Kinderbetreuung Gemeindetag: Lage ist in Kitas ist alarmierend

Um das Betreuungsangebot beibehalten zu können, wollen Kommunen ihre Standards vorübergehend senken. Foto: dpa/Uwe Anspach

Die Regierung hat mit Einführung der Kleinkinderbetreuung einen Nerv der Zeit getroffen. Seit dem Ausbau des Angebots aber wird händeringend Personal gesucht.

Stuttgart - Wenn es so etwas gibt wie den Fluch der guten Tat, dann ist der Rechtsanspruch auf Betreuung von Kindern ab einem Jahr ein Beispiel dafür. 2007 hat die damalige schwarz-rote Bundesregierung ihn beschlossen, seit August 2013 gilt er bundesweit. Baden-Württemberg hat seither massiv in den Ausbau der Betreuungsinfrastruktur investiert, und eigentlich muss das Land sich mit der Entwicklung seither nicht verstecken: Es gibt 23 Prozent mehr Kindertagesstätten (fast 9500), 23 Prozent mehr Kita-Plätze (531 500), das Personal wurde auf 116 100 Personen verdoppelt, und die Zahl der betreuten Kinder ist um zwanzig Prozent auf 455 800 gewachsen.

 

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Den Nerv der Zeit getroffen

Haben die Kommunen im Land, wie der Gemeindetag Baden-Württemberg darlegt, 2007 noch 1,6 Milliarden Euro in die Betreuungsinfrastruktur investiert, waren es 2021 bereits 4,72 Milliarden Euro; davon hat das Land 1,154 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt. Für das laufende Jahr hat der kommunale Spitzenverband einen Nachschlag von 150 Millionen Euro gefordert.

Die bisherige Entwicklung zeigt: Der Beschluss über den Rechtsanspruch von damals hat den Nerv der Zeit getroffen und trifft ihn bis heute. Die Nachfrage steigt und die Geburtenrate auch. Allein: Der bisherige Ausbau reicht nicht aus, um den Bedarf zu decken, und der Personalmangel wird jedes Jahr größer. Deshalb hat das Präsidium des Gemeindetags bei einer Klausurtagung in Eppingen an diesem Mittwoch Alarm geschlagen. „Der Facharbeitsmarkt ist leer gefegt, viele bereitgestellte Ausbildungskapazitäten bleiben unbesetzt, wir können keine Erzieherinnen und Erzieher backen“, hat Steffen Jäger, der Präsident des kommunalen Spitzenverbands, erklärt.

Der Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg hat errechnet, dass bis 2025 jährlich 7000 Fachkräfte zusätzlich nötig wären, um die wachsende Nachfrage nach Betreuung zu befriedigen und ausscheidende Mitarbeiter zu ersetzen. Obwohl das Land die Ausbildungskapazitäten seit 2009 verdoppelt hat, wie der für die frühkindliche Bildung zuständige Staatssekretär im Kultusministerium Volker Schebesta (CDU) erklärt, kommt die Ausbildung junger Fachkräfte dem Bedarf nicht hinterher. Der Gemeindetag hat deshalb einen „Kita-Fahrplan 2025“ beschlossen. „Damit soll eine bedarfsgerechte Erfüllung des Rechtsanspruchs für alle Kinder bestmöglich erreicht werden“, heißt es in dem Papier.

Aktion helfende Hand

Als Notbehelf zur Überbrückung der Personalnot wollen die Gemeinden zeitweise die bisher geltenden Standards senken: Die Größe der Betreuungsgruppen soll von maximal 28 auf 30 Kinder erhöht werden. Der Mindestpersonalschlüssel soll für sechs Monate um bis zu zwanzig Prozent unterschritten werden dürfen. Fehlende Fachkräfte sollen durch un- oder angelerntes, geeignetes Personal vertreten, die Qualifizierung von Quereinsteigern soll gefördert werden. „Jede helfende Hand ist auch eine Entlastung für die Erzieherinnen und Erzieher“, erklärte Verbandschef Jäger.

Laut Staatssekretär Schebesta zeigt der Gemeindetag mit seiner Lagebeschreibung, „vor welchen Herausforderungen Land und Kommunen“ stehen. Deshalb habe die Landesregierung bereits im Dezember die Initiative frühkindliche Bildung mit allen beteiligten Partnern gestartet. Dabei gehe es unter anderem darum, das Berufsfeld attraktiver zu machen, und um die Frage, wie Zusatzkräfte ohne Fachausbildung sinnvoll eingesetzt werden können. Außerdem forderte Schebesta den Bund auf, die Investitionskostenförderung fortzusetzen.

Kommt es nicht zu der von den Gemeinden gewünschten Flexibilisierung, können die Folgen drastisch sein: „Wenn dies von der Politik nicht ermöglicht wird, dann werden Hunderte von Kommunen ihr frühkindliches Bildungsangebot einschränken müssen, da das Fachpersonal faktisch nicht zu bekommen ist“, betont Verbandspräsident Jäger.

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