Kaufland und der Tarifkonflikt Einsamer Kampf für die volle Inflationsprämie

Kaufland-Betriebsrätin Katrin Kluge vor der Landkarte, auf der die sie unterstützenden Belegschaften mit roten Punkten markiert sind. Foto: Privat

Eine furchtlose Kaufland-Betriebsrätin sammelt quasi im Alleingang bundesweit fast 19 000 Unterstützer für einen vollen Inflationsausgleich. Im Tarifkonflikt des Einzelhandels versucht es der Arbeitgeberverband hingegen mit freiwilligen Lohnerhöhungen.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Der neue Werbeslogan bei Kaufland lautet: „Hier bin ich richtig.“ Doch etliche Tausend Mitarbeitende fragen sich, ob sie damit gemeint sind. Katrin Kluge zum Beispiel: Die Ulmer Betriebsrätin hat seit einem Jahr an die 19 000 Unterschriften von Kaufland-Beschäftigten an 286 Standorten gesammelt. Ziel ihrer Aktion ist, dass die Handelskette der Belegschaft die volle steuer- und sozialabgabenfreie Inflationsausgleichsprämie von 3000 Euro auszahlt.

 

Bisher hat es im November 2022 einen Warengutschein von 250 Euro und im Dezember vorigen Jahres noch einmal 500 Euro für Vollzeitkräfte gegeben. Doch Kluge dringt darauf, dass Kaufland seine Möglichkeiten ausschöpft, und findet für diese Idee immer mehr Unterstützer. Immerhin hat der Geschäftsleitungsvorsitzende Jochen Kratz den „lieben Kolleginnen und Kollegen“ zum Start der Werbekampagne am 1. Februar geschrieben: „Gemeinsam wollen wir auch in Zukunft dafür sorgen, dass Kaufland ein Ort ist, an dem sich jede und jeder wohl und wertgeschätzt fühlt.“

Der Druck bei Kaufland ist unübersehbar

Ohne Angst vor negativen Konsequenzen verfolgt Kluge ihr Anliegen, weil sie dieses als ihr gutes Recht empfindet. Andere haben es aus Sorge vor Maßregelungen abgelehnt mitzumachen. Dass sich Beschäftigte vor Schikanen fürchten, etwa indem sie ungünstige Schichten zugewiesen bekommen, das ist ebenso an anderen Orten zu vernehmen. Ihr direkter Chef sei auch nicht begeistert, sagt Kluge – er habe aber versichert, weiterhin gut mit ihr zusammenarbeiten zu wollen. Zudem betont sie, dass ihre Petition nicht gegen Kaufland gerichtet, sondern für die Mitarbeiter gedacht sei.

Die volle Prämie wäre nicht nur dem Engagement der Beschäftigten, sondern auch dem hohen Umsatz und den Gewinnen der Schwarz-Gruppe angemessen, meint die 54-Jährige. „Es reicht nicht, dass wir uns gegenseitig beklatschen und bejubeln, wie gut wir sind.“ Auf einer Deutschland-Karte hat sie mit roten Punkten markiert, wo sich Belegschaften ihrer Initiative angeschlossen haben, obwohl sie kaum vernetzt sind. Ihre Aktion hat sie beendet. „Ich bin jetzt platt“, sagt sie. Nachdem sie 18 855 Unterschriften beisammen hatte, packte sie die Blätter in sechs Bananenkisten, um sie Kratz zu übergeben. Doch der schickte einen örtlichen Geschäftsführer zur Entgegennahme. An diesem Dienstag erhielt sie dann eine E-Mail von Kratz, wonach das Unternehmen der Belegschaft momentan keine weiteren Zusagen bezüglich der Prämie machen könne.

Verdi hält sich bei der Aktion zurück

„1000 Euro sollten wirklich noch drin sein“, mahnt Diana Morgenstern, Betriebsratsvorsitzende bei Kaufland Leonberg. „Viele könnten in diesen Zeiten eine Geldspritze gebrauchen.“ Der Inflationsausgleich sollte „eigentlich freiwillig und ohne Druck gewährt werden“, um es zu würdigen, dass die Gewinne von den Kräften vor Ort ermöglicht werden. Als ungerecht empfindet sie es, dass Teilzeitkräfte nur anteilig bedacht werden.

Die Gewerkschaft hält sich bei der Aktion zurück – was Kluge nicht stört. Verdi hat genug damit zu tun, den dahindümpelnden Tarifkonflikt zu beleben; vor Ostern wurde die Schwarz-Gruppe ins Visier genommen. „Ermüdend“ fänden viele Beschäftigte den Streit, meinen die Betriebsrätinnen. „Das allgemeine Streikverhalten geht langsam zurück“, sagt Morgenstern. „Selbst wenn Verdi den Lohnausfall gut vergütet, fehlt vielen langsam das Geld.“ Auch Kluge zufolge macht sich Ermattung breit. „Wir wollen, dass es bald beendet ist.“ Das Arbeitgeberangebot von zehn Prozent werde mehrheitlich als akzeptabel empfunden.

HDE empfiehlt freiwillige Lohnanhebungen

Im März hatte der Handelsverband HDE den Mitgliedsunternehmen freiwillige Lohnerhöhungen zugestanden, die auf einen späteren Tarifabschluss anrechenbar sein sollen. Damit sind Anhebungen bis zu zehn Prozent möglich. Bisher hätten sich „einige Handelsunternehmen“ dazu entschlossen, sagt ein HDE-Sprecher. Gemeint sind etwa Rewe, Edeka – und die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland. „Unter Berücksichtigung der bereits im Oktober vorgenommenen Anhebung in Höhe von 5,3 Prozent für das Tarifjahr 2023 ergeben sich ab dem Tarifjahr 2024 dann insgesamt zehn Prozent“, sagt eine Schwarz-Sprecherin. Zu Streikmaßnahmen heißt es, diese seien eine legitime Möglichkeit seitens der Arbeitnehmer, ihre Forderung zum Ausdruck zu bringen. „Daher respektieren die Unternehmen der Schwarz-Gruppe grundsätzlich die Teilnahme ihrer Mitarbeiter an Streiks.“

„Jetzt gilt es weiter zu kämpfen, damit die zehn Prozent in den Tarifvertrag kommen, denn sonst kann sie der Arbeitgeber jederzeit wieder wegnehmen“, mahnt Morgenstern. „Leider ist die Arbeitgeberseite noch nicht gewillt, weitere Verhandlungen zu führen.“ Weiterhin werfen sich Verdi und HDE gegenseitig eine Blockadehaltung vor.

„Unternehmen kommen mit Streiks gut klar“

„Wir haben bereits in der ersten Verhandlungsrunde in Baden-Württemberg vor fast einem Jahr ein Angebot vorgelegt und dieses im weiteren Verlauf der Tarifrunde noch drei Mal nachgebessert“, kontert HDE-Tarifgeschäftsführer Steven Haarke. „Dieses Angebot hätte zu echten Reallohnzuwächsen geführt, zumal die Inflation rückläufig ist.“ Die Verweigerungshaltung der Gewerkschaft sei „eine Sackgasse“. Die Handelsunternehmen hätten in den letzten Monaten bewiesen, „dass sie mit Streiks gut klarkommen“.

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