Kinderbetreuung in Herrenberg Der Notfall wird zum Normalfall

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Die Stadt Herrenberg muss dauerhaft die Öffnungszeiten ihrer Kindergärten kappen – aus Personalnot. Der Versuch, Lücken mit Springern zu stopfen, hatte lediglich die Eltern verärgert. Das Problem ist ein bundesweites.

In den Herrenberger Kitas fehlen 25 Fachkräfte. Umgerechnet entspricht dies acht Prozent des nötigen Personals. Foto: factum/Granville
In den Herrenberger Kitas fehlen 25 Fachkräfte. Umgerechnet entspricht dies acht Prozent des nötigen Personals. Foto: factum/Granville

Herrenberg - Am letzten Montag im Januar hing wieder ein Zettel an der Tür. Im übertragenen Sinn informierte er Mütter und Väter darüber, dass sie sich für den Rest der Woche zwei Stunden früher als sonst von ihrem Arbeitsplatz verabschieden sollten. Tatsächlich informierte er, dass Eltern ihre Kinder in den nächsten vier Tagen um 15 statt um 17 Uhr abholen müssten. Die Tür war die der Kita Längenholz, aber der Name ist austauschbar. Weil Personal fehlt, müssen Herrenberger Kindergärten regelmäßig ihre Betreuungszeiten kappen. Der Notfall wird zum Normalfall. Das Sozialamt hat sogar ein Merkblatt veröffentlicht, in dem es Eltern bittet, als ungelernte Aushilfskräfte einzuspringen.

„Die Information kommt per Aushang oder über das Mamanetzwerk aufs Handy“, sagt Eva Renz, „und zwar immer extrem kurzfristig“. Sie zählt zu den betroffenen Müttern. Beschwerden im Rathaus seien sinnlos. „Es ist frustrierend, wie man da abgebügelt wird“, sagt Renz. Sie arbeitet in Gleitzeit und vor Ort. Anderen Eltern bleibe nur, sich Urlaub zu nehmen.

Die Mütter hegen ohnehin Groll gegen die Rathausoberen

Wegen des Plans, die Betreuungsgebühren um zehn Prozent zu erhöhen, hegen die Mütter ohnehin Groll gegen die Rathausoberen. Nach monatelanger Diskussion in Arbeitskreisen lag dazu im Sommer des vergangenen Jahres ein Konzeptpapier auf dem Tisch – gegen die Stimmen der Elternvertreter. 700 Protestunterschriften später setzte der Gemeinderat das Thema ab. Seither scheint das Papier verschwunden.

Das Problem des Personalmangels haben die Herrenberger aber keineswegs allein. In Berlin-Tempelhof kündigte eine Kita 113 Eltern kurzerhand die Betreuungsverträge. In Hamburg-Altona schloss die evangelische Kirche einen Kindergarten gleich ganz. In Hannover setzte die Kita St. Johannis die Hälfte der Kinder auf die Straße. Dies ist eine willkürliche Auswahl aktueller Fälle. Just zum 1. März hat in Ludwigsburg die Leitung einer Vorzeige-Kita die Ganztagesbetreuung gestrichen. In allen Fällen ist die Ursache Personalnot gepaart mit Krankmeldungen oder Kündigungen. Die Reihe ist beliebig fortsetzbar.

Das Herrenberger Sozialamt hatte lange versucht, sich mit Verschiebung von Personal zu behelfen. Am 12. Februar verschickte die Stadt gleichsam eine Kapitulationserklärung an die Presse. Im Versuch, Unangenehmes freundlich zu deuten, war sie überschrieben: „Wohl des Kindes steht an erster Stelle“. In der erkältungsträchtigen Jahreszeit waren die Lücken mit Springern nicht mehr zu stopfen. 25 Fachkräfte – umgerechnet acht Prozent – fehlen in den 27 städtischen Einrichtungen. An deren Führungspersonal erging die Weisung, einen Notfallplan zu erarbeiten. „Das Ziel ist Verlässlichkeit“, sagt der Amtsleiter Johannes Roller, „wir können den Frust verstehen“.

Mindestens 100 000 Fachkräfte fehlen bundesweit

Allerdings wird die Verlässlichkeit Öffnungszeit kosten. „Wir müssen in den Randzeiten runterfahren“, sagt Roller, jedenfalls, bis neues Personal gefunden ist. Nur: „Der Markt ist leer“, sagt der Amtsleiter. Diesem Satz wird niemand widersprechen. 745 000 Menschen arbeiten bundesweit als Erzieher. Gemäß Hochrechnungen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft müssten umgehend 100 000 weitere eingestellt werden, um den Notstand zu beheben. Bis 2025 müssten 300 000 neue Kräfte angelernt werden, um den Standard zu halten, 500 000, um ihn zu verbessern. Das Bundesfamilienministerium rechnet den Mangel zwar kleiner, kommt aber ebenfalls auf sechsstellige Zahlen.

Trotz des jüngst verabschiedeten Gute-Kita-Gesetzes ist keine Besserung absehbar, im Gegenteil. Im Verdienst von knapp 2000 bis zu 3000 Euro – je nach Berufserfahrung – sieht die Gewerkschaft nicht einmal das Kernproblem. Die Ausbildung ist nicht bundeseinheitlich geregelt, aber deutschlandweit gilt: Während der mehrjährigen Ausbildungszeit bekommt der Nachwuchs kein Gehalt, sondern muss teilweise sogar noch Schulgeld zahlen.

Das Beispiel Herrenberg verbildlicht wiederum den tristen Blick in die Zukunft. Die Stadt wird in den nächsten Jahren rund 260 zusätzliche Kitaplätze schaffen, denn sie muss, um den gesetzlich verbrieften Rechtsanspruch auf Betreuung zu erfüllen. „Ob es gelingt, dafür Personal zu finden, ist die spannende Frage“, sagt Roller. Schließlich müssen nicht nur die Herrenberger, sondern sämtliche Städte die gesetzlichen Vorgaben erfüllen.