Kickers-Chef Lorz im Gespräch „Die Liga ist ohne Mäzene nicht stemmbar“

Von  

Der Weg des VfR Aalen ist für Rainer Lorz kein Thema: „Eine Insolvenz ist immer ein zweischneidiges Schwert“, sagt der Kickers-Präsident vor dem Regionalliga-Derby beim SSV Ulm 1846 (Samstag, 14 Uhr).

Es gibt viel zu besprechen: Kickers-Präsident Rainer Lorz (re.), Aufsichtsratschef Christian Dinkelacker. Foto: Baumann
Es gibt viel zu besprechen: Kickers-Präsident Rainer Lorz (re.), Aufsichtsratschef Christian Dinkelacker. Foto: Baumann

Stuttgart - Rainer Lorz, der Präsident des Fußball-Regionalligisten Stuttgarter Kickers, äußert sich vor dem Spiel beim SSV Ulm 1846 (Samstag, 14 Uhr/Donaustadion) zur Lage bei den Blauen.

Die Situation der Kickers Anfang 2017 erinnert ans Vorjahr: Neuer Trainer, etliche Zu- und Abgänge und in zwei Spielen kein Sieg. Das stimmt wenig optimistisch.
„Ich glaube, man kann die zwei Spielzeiten nicht miteinander vergleichen. Klar ist, dass wir auch in dieser Spielzeit bislang deutlich hinter den sportlichen Erwartungen geblieben sind. In der letzten Saison hatten wir aber neben der emotionalen Trennung von Horst Steffen die Integration neuer Spieler in einen gewachsenen Kader zu bewältigen, mit entsprechenden Problemen. Dies war eine sehr herausfordernde Situation in einer sehr schwierigen Liga. Dieses Jahr sind wir mit einer völlig neu zusammen gestellten Mannschaft in die Saison gestartet, die wir nun verstärkt und ergänzt haben. Dies ist ein anderer Übergang, der auch viel geräuschloser bewältigt werden konnte: Wir konnten uns jedenfalls in der Winterpause gut auf die Rückrunde vorbereiten und konnten konzentrierter arbeiten. Das stimmt mich positiver.“
Aber auch dieses Mal gab es wieder einen großen Umbruch, mit fünf Ab- und sechs Zugängen. Das kann mehr Qualität bringen – oder mehr Unruhe.
„Wir hatten vor dieser Saison ja eine Ausnahmesituation mit – abgesehen von Sandro Abruscia – 20 neuen Spielern. Im Endergebnis haben wir einen ordentlichen Stamm zusammen bekommen, der aber nicht in allen Belangen auf die Anforderungen der 4. Liga ausgerichtet war. Die Analyse in der Winterpause hat jedenfalls ergeben, dass wir uns auf bestimmten Positionen verbessern und insgesamt stabiler und kompakter werden müssen. Ursprünglich bestand die Überlegung, bis zu drei neue Spieler zu holen. Nun hat sich aber beispielsweise die Möglichkeit ergeben, einen Spieler wie Jesse Weißenfels unter Vertrag zu nehmen, der uns perspektivisch voran bringt. Auf der anderen Seite haben uns keine Spieler verlassen, die in der Hinrunde eine tragende Rolle gespielt haben, deshalb ist der Umbruch nicht so groß, wie er auf den ersten Blick erscheint. Zudem konnten wir die Neuverpflichtungen vornehmen, ohne dass sich der Etat erhöht hat.“
Auch wenn die Transfers bereits ein Vorgriff auf nächste Saison waren, sind Veränderungen im Sommer nie ausgeschlossen, vor allem wenn auch die zweite Halbserie nicht wie gewünscht läuft.
„Unser Kader ist perspektivisch zusammengestellt worden. Wir mussten nun zwar nachjustieren, haben dies aber auch schon mit Blick auf die neue Saison gemacht, so dass es im Sommer zu keinem weiteren großen Umbruch kommen soll, sondern nur zu punktuellen Verstärkungen. Die meisten Verträge gelten bis 30. 6. 2018, insoweit sind wir gut aufgestellt.“
Primär geht es erst einmal um Klassenverbleib. Der Blick auf die dritte Liga ist da nicht gerade beruhigend, weil dort etliche Mannschaften aus dem süddeutschen Bereich runterkommen können und so die Zahl der Regionalliga-Absteiger auf bis zu sechs steigen könnte.
„Das stimmt, aber wir müssen auf uns selbst schauen, damit wir unabhängig sind von den anderen. Was mich mit Blick auf die dritte Liga aber auch irritiert, ist zu sehen, wie viele Clubs – Aalen, Chemnitz, Zwickau oder Erfurt – mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten kämpfen. Unser letzte Hoffnung im Sommer, trotz des sportlichen Abstiegs über das Lizenzierungsverfahren doch noch in der Liga zu bleiben, war also nicht aus der Luft gegriffen.“
Die Kickers liegen aktuell im schlimmsten Fall auf einem Abstiegsplatz. Offenbach davor kämpft noch gegen einen Neun-Punkte-Abzug, der VfB II als Zwölfter hat schon vier Zähler mehr. Da kann es eng werden.
„Dies ist uns nach dem bisherigen, sehr enttäuschenden Saisonverlauf mehr als bewusst. Wir nehmen die Situation auch keinesfalls auf die leichte Schulter. Dass beispielsweise Eintracht Trier letztes Jahr vorne mitgespielt hat und jetzt Viertletzter ist, zeigt zum einen, wie schnell man abrutschen kann und zum anderen, wie hoch die Qualität der Liga in dieser Saison ist. Jedenfalls haben wir bisher zu viele Punkte verschenkt, vor allem zu Hause, da sind wir Letzter der Tabelle – das kann nicht sein und muss besser werden.
Der Drittligist VfR Aalen hat einen Insolvenzantrag gestellt und bekommt somit neun Punkte abgezogen – wäre aber schuldenfrei.
„Zunächst einmal müssen sie das Insolvenzplanverfahren zu einem erfolgreichen Abschluss bringen. Das heißt, die Gläubiger müssen zu Verzichten bewegt werden und der Verein finanziert die Gehälter drei Monate über das Insolvenzausfallgeld und kann so die Saison erst einmal ordentlich zu Ende spielen. Aber dann braucht es auch neue Mittel, um den Spielbetrieb weiter zu finanzieren.“



Unsere Empfehlung für Sie