Kinderbetreuung in Ostfildern Berufstätige Eltern kritisieren verkürzte Zeiten

Die Mütter und Väter der Kindertagesstätte „Kunterbunt“ in Nellingen fordern, wieder zu den alten Betreuungszeiten zurückzukehren. Foto: Ines Rudel

Um die Betreuung wieder verlässlicher zu gestalten, verkürzte die Stadt Ostfildern die Betreuungszeit in den Kitas. Das stellt Eltern der Kindertagesstätte Kunterbunt in Nellingen „vor existenzielle Probleme“.

Reporterin: Elisabeth Maier (eli)

Die verkürzten Betreuungszeiten in den städtischen Kindergärten von Ostfildern bereiten vielen Familien große Probleme. „Die neuen Öffnungszeiten machen die Situation für die Eltern noch schwieriger“, sagt Markus Kröll. Der Vorsitzende des Elternbeirats der Kindertagesstätte Kunterbunt in Nellingen kritisiert die Entscheidung des Gemeinderats. Flexible Arbeitszeiten sowie Leben und Arbeiten vor Ort seien außerhalb der Stadtverwaltung nicht die Lebenswirklichkeit, sagt Kröll: „Wie soll jemand, der um 8 Uhr anfangen soll zu arbeiten, um 7.30 Uhr das Kind erst zur Kita bringen?“

 

In den Kindertageseinrichtungen der Stadt Ostfildern schlägt der Fachkräftemangel durch. Mit diesem Problem steht die Stadt mit 40 000 Einwohnern nicht alleine da. Wie viele andere Kommunen sah sich deshalb auch Ostfildern gezwungen, die wöchentliche Betreuungszeit zu reduzieren. Dennoch warten weiter viele berufstätige Eltern vergeblich auf einen Kindergartenplatz. Gleichzeitig wird es für alle Träger immer schwieriger, verlässliche Betreuungszeiten anzubieten. Deshalb sahen sich auch Ostfilderns Kommunalpolitiker gezwungen, die Zeiten zu reduzieren. Ganztagsbetreuung können Eltern nur noch für maximal 45 statt für bisher 50 Stunden buchen. Um mehr Kindern einen Betreuungsplatz bieten zu können, stimmten die Stadträte im Juli vergangenen Jahres für die verkürzten Zeiten. Denn der Mangel an Plätzen ist groß. Die Einrichtungen haben lange Wartelisten. Im Frühjahr 2023 waren nach ihren Worten mehr als 300 Kinder auf den Vormerklisten der Stadt. Zugleich schnürten Verwaltung und Kommunalpolitiker ein Paket von Projekten, um qualifiziertes Fachpersonal zu gewinnen.

Die neuen Zeiten stellen die Eltern nun aber nach Krölls Worten „vor existenzielle Probleme“. Viele müssten nun Verdienstausfälle hinnehmen. Deshalb haben er und die anderen Elternbeiräte der Kita Kunterbunt in der Ludwig-Jahn-Straße in Nellingen einen offenen Brief an Ostfilderns Oberbürgermeister Christof Bolay geschrieben. „Die meisten können ihren Beruf nicht wie bisher ausüben“, heißt es in dem Schreiben der betroffenen Väter und Mütter. Viele seien nun vom „guten Willen“ Dritter abhängig. Besonders für Alleinerziehende sei das schwer. Gerade im Schichtdienst wie bei Krankenhauspersonal oder im Einzelhandel sei es nicht möglich, einfach später anzufangen.

Die Eltern wünschen sich, möglichst bald mit der Stadt in einen Dialog zu treten und nach Lösungen zu suchen, wie die Randzeiten überbrückt werden könnten. In dem Brief fordern die Eltern, dass die alten Zeiten ab März 2024 wieder angeboten werden. Kröll wünscht sich, „dass wir mit der Stadtverwaltung ins Gespräch gehen und nach kreativen Lösungen suchen“. Denkbar wäre für ihn zum Beispiel, die Randzeiten mit Fachkräften vom Tageselternverein zu überbrücken. Der Familienvater sieht die Stadt in der Pflicht, bei der Suche nach neuem Personal stärker aktiv zu werden.

Gesamtelternbeirat und Kindergartenausschuss einbezogen

Die scharfe Kritik der Mütter und Väter, dass diese nicht rechtzeitig über die Änderungen informiert worden seien, weist Ostfilderns Oberbürgermeister Christof Bolay zurück. Doch er sieht die Nöte der Eltern. Falls der Tageselternverein da Kapazitäten habe, kann sich der OB eine Zusammenarbeit vorstellen. Die Kindertagesstätte Kunterbunt in Nellingen war nach seinen Worten in jüngerer Zeit besonders stark von Ausfällen betroffen. „Wir waren gezwungen, die Zeiten zu reduzieren, um wieder verlässlichere Betreuungszeiten anbieten zu können“, sagt Bolay. Diese Entscheidung ist bereits im Juli 2023 gefallen. Der Oberbürgermeister legt Wert darauf, dass sowohl der Gesamtelternbeirat der Ostfilderner Kitas als auch der Kindergartenausschuss „die Pläne begrüßt haben“. Beide Gremien habe man in den Entscheidungsprozess eingebunden.

Der Fachkräftemangel ist aus Bolays Sicht das größte Problem. Deshalb beschäftigen sich Ostfilderns Kommunalpolitiker intensiv mit dem Thema Personalgewinnung. Stefanie Sekler-Dengler (SPD) hatte für ihre Fraktion beantragt, dass die Vorbereitungszeiten des Personals geringfügig verringert werden, um mehr Kita-Plätze zu schaffen. Das fand im Gremium keine Mehrheit – die Zeiten werden für Vorbereitung und Elterngespräche gebraucht. Die Lage in Baden-Württemberg ist nach ihren Worten „dramatisch“. Auf Antrag der Freien Wähler wird der neue Bildungsgang ‚Direkteinstieg Kita Baden-Württemberg‘ in den Blick genommen. Diese berufserfahrenen Fachkräfte anzusprechen, sieht Corina Raisch (FW) als eine Chance, Mitarbeitende zu gewinnen.

In den Kitas fehlen Fachkräfte

Personalmangel
 Einer Studie der Bertelsmann-Stiftung, dem „Fachkräfte-Radar für Kita und Grundschule 2022“, zufolge werden in Baden-Württemberg bis 2030 rund 36 000 Menschen in Kita-Berufe eintreten. Das werde bei weitem nicht reichen, so die Stiftung. Demnach würden 33 000 weitere Erzieherinnen und Erzieher benötigt, um in allen Kitas eine kindgerechte Personalausstattung nach wissenschaftlichen Empfehlungen zu sichern.

Direkteinstieg
 An berufserfahrene Menschen aus anderen Branchen richtet sich der Ausbildungsgang „Direkteinstieg Kita“ in Baden-Württemberg. Für die Absolventinnen und Absolventen wird der Berufsabschluss in zwei Jahren statt wie regulär in drei Jahren ermöglicht. Parallel zur Ausbildung in allen Bereichen der frühkindlichen Bildung arbeiten die Fachkräfte bereits in den jeweiligen Einrichtungen und lernen die Strukturen sowie die Praxis kennen.

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