InterviewKickers-Präsident Rainer Lorz „Unsere Heimat ist Degerloch“

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Der Kickers-Präsident Rainer Lorz spricht über die Rückkehr des Stuttgarter Drittligisten ins umgebaute Gazi-Stadion – und mögliche Probleme bei einem Aufstieg in die zweite Liga.

Rainer Lorz, Präsident des Fußball-Drittligisten Stuttgarter Kickers. In der folgenden Bilderstrecke zeigen wir Bilder aus dem umgebauten Gazi-Stadion. Foto: Baumann 7 Bilder
Rainer Lorz, Präsident des Fußball-Drittligisten Stuttgarter Kickers. In der folgenden Bilderstrecke zeigen wir Bilder aus dem umgebauten Gazi-Stadion. Foto: Baumann
Stuttgart – - Auf diesen Tag haben die Stuttgarter Kickers lange hingefiebert. Am Samstag kehrt der viertplatzierte Fußball-Drittligist in das Gazi-Stadion zurück – und das gleich zum Topspiel gegen den Tabellenführer Arminia Bielefeld, für das bisher knapp 4500 Karten verkauft sind.
Herr Lorz, was überwiegt denn jetzt: das weinende Auge, Reutlingen ungeschlagen verlassen zu müssen – oder das lachende, wieder nach Degerloch zurückzukehren?
Eindeutig das lachende Auge und die Vorfreude, wieder zu Hause Fußball spielen zu können. Wir haben uns in Reutlingen sehr wohl gefühlt, aber die Heimat ist nun mal hier in Degerloch auf der Waldau.
Sie haben ja gesagt, Sie erwarten zur Premiere im umgebauten Stadion ein nahezu volles Haus. Mit wie vielen Zuschauern rechnen Sie denn nun am Samstag?
Der Vorverkauf läuft noch besser als erwartet. Die Haupttribüne wird auf jeden Fall ausverkauft sein, aber dann haben wir den Fans ja noch gute Stehplatzkarten anzubieten. Wir hatten immer eine Größenordnung von 7000 bis 8000 Zuschauern angestrebt – und sind auch überzeugt, dass das klappt.
Wie wichtig ist die Rückkehr nach Degerloch gerade im Hinblick auf die Gesamt-Zuschauerzahl bei noch sieben teilweise attraktiven Heimspielen, nachdem man den angepeilten Schnitt in Reutlingen um rund tausend Besucher pro Spiel verpasst hat?
Wir haben vor Saisonbeginn durchschnittlich 4000 Zuschauer eingeplant. Das ist immer eine Mischkalkulation. Es gibt Spiele, die liegen deutlich darunter, und es gibt Spiele, die sind deutlich besser besucht. Wir hoffen natürlich, dass wir das, was wir in Reutlingen hinter dem Schnitt – nicht unbedingt den Erwartungen – zurückgeblieben sind, hier in Degerloch aufholen werden mit Topgegnern wie Bielefeld, Duisburg, Dresden oder dem Derby gegen den VfB II, so dass wir unseren kalkulierten Schnitt sogar übertreffen werden.
Das Spiel wird stattfinden – nicht zuletzt wegen der Rasenheizung. Wie wichtig ist denn diese Investition, die ja auf der Kippe stand?
Sehr wichtig, weil dies vom DFB eine Pflichtanforderung in der dritten Liga wird. Deswegen hat die Stadt da aus meiner Sicht eine kluge Entscheidung getroffen. Generell ist die Rasenheizung für uns aber auch insofern von Bedeutung, dass man besser planen kann und die Mannschaft nicht durch mögliche Spielausfälle aus dem Rhythmus kommt.
Um den Steuerzahler zu beruhigen: an den Betriebskosten beteiligen sich die Vereine.
Korrekt. Die Kosten werden ja nicht alleine von der Stadt getragen. Zum einen zahlen wir eine Stadionmiete, aber auch an den Kosten der Rasenheizung beteiligen sich die Vereine. Wobei die von der Nutzung abhängen. Bei uns ist die Obergrenze auf 40 000 Euro pro Saison gedeckelt.
Eine Ausgabe, die sich rechnet?
Es ist eben so, dass die Anforderungen immer höher werden. Und das ist nun mal mit Kosten verbunden, die wir natürlich zusätzlich erwirtschaften müssen. Das gehört im professionellen Fußball dazu, ebenso wie es das Publikum erwartet, dass die Spiele regelmäßig zu den geplanten Terminen durchgeführt werden können, unabhängig von der Witterung.
Sie kommen jetzt ins Gazi-Stadion zurück – und das mit einem neuen Caterer. Was hat Sie bewogen, auch in dieser Richtung neue Wege zu gehen?
Der Ausgangspunkt war, dass die Gastronomierechte bisher von der Stadt vergeben worden sind. Wir haben uns als Hauptnutzer dafür eingesetzt, dass wir diese Rechte wieder bekommen und dann auch über die Vergabe entscheiden können. Natürlich vor allem mit Blick darauf, uns Refinanzierungsmöglichkeiten zu erschließen. Das ist legitim. Wir haben eine kleine Ausschreibung gemacht mit interessierten Gastronomen. Da war die „Schräglage“ zum einen äußerst engagiert, hat das aber – sowohl wirtschaftlich als auch konzeptionell – sehr professionell unterlegt.
Was bringt das für die Kickers?
Das ist schwer zu sagen, weil verschiedene Komponenten eine Rolle spielen. Aber natürlich verbessern wir uns gegenüber dem Status quo, sodass wir am Ende auf jeden Fall über einen fünfstelligen Betrag im Jahr sprechen.
Manche Fans haben sich in Anbetracht der Tabellensituation gefragt, warum man bei einem Umbau nicht gleich auf Zweitliganiveau gegangen ist, also auf eine Kapazität von 15 000 Plätzen?
Die endgültige Entscheidung zum Umbau hat die Stadt im Juli 2012 getroffen, wobei die Gespräche viel früher angefangen haben. Also zu einem Zeitpunkt, als man sich eher die Frage stellte: braucht man überhaupt ein Stadion für die dritte Liga? Die zweite Liga wurde damals ohnehin eher als Hirngespinst abgetan – auch wenn wir immer zuversichtlich waren, unsere Ziele zu erreichen. Aber die Stadt hat gesagt, wir gehen erst mal den ersten Schritt und wenn der zweite kommt, werden wir uns dem annehmen. Ich gehe davon aus, dass dies auch so geschehen wird.
Angenommen die Kickers schaffen dieses Jahr noch den Aufstieg, wie wäre dann die Stadionplanung?
Ähnlich wie in anderen Städten. Dann müsste man eine Ausnahmegenehmigung beantragen, die für einen Übergangszeitraum normalerweise gewährt wird, wie in Regensburg oder Aalen geschehen – danach müsste dann wieder gebaut werden.
Bei einem Ausbau in Degerloch droht ja bei Hochrisikospielen immer noch das Veto der Polizei. Wäre es denn denkbar, dass man – nach den guten Erfahrungen im Pokal gegen Dortmund – auf die Mercedes-Benz-Arena als Ausweichspielstätte zurückgreift?
Unsere Spielstätte ist hier oben, das ist das Stadion der Kickers. Die Neugestaltung der Tribüne diente auch dazu, die sicherheitstechnischen Anforderungen besser erfüllen zu können. Deshalb wäre es schwer verständlich, wenn man Sicherheitsbedenken vorschieben würde. Im Grunde ist das Stadion dafür ausgerichtet, auch schwierige Spiele auszutragen. Deshalb liebäugeln wir auf keinen Fall mit einem anderen Stadion.
Wenn man die Verantwortlichen der Kickers so hört, wird der Aufstieg sowieso nicht eintreten. Bisher mauern bei diesem Thema ja alle Beteiligten konsequent. Warum?
Wir mauern nicht. Es war immer unser Anspruch, das sportlich Optimale zu erreichen. Wir haben nie gesagt: wir sträuben uns gegen irgendwas. Wir schaffen den Sprung nach oben nur nicht dadurch, indem wir sagen: wir wollen aufsteigen. Natürlich hat die sportliche Leitung große Ziele, aber wir propagieren das nicht ununterbrochen.
Was fehlt aus Ihrer Sicht sportlich noch zum Aufstieg?
Schwer zu sagen. Auswärts haben wir teilweise zu wenig Punkte geholt, da fehlten manchmal etwas die Cleverness und die Durchschlagskraft, deshalb haben wir nach dem Soriano-Ausfall mit Manuel Fischer und Baxter Bahn versucht nachzulegen. Jetzt kommt es darauf an, wie wir uns in den engen Spielen schlagen, wenn man davon ausgeht, dass vielleicht sechs Teams um drei Plätze kämpfen.
Egal, ob zweite oder dritte Liga: im Moment scheint der Verein sehr gut aufgestellt. Wo sehen Sie noch Handlungsbedarf?
Wir sind gut unterwegs, speziell im sportlichen Bereich. Wirtschaftlich sehen wir bei den Zuschauereinnahmen Verbesserungsbedarf, aber da will ich nicht vorgreifen – ich glaube, das wird kommen. Auch bei der Aufmerksamkeit in der Stadt gewinnen wir. Das sind alles Themen, die man jeden Tag neu erkämpfen muss. Beim Stichwort zweite Liga müsste man die Struktur verbessern, um zum Beispiel auf der Geschäftsstelle den Anforderungen gerecht zu werden. Wobei man sagen muss, dass unser Team mit dem Umzug nach Reutlingen und beim Pokalspiel gezeigt hat, dass es höheren Anforderungen gerecht wird.
Und wo würden Sie beim Kader im Falle des Aufstiegs den Hebel ansetzen?
Wir würden zusehen, dass wir uns in allen Mannschaftsteilen punktuell verstärken, mit dem klaren Fokus auf Qualität, weniger auf Quantität. Unser Sportdirektor Michael Zeyer hat schon eine klare Kaderplanung, sowohl für die zweite als auch für die dritte Liga. Und mit ihm sind wir bisher sehr gut gefahren.
Und was macht das Thema Trikotpartner?
Da sind wir dabei. Es ist ein ganz wesentliches Projekt, dass wir den neuen Hauptsponsor finden. Bis jetzt ist es aber nicht so, dass man sagen kann, da steht unmittelbar etwas bevor – aber wir haben ja auch noch etwas Zeit.
Wo liegt das Problem?
Jeder möchte sehen, was habe ich für einen Mehrwert. Außerdem muss der Partner ja auch zu den Kickers passen – und umgekehrt die Kickers zum Partner. Aber ich bin überzeugt: wir sind ein attraktiver Werbepartner, mit dem man was erreichen kann.
Und welches Ergebnis wollen Sie gegen Bielefeld auf der Anzeigetafel sehen?
Zunächst einmal hoffe ich, dass sich die Mannschaft von dem ganzen Drumherum nicht beeinflussen lässt und das als wichtiges Spiel begreift – bei dem unterm Strich drei Punkte für die Kickers stehen. Auch wenn es die Anzeigetafel noch nicht gibt.
Warum?
Weil es so viele andere Baustellen gab, dass wir gesagt haben: macht erst einmal die fertig. Ob die Anzeigetafel nun im Februar steht oder erst im Mai, spielt keine Rolle. Aber sie kommt.