Großveranstaltungen in Stuttgart Für Veranstalter ist das Verbot „ein Nackenschlag“

Von Tom Hörner und  

Großveranstaltungen dürfen bis zum 31. August nicht stattfinden. Noch sind Veranstalter zurückhaltend, was offizielle Absagen angeht und warten auf die Verordnung des Landes. Es gibt aber bereits kreative Ideen, wie so manches aufgefangen werden könnte.

In diesem August sollte eigentlich das 30. Sommerfest gefeiert werden – doch daraus wird erst mal nichts. Foto: Lichtgut/Julian Rettig (2), Ferdinando Iannone
In diesem August sollte eigentlich das 30. Sommerfest gefeiert werden – doch daraus wird erst mal nichts. Foto: Lichtgut/Julian Rettig (2), Ferdinando Iannone

Stuttgart - Umgeben von tausenden Menschen einen Cocktail auf dem Sommerfest am Eckensee genießen? In Zeiten von Social Distancing unvorstellbar. Großveranstaltungen dürfen mindestens bis zum 31. August nicht stattfinden, darauf haben sich Bund und Länder am Mittwoch geeinigt. Damit dürfte nicht nur die geplante 30. Auflage des Stuttgarter Sommerfests ins Wasser gefallen sein. Zwar warten die hiesigen Veranstalter noch darauf, was genau als Großveranstaltung definiert wird – das Land überarbeitet aktuell seine Corona-Verordnung – und verkünden bis zu deren Veröffentlichung noch keine offiziellen Absagen. Doch bei vielen Events ist schon jetzt klar, dass es genau hierzu in Kürze kommen wird.

„Wir müssen damit rechnen, dass wir die Veranstaltungen absagen müssen“, sagt der Geschäftsführer der städtischen Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart, Andreas Kroll, die unter anderen das Sommerfest und das Volkswagen Lichterfest ausrichtet. Dieses sollte am 11. Juli stattfinden. 40 000 Besucher wären bei der 70. Auflage erwartet worden – das Jubiläum wird wohl nächstes Jahr steigen müssen.

Was ist mit dem Cannstatter Volksfest?

„Der 31. August ist hart für uns, aber immerhin haben wir ein Datum“, sagt Kroll. „Für Veranstaltungsmenschen ist das ein Nackenschlag“ – auch für die Gastronomen, die Bands und die vielen kleinen Dienstleister, die von den Festen lebten. Kroll hat schon ausrechnen lassen, wie viel es die in.Stuttgart kostet, wenn bis 30. Juni keine Veranstaltungen stattfinden – man kam auf einen Ausfall von drei Millionen Euro. Das ausgefallene Frühlingsfest machte davon den größten Batzen aus. Ein „Riesengau“ wäre es, sollte auch das Cannstatter Volksfest nicht stattfinden können. Hier bräuchte man bis Mitte Juni Planungssicherheit. „Da müssen wir wissen, wohin die Reise geht“, betont Kroll. Dann beginnen die Festwirte mit den Aufbauten. Ab dann gehe die Kostenspirale richtig los.

Der Fischmarkt verzeichnet im Juli üblicherweise auch sechsstellige Besucherzahlen – will aber offiziell nicht absagen, bevor nicht das Land seine Corona-Verordnung überarbeitet hat. Ähnlich sieht es beim Kinder- und Jugendfestival und beim Weindorf aus. Bärbel Mohrmann, Geschäftsführerin vom Weindorf-Veranstalter Pro Stuttgart, gibt so schnell nicht auf. Zum einen, sagt sie, wolle sie abwarten, wie genau die Anordnung des Landes ausschaue. Und dann wolle sie sich in der kommenden Woche via Videokonferenz mit anderen Innenstadtveranstaltern kurzschließen.

Wäre eine Verschiebung des Weindorfs die Lösung?

Das Stuttgarter Weindorf liegt, wenn man so will, an der Gemarkungsgrenze zum Verbot von Großveranstaltungen. Am 26. August hätte es mit einem Festakt im Innenhof des Alten Schlosses eröffnet werden sollen. „Wir sind flexibel“, sagt Mohrmann. „Wir können uns auch vorstellen, dass wir das Weindorf nach hinten verschieben.“ Bei einer Woche gäbe es keine Berührungspunkte mit anderen Planungen. Bei mehr käme man zwar mit dem geplanten Umbau des Marktplatzes in Konflikt, mit dem Mitte September begonnen werden soll. „Aber auch da würden wir wohl eine Lösung finden“, sagt Mohrmann: „Bisher sind wir immer gut mit der Stadt klargekommen.“ Denkbar wäre auch, so die Geschäftsführerin, das Weindorf offener zu gestalten und so umzubauen, dass die Menschen nicht in den engen Lauben zusammensitzen.

Auf die Ausführungen des Landes warten auch die Organisatoren des Sommerfestivals der Kulturen. „Vorher können wir nichts sagen“, meint Anja Krutinat, seit vielen Jahren das bunte Fest auf dem Marktplatz organisiert: „Unser Kulturprogramm steht zu achtzig Prozent.“ Die Verträge mit den Künstlern sind längst unterschrieben, darunter der Afro-Beat-Pionier Ray Lema aus der Demokratischen Republik Kongo oder der Grammy-Gewinner Dudu Tassa aus Israel, der mit seiner aus dem Irak stammenden Band The Kuwaitis anreisen wollte.

Ein „Online-Pride-Event“ statt der Polit-Parade

Bei der IG CSD, die das Kulturfestival Christopher Street Day organisiert, sind die Entwicklungen natürlich auch genau verfolgt worden. Die CSD-Polit-Parade und die CSD-Hocketse im Juli könnten „nicht in der bisherigen Form stattfinden“, sagt Geschäftsführer Christoph Michl. Aktionen seien aber weiterhin geplant, an den Kulturtagen halte man fest. Er kündigt ein „Online-Pride-Event als virtuelle Alternative zur Demonstration und zum Straßenfest“ an. Geplant sei ein abwechslungsreiches Programm. Die Regenbogen-Community solle sich in ihrer ganzen Bandbreite bei der Online-Veranstaltung präsentieren können. Unabhängig davon prüft die IG CSD die Verschiebung der Polit-Parade und der Hocketse auf einen späteren Zeitpunkt.

An kreativen Alternativen arbeiten auch Konzertveranstalter und das Popbüro – und kamen auf eine „coole Lösung“, wie Kroll meint. Sie haben bei in.Stuttgart angefragt, ob man auf dem Wasen Autokino und -veranstaltungen (Konzerte, Comedy und mehr) veranstalten könne. Dort rannte man offene Türen ein. „Wir fänden es richtig gut“, so Kroll. Noch fehlt die Genehmigung der Stadt.




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