Kinder-Schwimmkurse Kinder sind immer öfter Nichtschwimmer

Spaß am Wasser und ein Gefühl von Sicherheit sind die Grundlagen. Foto: Tropical studio - stock.adobe.com

Schwimmen lernen verkommt in Deutschland immer mehr zu einer komplexen Wissenschaft aus unzähligen Kursen und Hilfsgerät. Mit dem Ergebnis, dass immer weniger Kinder schwimmen können.

Stuttgart - Was braucht ein Kind eigentlich, um Schwimmen zu lernen? Wenn man sich in deutschen Familien so umschaut, dann sind das Schwimmflügel und unzählige andere Schwimmhilfen wie Schwimmkissen, Schwimmgürtel, Schwimmwesten, Schwimmnudeln. Und es ist der Besuch eines oft total überfüllten Schwimmkurses mit dem Ziel, das Seepferdchen zu machen, das erste Schwimmabzeichen.

 

Quälende Übungen

Viele Kinder quälen sich hier durch zähe Übungen, mit denen sie den schweren Brustschwimm-Stil erlernen sollen. Nicht wenige gehen heulend wieder aus diesen nach Hause, weil sie diese Art des Schwimmens überfordert, sie Angst vor dem Wasser haben oder ihnen der Trubel in den Hallenbädern zu viel ist.

Überfüllte Kurse

Seit Jahren entwickelt sich Deutschland immer mehr zum Nichtschwimmerland. Inzwischen kann mehr als die Hälfte der zehnjährigen Kinder der Wasserrettungsorganisation DLRG zufolge nicht mehr schwimmen. Das liegt daran, dass seit dem Jahr 2000 rund zehn Prozent der öffentlichen Bäder in Deutschland geschlossen wurden – mit der Folge, dass Schwimmkurse überfüllt sind und Schwimmunterricht in der Schule häufig nicht mehr stattfindet. Es liegt aber auch daran, dass die Art und Weise, wie in Deutschland Schwimmen gelehrt wird, oft nicht gerade kindgerecht ist, findet Alexander Gallitz, Präsident des Deutschen Schwimmlehrerverbandes.

Schwebend durchs Wasser

Was also braucht ein Kind eigentlich, um schwimmen zu lernen? Wenn man diese Frage den Eltern der Seenomadenkinder in Thailand stellt, werden sie einen vermutlich ratlos anschauen. Hier gibt es keine Schwimmkurse und keine Schwimmhilfen. Und trotzdem schweben schon die kleinen Kinder durchs Wasser, als hätten sie nie etwas anderes getan. Da sie sich fast den ganzen Tag im Wasser aufhalten, lernen sie früh dessen natürliche Auftriebskraft kennen. Und sie experimentieren mit Schwimm-Bewegungen, die mal an Hunde, mal an Fische, mal an Frösche und mal an Delfine erinnern. Das sieht spielend leicht aus und unglaublich schön. Vor allem aber haben die Kinder einfach nur Spaß im Wasser. Kein Erwachsener würde auf die Idee kommen, ihren Schwimmstil zu korrigieren oder sie stundenlang den Froschbeinschlag üben zu lassen. „Der Beinschlag beim Brustschwimmen ist die komplexeste Bewegung im ganzen Schwimmen und ausgerechnet die sollen Fünfjährige bei uns lernen. Das sorgt bei vielen Kindern für Frust“, sagt Alexander Gallitz, Präsident des Schwimmlehrerverbandes.

Brustschwimmen wird bevorzugt

Warum in deutschen Schwimmkursen meist trotzdem nicht wie in vielen anderen Ländern zuerst Kraulen, Rückenschwimmen oder eine Mischung aus leichteren Bewegungsformen gelehrt wird, dazu gibt es viele Theorien. Die Vorliebe zum Brustschwimmen könnte aus der Zeit stammen, als Soldaten auf diese Weise am besten ihr Gewehr über einen Fluss transportieren konnten. Rettungsschwimmer haben in Brustschwimmlage den besten Überblick. „Außerdem bekommen die Kinder immer gut Luft und sind mit dem Kopf über Wasser ständig ansprechbar“, sagt Martin Holzhause von der Bundesgeschäftsstelle der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft DLRG.

Natürlicher Auftrieb

Inzwischen gibt es aber auch Schwimmschulen, die mit der Tradition des Brustschwimmens brechen. Eine davon sind die Rochenkinder in Berlin. „Bei uns steht der Spaß im Wasser im Vordergrund, und dass die Kinder dessen natürlichen Auftrieb kennenlernen und dann mit ihren eigenen Bewegungen experimentieren dürfen“, sagt Leiterin Anja Kerkow. Schwimmhilfen, die wie Gurte oder Westen künstlich Auftrieb geben, seien da nur störend. „Hier hänge ich mich passiv rein und tue etwas, dass ich ohne die Hilfe noch gar nicht kann“, sagt Kerkow.

Verzicht auf Schwimmhilfen

Auch Schwimmlehrer Alexander Gallitz würde auf Schwimmhilfen, wann immer es geht, verzichten. „Das Kind wird ohne schwimmen lernen, wenn es nur genug Zeit im Wasser verbringen darf und die Eltern es unterstützen.“

Sicherheitsgefühl geht vor

Wenn Kinder anfangs lieber zu den Armbewegungen des Brustschwimmens den Paddelbeinschlag vom Kraulen machen, unterstützt er das. Für Gallitz liegt der Kern der Sache nämlich woanders: „Das Wichtigste ist zunächst, dass das Kind im Wasser sicher unterwegs ist und weiß, wie es sich auf den Rücken legt, wenn es nicht mehr kann. Wenn das klappt, dann kann ich mich daranmachen, Schwimmstile zu lernen.“

Tipps und Informationen

1. Schwimmen fängt nicht mit dem Schwimmkurs an „Der erste Übungsplatz sollte die Badewanne sein“, so Alexander Gallitz, Präsident des Deutschen Schwimmlehrerverbandes. Hier erfahren Kinder, wie es sich anfühlt, wenn Wasser in die Ohren kommt.

2. Ein Seepferdchen macht noch keinen sicheren Schwimmer Viele Kinder machen nach einem Intensivkurs von zehn Stunden das Frühschwimmerabzeichen Seepferdchen. Das bedeutet, dass sie es am Ende des Kurses geschafft haben, eine 25 Meter lange Bahn ohne Hilfsmittel im Wasser zu überwinden, egal mit welcher Technik. „Mit sicherem Schwimmen hat das nichts zu tun“, sagt Schwimmlehrer Alexander Gallitz. Hierzu seien mindestens 50 Stunden im Wasser nötig und Strecken von mindestens 200 Metern.

3. Ein Schwimmkurs und das war’s Bekommt das Kind nach einem Seepferdchen-Kurs nicht regelmäßig die Möglichkeit, ins Wasser zu gehen, wird es schnell alles wieder verlernen. „Mindestens einmal die Woche muss man dafür schon einplanen“, sagt Anja Kerkow von der Schwimmschule Rochenkinder.

4. Jede Menge Schwimmhilfen Schwimmhilfen wie Schwimmflügel, Schwimmgurte oder Schwimmkissen können eine gute Unterstützung dafür sein, dass das Kind den Spaß im Wasser entdeckt oder verschiedene Schwimmbewegungen mal ausprobieren kann. Sie sind aber weder sicher genug, um Kinder damit allein ins Wasser zu lassen, noch helfen sie Kindern dauerhaft wirklich dabei, das Schwimmen zu lernen. Der Grund: „Man kann mit ihnen den natürlichen Auftrieb des Wassers nicht spüren, der ist aber essenziell zum Schwimmenlernen“, sagt Anja Kerkow von der Schwimmschule Rochenkinder.

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