Kinder und Internet Von Bildschirmzeiten und neuen Regeln

Patricia Cammarata empfiehlt die 3-6-9-12-Regel: keine Bildschirmmedien unter 3 Jahren, keine eigene Spielekonsole vor 6 Jahren. Kein Handy oder Smartphone vor 9 Jahren. Keine unbeaufsichtigte Computer-/Internetnutzung vor 12 Jahren. Foto: patrick - stock.adobe.com/patrick

Eltern müssen umdenken! Das Internet ist ein Zufluchtsort für Kinder während der Pandemie. Ein Interview mit der Expertin Patricia Cammarata.

Stuttgart - Patricia Cammarata, Autorin („30 Minuten und dann ist Schluss!“), Bloggerin (dasnuf.de) und Podcasterin, ist vor allem durch ihre Beiträge zu Themen der Kindererziehung und digitaler Medien bekannt geworden. Wie sollten Eltern sich aktuell verhalten, wenn ihre Kinder virtuell in der Welt unterwegs sind?

 

Frau Cammarata, zu Hause bleiben ist das Gebot der Stunde. Kinder und Jugendliche füllen die Zeit am liebsten mit ihrem Smartphone. Was befürchten Eltern eigentlich, wenn Kinder viel aufs Display schauen?

Wenn ich Eltern genau diese Frage stelle, kommt oft nicht viel. Ich denke, es ist das große Unbekannte, das Angst auslöst. Es geht vor allem um Kontrollverlust, weil viele gar nicht genau wissen, was die Kinder im Netz machen. Eltern, die konkrete Ängste haben, sind schon aufgeklärter. Viele sorgen sich, dass die Kinder mit Cyber-Mobbing oder Cyber-Grooming konfrontiert werden oder Spuren im Netz hinterlassen, die ihnen schaden können.

Ist diese Sorge der Eltern begründet?

Ja, denn Kinder hinterlassen auf jeden Fall Spuren im Netz. Die Frage, die sich stellt, lautet aber: Wie tief sind die Fußabdrücke? Eltern sollten ihren Kindern klarmachen, dass sie möglichst wenige persönliche Daten preisgeben sollen. Viele Apps verlangen Daten, die für ihre Funktionalität völlig unerheblich sind.

Andere Eltern haben Angst, dass Apps Daten ihrer Kinder sammeln. Wie hoch schätzen Sie diese Gefahr ein?

Das sind berechtigte Bedenken. Whatsapp zum Beispiel erhebt Metadaten, das sind Daten darüber, wann man wie oft von wo mit wem chattet. Diese Daten werden an alle Dienste des Facebook-Konzerns sowie an sogenannte vertrauenswürdige Drittanbieter weitergegeben. So kann sich der Konzern ein genaues Bild verschaffen.

Sollten Eltern ihrem Kind Whatsapp verbieten?

Theoretisch ja. Aber praktisch wird es schwer. Denn wenn ein Kind Whatsapp nicht nutzen darf, hat es weniger Kontakt zu seiner Peergroup. Schließlich nutzen 95 Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen Whatsapp. Trotzdem ist es wichtig, dass das Kind Bescheid weiß. Möglicherweise kann es wenigstens mit einem Teil seiner Freunde auf einer anderen App kommunizieren. Am besten sollten Eltern vor dem Einrichten eines Klassenchats das Thema mit den Lehrern durchsprechen und vielleicht so verhindern, dass Whatsapp genutzt wird.

Dürfen Eltern während der Corona-Krise ein Auge zudrücken und Kinder länger als sonst Medien konsumieren lassen?

„30 Minuten, dann ist aber Schluss!“, so lautet oft die Vorgabe. Jetzt, wo sie im Homeoffice ihre Kinder nebenbei beschäftigen müssen, sind sie tatsächlich gezwungen, ihre Haltung zu überdenken. Dringlicher als die Frage, wie lange ein Kind sich mit dem Internet beschäftigen darf, sind andere Überlegungen: Was sind die guten Spiele? Wo gibt es wertvolle Filme? Welche Apps sind empfehlenswert? Welche Youtube-Angebote sind o. k.?

Was ist denn unbedenklich, vielleicht sogar inspirierend und lehrreich?

Viele Seiten im Internet bieten dazu gute Grundinformationen. Besonders gefällt mir Elternguide online, ein Angebot des Vereins Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter. Hier können Eltern Angebote direkt nach der Altersgruppe ihrer Kinder filtern. Gute Seiten sind auch klicksafe und Schau hin. Der Spieleratgeber NRW schätzt Spiele pädagogisch ein und vermittelt ein Gefühl für die Spielmechanik einzelner Spiele.

Haben Eltern überhaupt eine Chance, ihre Kinder durchs Internet zu leiten? Die wollen doch lieber das nutzen, was die Freunde gut finden.

Jüngere Kinder schreiben ihren Eltern durchaus Medien-Kompetenzen zu. Sie glauben, dass die Eltern sich auskennen. Doch wenn Kinder älter werden, müssen sich Eltern eingestehen, dass sie oft hinterherhinken, sofern sie nicht Technik-Enthusiasten sind. Je älter Kinder werden, umso weiter sind sie Eltern voraus. Wenn Eltern dann nicht wissen, was Influencer sind und keine drei Youtube-Stars nennen können, werden ihre Warnungen eher nicht ernst genommen.

Was können Eltern tun, um ein besseres Standing zu bekommen?

Es ist wichtig, sich für das, was Kinder im Internet treiben, zu interessieren. Eltern können sich zeigen lassen, was die Kinder begeistert. Die Kinder lernen: Meine Eltern interessieren sich, sie wissen zwar auch nicht alles, doch gemeinsam können wir mit allen Herausforderungen umgehen. Beziehung ist wichtiger als Technik-Know-how. Ist die Beziehung gut, können Eltern und Kinder zusammen Informationen sammeln.

Eltern müssen also keine Internet-Freaks werden?

Nein, sie werden ohnehin nicht immer alles verstehen, denn die digitale Welt schreitet rasant voran. Es wird immer neue Plattformen und neue Dienste geben. Das sollte allerdings niemanden entmutigen. Austausch schafft Aha-Erlebnisse!

Gibt es eine einfache Regel, an der sich Eltern bei der Medienerziehung orientieren können?

Ich finde die 3-6-9-12-Regel gut. Sie besagt: Keine Bildschirmmedien unter 3 Jahren – wobei ich ergänzen würde: wenn das Kind allein ist. Keine eigene Spielekonsole vor 6 Jahren. Kein Handy oder Smartphone vor 9 Jahren. Keine unbeaufsichtigte Computer-/Internetnutzung vor 12 Jahren.

Sie haben selbst ein großes Faible für digitale Themen. So sagen Sie gern, dass das Internet für Sie nach Berlin der zweitschönste Ort der Welt ist.

Das Internet ist einfach wunderbar. Es ermöglicht so vieles. Durch meine Community habe ich zu jeder Tages- und Nachtzeit Unterhaltung und Beistand. Es gibt auf jede Frage eine Antwort. Man kann Kontakt zu weit entfernten Freundinnen halten, man kann neue kennenlernen, man ist nie mehr einsam.

Was, denken Sie, fasziniert Kinder am meisten am Internet?

Früher waren die Sommerferien für mich unendlich lang, weil ich von meinen Freundinnen getrennt war. Kinder von heute haben nicht mehr diese Isolation. Der wertvollste Aspekt, den das Internet Kindern bietet, ist der Austausch mit Gleichaltrigen ohne räumliche und zeitliche Grenzen. So können sich Kinder unabhängig von Eltern im Internet treffen und zusammen spielen, sich schreiben, Sprachnachrichten verschicken. Das ist ein Vorteil, der oft verkannt wird, der jetzt während der Pandemie aber offensichtlich wird.

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