Die Insolvenz hat den Weg freigemacht. Mercedes-Benz kann sich Kompetenzen und Güter des insolventen Oldtimerspezialisten Kienle sichern, ohne eine Verbindung mit dem ins Zwielicht geratenen Gründer Klaus Kienle eingehen zu müssen. Für den Stuttgarter Autokonzern ist das Chance und Verpflichtung zugleich.
Noch laufen die Betrugsermittlungen, und für Kienle hat wie für jeden Bürger die Unschuldsvermutung zu gelten. Ebenso klar ist, dass seit den Durchsuchungen Ende Mai 2023 anders auf die Oldtimerszene geblickt wird. Parallelen zum Kunstmarkt mit seinen Fantasiepreisen und Fälschungsskandalen drängen sich auf. Immer mehr Fälle von Autos mit manipulierter Historie werden publik. Manche entpuppen sich als Zwillinge mit identischer Fahrgestellnummer, von denen nur einer echt sein kann. Vom schicken Mercedes-Benz 300 SL wurden nur 3258 Stück gebaut. Es gibt plausible Schätzungen, dass mittlerweile mehr als hundert unterwegs sind, an deren Identität herumgefeilt wurde, die irgendwann verändert oder zusammengestückelt wurden – sei es, um einen Diebstahl zu kaschieren, sei es, um wertsteigernde Details zu frisieren.
Transparenz muss wesentliche Maßgabe sein
Die Klassikabteilung von Mercedes will mit Restaurierung, Wartung und Verkauf von Oldtimern künftig Geld verdienen, sich vom Traditionsanhängsel des Konzerns zum eigenständigen Geschäft wandeln. Die Teilübernahme von Kienle eröffnet dafür Spielräume. Unter der Annahme, dass etwaige Betrügereien der Kienle-Chefetage und nicht den Mechanikern zuzuschreiben sind, ist deren rar gewordenes Wissen von großem Wert und kann innerhalb des Konzerns weitergegeben werden. Für Mercedes aber ist der Zukauf auch eine Verpflichtung.
Der Ruch des Tricksens und Täuschens wird die Oldtimerszene weiter begleiten und sich noch verdichten, falls es zu einem Prozess gegen Kienle kommt. Wenn die Pflege des historischen Erbes für den Stuttgarter Hersteller mehr sein soll als Marketingsprech, muss er seinen Beitrag dazu leisten, Licht in den Markt zu bringen. Das geht beispielsweise, in dem (legale) Ein- und Umbauten an den Autos sauber dokumentiert werden und in den Gutachten, die das Haus erstellt, Transparenz die wesentliche Maßgabe ist. Wer beim Oldtimerverkauf mit gezinkter Originalität operiert, soll wenigstens nicht behaupten können, er habe es nicht gewusst. Andernfalls hätte sich Mercedes nicht nur den Glanz der schillernden Oldtimerwelt eingekauft, sondern auch das Zwielicht der Fälscherszene.