Abriss in Bad Cannstatt Nur noch Schutt vom Kaufhof übrig

Vom ehemaligen Kaufhof-Komplex am Cannstatter Wilhelmsplatz sind nur noch etliche Tonnen Schutt übrig. Foto: /Uli Nagel

Nach knapp vier Monaten ist der Gebäudeabbruch nahezu abgeschlossen. Eine mögliche Zwischennutzung der 4000 Quadratmeter großen Brachfläche muss geprüft werden.

Aus, vorbei. Vom einstigen Aushängeschild des Cannstatter Handels am Wilhelmsplatz ist nichts mehr übrig. Die riesigen Schutthaufen hinter dem Bretterzaun rund um das knapp 4000 Quadratmeter große Areal sind die letzten stummen Zeugen dafür, dass hier einmal eine der wichtigsten Säule für die lokale Geschäftswelt gestanden hat. Binnen weniger Wochen hat das Esslinger Unternehmen GL-Abbruch, das in Stuttgart bereits die alte Messe auf dem Killesberg und zuletzt die Calwer Passage plattgemacht hatte, ganze Arbeit geleistet.

 

Viel Wehmut bei den Cannstattern

Viele Passanten, die dieser Tage den Abriss „ihres Kaufhofs“ verfolgt hatten, blicken mit Wehmut auf die Brachfläche. „Jetzt bin ich gespannt, was dort hinkommt“, sagt eine Cannstatterin, die im Seelberg wohnt und bereits in jungen Jahren mit ihren Eltern im Kaufhof shoppen ging. „Dort bekam man so ziemlich alles und musste nicht in die Innenstadt fahren“, so die 55-Jährige. Ein Umstand, den viele Cannstatter zu schätzen wussten.

Optimistischer Bezirksvorsteher

Zwar weiß auch Bernd-Marcel Löffler noch nicht, was städtebaulich umgesetzt wird. Der Bezirksvorsteher gibt sich jedoch optimistisch, dass sich die beiden Verhandlungspartner, die LBBW Immobilien und die Eugen Mertz OHG, nach dem erfolgten Abbruch in den kommenden Wochen endlich einigen können. „Zeit wird es“, so Löffler. So könne sich das Ziel, eine zügige Nachbebauung nach dem Abbruch, vielleicht doch noch realisieren. Zunächst muss jedoch überlegt werden, was mit der Brachfläche zwischen der Bad- und der Markstraße passiert und ob eine Zwischennutzung möglich ist.

Mit dem Abbruch des Kaufhofs endet eine Handels-Ära, die vor 46 Jahren begann. Es war der 11. November 1976, als die ersten Kaufhof-Kunden in die neu errichtete Filiale an der Marktstraße stürmten. Nachdem der damalige Geschäftsführer Peter Jülke punkt 8 Uhr die Türen geöffnet hatte, wurden in den folgenden Stunden rund 50 000 Besucher gezählt. Eine aus heutiger Sicht fast schon gigantische Zahl, die selbst die Primark-Eröffnung in der Königstraße in den Schatten stellen dürfte. Doch damals war es halt etwas ganz Besonderes, dass eine der ganz großen deutschen Kaufhausketten in einem Stadtbezirk eine Filiale eröffnet.

84. Filiale in Deutschland im Jahr 1976

Außergewöhnlich damals auch die Maßnahmen der Kaufhof-Verantwortlichen vor der Eröffnung. Denn bevor die Kunden unter rund 70 000 Artikeln, die auf 6500 Quadratmeter Verkaufsfläche verteilt waren, stöbern durften, gab‘s einen „Probelauf“. Die 320 Mitarbeiter der damals 84. Kaufhof-Filiale in Deutschland übten vier Tage vor Eröffnung den Ernstfall, denn keiner der Verantwortlichen konnte damals einschätzen, wie groß der Ansturm am Eröffnungstag werden würde.

Parkplätze auf dem Dach geplant

Doch fast wäre es gar nicht dazu gekommen. Als das Unternehmen Kaufhof Anfang der 1970er Jahre seine Baupläne publik machte, gab es viele kritische Stimmen. Vor allem das Stellplatzkonzept, geplant waren Parkplätze auf dem Dach, die über eine große Zufahrtsspindel angefahren werden sollten, wurde abgelehnt. Der Grund: Viele Altstadtgebäude wären dem Projekt zum Opfer gefallen. Damals gründete sich sogar eine Bürgerinitiative. Doch letztendlich gab es grünes Licht vom Stuttgarter Gemeinderat für das Vorhaben – allerdings ohne Parkdeck. Nach nicht einmal 15 Monaten Bauzeit war das Gebäude am Wilhelmsplatz für 18 Millionen Mark fertig. An den Baukosten beteiligte sich die damalige Landesgirokasse und heutige BW Bank. Doch auch in abgespeckter Form mussten historische Gebäude dem Warenhaus weichen, das an einem für Cannstatt geschichtsträchtigen Ort errichtet worden war. Bis in die vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts hatten dort die erste Hautklinik Deutschlands und ein großes Lichtspielhaus ihren Sitz. Für das Kaufhaus machte die Abrissbirne zudem die Geburtshäuser des schwäbischen Mundartdichters Thaddäus Troll und das der Mutter von Albert Einstein dem Erdboden gleich. Schilder des Historischen Pfads des Vereins Pro Alt-Cannstatt erinnerten daran.

Thaddäus Trolls Geburtshaus musste weichen

Schnell avancierte das Kaufhaus zu dem Zugpferd für den Cannstatter Einzelhandel, denn mit bis zu 6000 Kunden täglich war es – bis zur Eröffnung des CARRÉs Bad Cannstatt 2006 – der einzige große Frequenzbringer für die Altstadt. Allerdings tauchten bereits in den 1990er-Jahren – Kaufhof wurde in dieser Zeit vom Metro-Konzern übernommen – die ersten Schließungsgerüchte auf. Leichte Unruhe kehrte unter den Einzelhändlern ein, die sich erst beruhigte, als Kaufhof im Jahr 1999 für fast fünf Millionen Mark das Gebäude modernisieren ließ. Der damalige Kaufhof-Filialleiter Harald Boll fegte mit den Worten „Kaufhof bleibt Bad Cannstatt langfristig erhalten“ sämtliche Gerüchte und Spekulationen vom Tisch.

Vertreiben konnte er sie nicht, denn elf Jahre später tuschelte man erneut über eine Standortaufgabe. Der damalige Grund für ein mögliches Kaufhof-Aus war die Aufgabe des Dinea-Lokals im zweiten Stock. Auch danach gab es immer wieder Spekulationen über die Zukunft der Filiale. Genährt wurden diese durch die Tatsache, dass fast jedes Jahr eine neue Geschäftsführerin oder ein neuer Geschäftsführer auf der Matte stand.

Zapfenstreich am 14. Oktober 2020

Doch Anfang Juli 2020 wurde es amtlich – leider. Der in finanzielle Schieflage geratenen Kaufhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof will retten, was zu retten ist. Mit einem umfangreichen Schließungskonzept, das mehr als 50 Filialen mit gut 5000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern betrifft, soll das überlebenswichtige Einsparprogramm eingeläutet werden. Zu den betroffenen Standorten gehörte auch Stuttgart. Allerdings nicht etwa eine der beiden großen Filialen in der Innenstadt, sondern die mit 6500 Quadratmetern kleinste Filiale sollte „geopfert“ werden.

Alle Rettungsversuche von der Gewerkschaft Verdi blieben vergebens – der Cannstatter Einzelhandel verlor nach 44 Jahren sein Zugpferd und 38 Mitarbeiter am 14. Oktober 2020 ihren Job. Denn an diesem Tag, dem letzten offiziellen Verkaufstag, gingen um 18 Uhr im Cannstatter Kaufhof für immer die Lichter aus.

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