Kinder und Tod Die Zeit heilt keine Wunden

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Wie erklärt man einer Siebenjährigen, dass ihr Papa tot ist? Gabriele Schmidt-Klering leitet in Schorndorf eine Trauergruppe für Kinder.

Die Vorstellung eines zehnjährigen Mädchens, das seinen Vater verloren hat: die Seelen der Toten können durch die Tür in den Himmel wandern – und wieder zurück. Foto: privat
Die Vorstellung eines zehnjährigen Mädchens, das seinen Vater verloren hat: die Seelen der Toten können durch die Tür in den Himmel wandern – und wieder zurück. Foto: privat
Stuttgart - Martin und Michael sitzen auf der Stuhlkante, ihre Beine baumeln über dem Boden. Die achtjährigen Zwillinge sind die Jüngsten in der Runde. "Jetzt zündet jeder seine Kerze an", sagt Gabriele Schmidt-Klering, "für jemanden, an den er besonders gerne denkt." Martin soll den Anfang machen. Der zierliche Junge kramt eine extradicke Kerze aus seinem Rucksack und nimmt die Streichholzschachtel: "Meine ist für Papa. Am 23. Juni ist er gestorben." Daneben legt er das Foto, das ihm seine Mutter mitgegeben hat: er huckepack auf seinem Vater. Ein kleiner Garten. Ein lachendes Kind. Ein schlanker, lachender Mann.

Im Schorndorfer CVJM-Haus, wo sich sonst die Mädchenjungschar Wilde Küken und die Bubengruppe Affenbande treffen, haben sich an diesem Samstagnachmittag bei bestem Freibadwetter sieben Kinder versammelt, die alle schon einen großen Verlust erlebten. Da sind Martin und Michael. Da sind die 15-jährige Nadja und die 13-jährige Nicole, die ihrem Opa nachtrauern. Da ist der zehnjährige Lukas, sein Onkel starb an Lungenkrebs. Da ist die 14-jährige Antonia, sie verlor ihren Vater. Da ist der 14-jährige Kevin. "Der Tod seines Großvaters hat eine riesige Lücke in das Familiengefüge gerissen", sagt Gabriele Schmidt-Klering. "Der Opa hielt alles zusammen."

Schmidt-Klering hat die Trauergruppe für Kinder ins Leben gerufen. Unter dem Dach der Diakonie treffen sich regelmäßig 20 Kinder zwischen sechs und 15 Jahren. Martin und Michael sind zum ersten Mal dabei. Antonia ist die Treueste, sie besucht die Gruppe, seit sie 2004 gegründet wurde.

In der Runde zählt Antonia zu den Stillen. Geht es aber um ihren Vater, ist das Mädchen mit den kräftigen, braunen Haaren kaum zu bremsen, dann sprudeln die Sätze nur so aus ihr. Es ist ihre Weise, ihm nah zu sein. Als er starb, war sie sieben. Es gibt wenig aus gemeinsamer Zeit, das ihr gegenwärtig blieb. Ein paar Bilder ragen wie kleine Inseln aus einem Meer, das fast alle Erinnerungen verschluckt hat. Ihre Schatzinseln. Denn was sie sonst über ihren Vater weiß, sind nur Erlebnisse aus zweiter Hand. Von anderen erzählt.

"Richtig kapiert hab ich das aber nicht"


Ein Kurzfilm, der in ihrem Kopf archiviert ist, spielt im Wohnungsflur: Papa ist das Pferd, und Antonia reitet wie wild auf ihm. In einer anderen Szene, sie ist vielleicht drei oder vier, rast sie am Steuer ihres roten Bobbycars die Weinberge ins Remstal hinab. Papa steht unten und fängt sie auf. Nächste Einstellung: Oma holt sie vom Kindergarten ab und sagt: "Papa ist tot." Dann ein Standbild: Papa liegt im Bett. Er hat einen schwarzen Anzug an und sieht aus, als ob er schlafe. Am Küchentisch: der kleine Bruder fragt, wann Papa wieder aus dem Urlaub zurückkommt. Schließlich die Beerdigung: die vielen Menschen, ein Hund ist auch mit auf dem Friedhof. Sie geht direkt hinter dem Sarg und muss weinen. "Richtig kapiert hab ich das aber nicht."

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