringen drei Flötistinnen um 18.30 und 19 Uhr die Keramiken und „Das Hohelied der Vögel“ zum Klingen.

Info

Termine
Die Ausstellung „Das Hohelied der Vögel“ ist bis zum 29. Oktober in der Ifa-Galerie am Charlottenplatz zu sehen – und zwar bei freiem Eintritt von Dienstag bis Sonntag, 12 bis 18 Uhr. Am 8. September, 19 Uhr, geben Katia Kameli und die Kuratorin Valerie Chartrain Einblick in die Ausstellung. Am 24. September können Kinder bei einem Kunstsonntag von 10.30 bis 12.30 Uhr Paradiesvögel aus Modelliermasse und Naturmaterialien herstellen.Am 7. Oktober, 18.30 und 19 Uhr, verwandeln drei Flötistinnen die Skulpturen Kamelis in Instrumente.

Künstlerin
Katia Kameli, 1973 geboren, lebt in Paris. Ihre Arbeiten, die sich mit Sprache, Geschichte und der Suche nach Identität beschäftigen, waren bereits außer in französischen Ausstellungen in Großbritannien, Belgien, Deutschland, Norwegen und auf der Biennale von Dakar zu sehen. Die Ausstellung „Das Hohelied der Vögel“ war vor der Stuttgarter Station im Ifa in Berlin zu Gast.

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